Besiedlung Madagaskars

Reis und Mungobohnen als archäologische Quellen

Die Besiedlung Madagaskars ist ein ungelöstes Rätsel der Menschheitsgeschichte. Vor der ostafrikanischen Küste gelegen und viele tausend Kilometer von Südostasien entfernt, ist Madagaskar die Heimat von Menschen, die eine Sprache sprechen, die eng verwandt ist mit den Sprachen des pazifischen Raums und Südostasiens.

Im Hochland Madagaskars finden sich auch heute noch zahlreiche Reisfelder. Vor mehr als 1000 Jahren brachten Siedler aus Südostasien das Getreide auf die Insel. (© Mark Horton / Universität Bristol)

Während genetische Studien schon vor einiger Zeit eine enge Verwandtschaft der Madagassen etwa mit Malaysiern und Polynesiern nachweisen konnten, haben Archäologen bislang vergeblich versucht, Belege für die Besiedlung der Insel von Südostasien aus zu finden. Einem internationalen Forschungsteam unter maßgeblicher Beteiligung der Max-Planck-Direktorin Nicole Boivin ist es nun erstmalig gelungen, durch die Analyse von pflanzlichen Überresten aus archäologischen Sedimenten verlässliche Hinweise auf die Herkunft der madagassischen Urbevölkerung zu finden.

Aus Sedimenten an 18 prähistorischen Siedlungsorten auf Madagaskar, den Komoren und an der ostafrikanischen Küste haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 2443 pflanzliche Überreste von Nutzpflanzen identifiziert. In der in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichten Studie datieren sie die Funde auf die Zeit zwischen 700 und 900 unserer Zeitrechnung.

„Uns überraschte der deutliche Unterschied zwischen den ackerbaulich genutzten Pflanzenarten der ostafrikanischen Küstenregion und denen auf Madagaskar“, sagt Alison Crowther von der Universität Queensland, leitende Autorin der Studie. „Und je genauer wir hinsahen, desto deutlicher wurde der Unterschied.“ Die historischen Pflanzenfunde von der ostafrikanischen Küste und den nächstgelegenen Inseln waren ganz überwiegend von afrikanischen Nutzpflanzen dominiert – wie Sorghum, Perlhirse und Affenbrot, die bereits mehrere Jahrhunderte zuvor an der ostafrikanischen Küste beheimatet waren und von Bauern über den afrikanischen Kontinent verbreitet wurden. Im Gegensatz dazu enthielten die Proben aus Grabungsstätten auf Madagaskar wenige oder keine afrikanischen Pflanzenarten. Stattdessen bestanden sie hauptsächlich aus asiatischen Sorten wie asiatischem Reis, Mungobohnen und asiatischer Baumwolle.

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Das Team untersuchte, in welchen anderen Gebieten rund um den indischen Ozean diese Nutzpflanzen angebaut wurden und berücksichtigte zusätzlich historische und linguistische Daten. Auf dieser Basis konnten die Forscher überzeugend darlegen, dass die Nutzpflanzen aus Südostasien nach Madagaskar kamen. „Es gibt noch vieles, was wir über die Vergangenheit Madagaskars nicht wissen, sie bleibt eines unserer großen Rätsel", sagt Nicole Boivin, weitere Leiterin der Studie und Direktorin der neugegründeten Abteilung Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. „Was spannend ist: Wir haben endlich einen Weg gefunden, einen Blick auf die äußerst rätselhafte südostasiatische Besiedlung der Insel zu werfen. Wir können sie eindeutig trennen von der Besiedlung, die vom afrikanischen Kontinent aus stattgefunden hat. Offensichtlich brachten die Südostasiaten Samen von Nutzpflanzen aus ihrer Heimat mit, pflanzten sie auf Madagaskar an und ernährten sich von ihnen. Archäologen können diese Überreste nutzen, um endlich grundlegende Einblicke zu bekommen, wie die Insel besiedelt wurde.“

Bestätigung durch linguistische Befunde
Ein solcher neuer Einblick ist, dass nicht nur Madagaskar von Südostasiaten besiedelt wurde, sondern auch das benachbarte Archipel der Komoren, das zwischen Madagaskar und der nördlichen Küste Mosambiks liegt. „Damit haben wir nicht gerechnet“, merkt Alison Crowther an, „denn die Menschen auf den Komoren sprechen afrikanische Sprachen, und sie sehen – anders als die Bevölkerung Madagaskars – überhaupt nicht aus, als könnten sie südostasiatische Urahnen haben.“ Linguistische Befunde unterstützen allerdings die Hypothese der Forscherinnen: „Als wir die Ergebnisse der Sprachforscher zu den Komoren genauer analysierten, stellten wir fest, dass zahlreiche angesehene Linguisten dieselbe Argumentation verwenden, die uns die archäologischen Funde nahelegen: eine Besiedlung der Komoren durch Menschen aus Südostasien“, führt Nicole Boivin aus.

Noch sind viele Fragen offen. „Wir möchten herausfinden, wer diese Menschen waren und welchen Einfluss sie hatten“, sagt Alison Crowther. „Zu den Ereignissen die möglicherweise mit der Ankunft der Menschen aus Südostasien in Zusammenhang stehen, gehört das Verschwinden von Madagaskars bekannter Megafauna, zu denen verschiedene Arten von riesigen Vögeln, Riesenlemuren und Riesenschildkröten gehören.“ Fragen wie diesen möchte das Team in weitere Forschungsarbeiten auf Madagaskar nachgehen.

Originalpublikation:
Alison Crowther, Leilani Lucas, Richard Helm, Mark Horton, Ceri Shipton, Henry T. Wright, Sarah Walshaw, Matthew Pawlowicz, Chantal Radimilahy, Katerina Douka, Llorenç Picornell-Gelaber, Dorian Q Fuller, and Nicole Boivin: Ancient crops provide first archaeological signature of the westward Austronesian expansion. Proceedings of the National Academy of Sciences.

Ansprechpartner:
Dr. Nicole Boivin
Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena
E-Mail: boivin@shh.mpg.de

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