Risikobewertungen von Lebensmittelkontaktmaterialien

Fresenius-Konferenz “Residues of Food Contact Materials in Food"

Rückstände aus Lebensmittelkontaktmaterialien sind ein Fall fürs Labor: Über umfangreiche chemische Analysen wird festgestellt, ob eine Gesundheitsgefährdung für den Menschen vorliegt.

Für einige Stoffe wurden bereits Risikobewertungen durchgeführt, viele andere jedoch werden noch erforscht. Die vierte Internationale Fresenius-Konferenz "Residues of Food Contact Materials in Food", die vom 5. bis 6. März 2015 in Köln stattfand, beschäftigte sich mit aktuellen Meldungen aus den Fachgebieten Regulierung, Toxikologie, Compliance-Arbeit und Risikobewertung.

Die EFSA hat kürzlich erneut eine Risikowertung für den Stoff Bisphenol A (BPA) vorgenommen. Trine Husøy (Norwegian Institute of Public Health) stellte die Ergebnisse in Köln vor. Demnach umfasste die Untersuchung der EFSA sowohl die Exposition der Konsumenten von außen, d.h. durch die Luft, durch Hautkontakt oder Verzehr, und die aufgenommene Menge des Stoffs im Körper als auch die aggregierte Exposition aus der oralen und dermalen Übertragungsroute.

Die Altersgruppen mit der höchsten geschätzten Aufnahme von BPA durch die Nahrung seien Babys über sechs Monaten und Kleinkinder bis zu einem Alter von drei Jahren, so Husøy. Vor allen Dingen Konserven und Fleisch sowie Fleischprodukte seien hierfür verantwortlich. Allerdings seien die momentanen Schätzungen aufgrund besserer Daten und weniger konservativer Annahmen bedeutend niedriger als noch 2006 ausgefallen, unterstrich die Expertin. Zudem habe man im Vergleich zur letzten Untersuchung weniger Unsicherheiten zu verzeichnen, die sich jetzt nur noch auf niedrigem Niveau bewegen.

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Abseits der genannten Nahrungsmittel wurde Thermopapier als weitere Hauptquelle von BPA ausgemacht. Diese betrifft Kinder ab drei Jahren, Jugendliche und Erwachsene. Die Exposition durch Staub, Kosmetika und Raumluft sei dagegen weniger bedeutend, erklärte Husøy. Sie wies jedoch darauf hin, dass die Datenlage im Non-Food-Bereich begrenzt sei und hier noch hohe Unsicherheiten bestünden. Im Hinblick auf die Aufnahme von BPA durch die Nahrung gab Husøy jedoch Entwarnung: Die EFSA habe keine gesundheitliche Gefährdung für irgendeine Altersgruppe feststellen können, unterstrich sie.

Auch die aggregierte Exposition (Nahrung plus andere Quellen) gebe nach Einschätzung der EFSA nur wenig Anlass zur Sorge, wenngleich die beträchtlichen vorhandenen Unsicherheiten in der Expositionsschätzung der Non-Food-Quellen derzeit kein endgültiges Urteil erlauben.

MOSH: weitere Erforschung dringend notwendig
Mineralöle sind komplexe Gemische, welche in gesättigte (MOSH) und aromatische Kohlenwasserstoffe (MOAH) eingeteilt werden, weil sich diese toxikologisch grundsätzlich verschieden verhalten: Unter den MOAH sind Kanzerogene, was für MOSH nicht angenommen wird, allerdings bauen MOSH im menschlichen Körper sehr hohe Konzentrationen auf. Dr. Konrad Grob (Kantonales Labor Zürich) zeigte auf der Konferenz auf, dass der Körper von 37 untersuchten Individuen über 5 g MOSH im Körper enthielt, mit einem Maximum von 13.5 g, was ca. 20 ml Öl entspricht. Die höchsten Konzentrationen wurden in Leber, Milz und Lymphknoten gefunden, mit Maxima bei 1400 mg/kg. Da MOSH praktisch wasserunlöslich sind, sind die Konzentrationen in lipophilen Teilen (z.B. Membranen) im Bereich von Prozenten.

Die MOSH sind wenig reaktiv, wahrscheinlich auch nicht kanzerogen, gewisse (z.B. Pristan) beeinflussen aber die Immunantwort und sind vor allem wegen den extrem hohen Konzentrationen bedenklich. So wurden schon in den 1970er Jahren Granulome in den belasteten Organen gefunden. Diese bestehen aus Tröpfchen von Öl, welche das Gewebe umhüllt und als Fremdkörper zu eliminieren versucht - was aber nicht gelingt.

In gewissen Rattenstämmen sind chronische Entzündungen aufgetreten, die jedoch für den Menschen bisher nicht beobachtet wurden. Die hohen MOSH-Konzentrationen müssen dadurch entstanden sein, dass der menschliche Körper gewisse Typen von Kohlenwasserstoffen nur sehr langsam oder überhaupt nicht mehr los wird. Gemäß Schätzungen der Europäischen Gesundheitsbehörden nehmen Europäer täglich 1,8 bis 18 mg MOSH auf, so dass es Jahre gedauert haben muss, bis die gefundenen Mengen zusammen gekommen sind. Nur solche mit einer Kohlenstoffzahl von 16 bis 45 werden aufgenommen und auch von diesen wird ein großer Teil wieder eliminiert, wodurch grammweise nicht metabolisierbarer Rückstand bleibt, der möglicherweise über das ganze Leben akkumuliert und über die Muttermilch auch an die Babys weitergegeben wird.

Die bisher verwendeten Bewertungen aus Tierversuchen unterschätzen die menschliche Belastung: Die bei 2 % Mineralöl im Futter in Rattengewebe gemessenen MOSH-Konzentrationen sind wenig über jenen, die in stark belasteten menschlichen Geweben gefunden wurden - obwohl der Mensch 100 bis 1000 Mal weniger belastet ist. Dies rührt einerseits daher, dass die meisten Tierversuche viel zu kurz waren, um die Akkumulation im Menschen abzubilden (oft 90 Tage), und andererseits, dass die Aufnahme bei tiefen Konzentrationen im Futter oder Essen ca. 10-fach höher ist. Das bedeutet, dass es den vermeintlichen Sicherheitsabstand zum Tierversuch gar nicht gibt.

Die bisherige toxikologische Bewertung ging davon aus, dass Kohlenwasserstoffe im Bereich unter 25 Kohlenstoffatomen sehr viel bedenklicher sind als höher molekulare (mittlere C-Zahl von mindestens C34 und weniger als 5 % Anteil unter C25). Nun zeigte sich aber, dass gerade diese in den am stärksten akkumulierten Anteil fallen. Glücklicherweise werden die daraus abgeleiteten Grenzwerte bei weitem nicht ausgeschöpft, denn sonst wären die Gehalte in menschlichen Körper noch viel höher. Grob schließt daraus, dass die bestehenden Bewertungen und Grenzwerte auf Grund der neuen Daten korrigiert werden müssen. Es gibt keine sorglos einsetzbaren, "lebensmitteltauglichen" Mineralöle, auch wenn sie frei von MOAH sind, so der Experte. Zudem müssten die Übergänge von Oligomeren aus Kunststoffen besser untersucht werden, die oft ähnlich wie MOSH aufgebaut sind, schloss Grob.

TTC-Ansatz für Risikobewertung bei NIAS
Der Frage, wie Reaktions- und Abbauprodukte (NIAS) in der toxikologischen Risikobewertung behandelt werden sollen, nahm sich Ivonne Rietjens (Wageningen Universität, Niederlande) an. Der bekannte TTC-Ansatz (Threshold of Toxicological Concern), nach dem bestimmte Expositionslevel aus toxikologischer Sicht als insignifikant für die Gesundheit angesehen werden, könne auch bei der Bewertung von NIAS weiterhelfen, so die Expertin. Hierfür müsse man jedoch im Vorfeld klären, ob dieser im speziellen Fall angewendet werden könne bzw. dürfe.

Der TTC ist bislang nur auf Substanzen oder Substanzgruppen anwendbar, deren chemische Struktur bekannt ist. Ist diese unbekannt oder gehört der zu bewertende Stoff in eine Stoffklasse, bei der nicht mit dem TTC gearbeitet werden darf - unter anderem bei hochwirksamen Karzinogenen, anorganischen Substanzen, Proteinen, Nanomaterialien und radioaktiven Substanzen der Fall -, ist eine Nutzung des Konzepts nicht möglich. Allerdings werde derzeit an einer Weiterentwicklung des Ansatzes für nicht identifizierte Substanzen gearbeitet, erklärte Rietjens.

Die entsprechende Arbeitsgruppe des International Life Sciences Institute Europe (ILSI) schlägt einen Höchstwert von 0,15 µg Person und Tag als Grenze für genotoxische Verbindungen vor. Dies setze allerdings voraus, dass der fragliche Stoff nicht zu einer Stoffklasse zähle, die von der TTC-Nutzung ausgenommen sei, betonte Rietjens. Für Verbindungen der Cramer-Klasse III (nicht genotoxische Verbindungen inklusive nicht genotoxischer Karzinogene) wurden 90 µg als Höchstwert definiert.

Um festzustellen, ob ein Stoff zur Klasse der TTC-Ausnahmen gehört, werden neben Expertenmeinungen, chemischem Basiswissen und analytischen Ansätzen bislang vor allen Dingen Bioassays herangezogen. Abschließend bemerkte Rietjens, dass das TTC-Konzept zur Anwendung unbekannter Substanzen noch weiter entwickelt werden müsse und dass eine Anerkennung des Verfahrens für die Anwendung bei NIAS unbekannter Struktur durch die regulierenden Instanzen notwendig sei.

Die Tagungsunterlagen mit den Skripten aller Vorträge der Fresenius-Konferenz können zum Preis von 295,- EUR zzgl. MwSt. bei der Akademie Fresenius bezogen werden.

Kontakt:
Akademie Fresenius GmbH
Annika Koterba
Tel.: +49 231 75896-74, Fax: +49 231 75896-53
E-Mail: akoterba@akademie-fresenius.de

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