Kohortenstudie

Melanie Steinbeck,

Beinflussen orale Kontrazeptiva die Impfantwort?

Millionen Frauen weltweit nehmen orale Kontrazeptiva ein. Seit Jahren wird deshalb wissenschaftlich diskutiert, ob die hormonelle Verhütung die Wirksamkeit von Impfungen beeinflussen könnte. Eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) liefert nun neue Daten: Die Einnahme der Antibabypille verändert die humorale oder zelluläre Immunantwort nach COVID-19-Boosterimpfungen nicht messbar.

Die Analyse der CoVacSer-Studie zeigt, dass die Einnahme oraler Kontrazeptiva die humorale oder zelluläre Immunantwort nach COVID-19-Boosterimpfungen nicht relevant verändert.

Die Forschenden werteten die Daten von 1.061 Frauen im Alter zwischen 18 und 50 Jahren aus. Rund jede fünfte Teilnehmerin gab an, orale Kontrazeptiva einzunehmen. Auch unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren wie Alter, Body-Mass-Index, Impfstoff, frühere SARS-CoV-2-Infektionen und Beruf fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler keinen Hinweis darauf, dass die Pille die Impfantwort relevant beeinflusst.

Untersucht wurden sowohl die Antikörperbildung als auch die T-Zell-Immunität vor und nach der dritten beziehungsweise vierten COVID-19-Impfung. Für keinen der analysierten Parameter zeigte sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang mit der Einnahme oraler Kontrazeptiva.

Die Untersuchung basiert auf der prospektiven CoVacSer-Studie des Universitätsklinikums Würzburg. In dieser Langzeitstudie wurden mehr als 1.800 Beschäftigte des Gesundheitswesens während der Pandemie über mehrere Jahre immunologisch begleitet. Ziel war es, Faktoren zu identifizieren, die die Immunantwort nach Impfung oder SARS-CoV-2-Infektion beeinflussen.

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Bedeutung für Impfstrategien

„Weltweit nehmen Millionen von Frauen orale Kontrazeptiva ein. Gleichzeitig spielen Impfungen eine zentrale Rolle in der Prävention von Infektionskrankheiten. Entsprechend wichtig ist die Frage, ob sie die Wirksamkeit von Impfungen beeinflussen können“ sagt Dr. Isabell Wagenhäuser, Erstautorin der Studie.

„Unsere Ergebnisse zeigen keinen relevanten Einfluss oraler Kontrazeptiva auf die Immunantwort nach COVID-19-Boosterimpfungen. Die Daten können dazu beitragen, bestehende Unsicherheiten wissenschaftlich einzuordnen und schaffen zugleich eine Grundlage für weitere Untersuchungen möglicher Wechselwirkungen zwischen häufig eingesetzten Medikamenten und Impfantworten auch bei zukünftigen Impfstoffen.“

Große Kohorten statt randomisierter Studien

Die Untersuchung adressiert eine wissenschaftlich anspruchsvolle Fragestellung. Randomisierte kontrollierte Studien, bei denen Frauen gezielt zur Einnahme oraler Kontrazeptiva eingeteilt würden, sind aus ethischen Gründen kaum möglich. Umso wichtiger sind große, gut charakterisierte Kohorten und geeignete statistische Verfahren.

„Die Fragestellung ist wissenschaftlich anspruchsvoll“, sagt der Biostatistiker Dr. Alexander Gabel vom Centre for Integrative Infectious Disease Research (CIID) der Universität Heidelberg. „Randomisierte kontrollierte Studien zur Einnahme oraler Kontrazeptiva sind aus ethischen Gründen kaum möglich. Deshalb sind große, gut charakterisierte Kohorten und robuste statistische Verfahren entscheidend, um mögliche Zusammenhänge verlässlich zu untersuchen.“

Frühere kleinere Studien hatten teilweise Zusammenhänge zwischen hormoneller Kontrazeption und einzelnen immunologischen Parametern beschrieben. Ihre Aussagekraft war jedoch eingeschränkt, da mögliche Störfaktoren nicht immer ausreichend berücksichtigt werden konnten.

Die aktuelle Studie begegnete diesem Problem mit statistischen Modellen, die verschiedene Einflussgrößen einbezogen. Dazu gehörten neben Alter und Body-Mass-Index auch der verwendete Impfstoff, frühere SARS-CoV-2-Infektionen sowie berufliche Faktoren.

„Gerade bei Fragestellungen, die sich nicht ethisch akzeptabel randomisiert untersuchen lassen können große prospektive Kohortenstudien in Kombination mit geeigneten statistischen Verfahren wichtige Evidenz liefern. Unsere Ergebnisse zeigen, wie aussagekräftig solche Datensätze sei können“, fasst PD Dr. Manuel Krone, Letztautor und Leiter der CoVacSer-Studie, zusammen.

Offene Fragen bleiben

Trotz der umfangreichen Datenbasis hat die Studie Grenzen. So lagen den Forschenden keine Informationen über die genaue Zusammensetzung der verwendeten Kontrazeptiva oder den Zeitpunkt innerhalb des Menstruationszyklus vor. Ob sich einzelne Präparate unterscheiden oder zyklusabhängige Effekte eine Rolle spielen, lässt sich daher nicht abschließend beurteilen.

Diese Fragen sollen in weiteren Studien untersucht werden.

CoVacSer und die Nachfolgestudie ARIPro

Die CoVacSer-Studie wurde am Universitätsklinikum Würzburg als prospektive Langzeitstudie zur Untersuchung der Immunantwort nach COVID-19-Impfungen und SARS-CoV-2-Infektionen durchgeführt. Von September 2021 bis Dezember 2023 begleiteten die Forschenden mehr als 1.800 Beschäftigte des Gesundheitswesens.

Die Studie sollte Erkenntnisse darüber liefern, welche Faktoren die humorale und zelluläre COVID-19-Immunität beeinflussen. Darüber hinaus wurden Impfstoffwirksamkeit, Auffrischungsimpfungen sowie mögliche Auswirkungen von SARS-CoV-2-Impfungen und Infektionen auf Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit untersucht.

Seit April 2024 wird die Forschung in der Fortsetzungsstudie ARIPro im Zentrallabor des Universitätsklinikums Würzburg weitergeführt. Mit einem angepassten Studiendesign werden dort akute Atemwegsinfektionen durch Influenza, RSV und SARS-CoV-2 bei Mitarbeitenden im Gesundheitswesen prospektiv untersucht.

Die Ergebnisse sollen helfen, Impfprävention, Immunantwort und Langzeitfolgen respiratorischer Infektionen besser zu verstehen und Präventionsmaßnahmen sowie Impfstrategien weiterzuentwickeln.

Originalpublikation:
Isabell Wagenhäuser, Julia Reusch, Juliane Mees, Lukas B. Krone, Isabella Eiter, Thiên-Trí Lâm, Alexandra Schubert-Unkmeir, Carolin Curtaz, Anna Frey, Oliver Kurzai, Stefan Frantz, Sabine Wicker, Achim Wöckel, Nils Petri, Alexander Gabel & Manuel Krone. Oral contraceptive usage among healthcare workers and its impact on COVID-19 booster vaccination immunogenicity. npj Vaccines 11, 134 (2026). DOI:10.1038/s41541-026-01510-z

Quelle: Universitätsklinikum Würzburg

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