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Design Thinking - Wieviel Potenzial steckt drin?

KreativitätDesign Thinking: Wieviel Potenzial steckt drin?

Design Thinking wird als neue kreative Methode zur Entwicklung von Innovationen gefeiert. Bestandteile von Design Thinking sind nicht nur eine Ansammlung von Methoden. Vielmehr handelt es sich um einen kompletten Kreativitätsprozess, der sich an den Nutzerbedürfnissen orientiert und an Elementen aus der Design-Entwicklung anlehnt. Aber sind Design Thinking und die enthaltenen Elemente wirklich grundlegend neu oder wurde Bekanntes einfach zusammengefasst und mit einem neuen Etikett versehen?

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Ideen sammeln an der Pinwand (Bild: commons-wikimedia_edulabsde)

Design Thinking wurde als Prozess zur Entwicklung und Förderung neuer Ideen von der Innovationsagentur IDEO entwickelt. Dieser Prozess ist darauf ausgelegt, Innovationen hervorzubringen, die sich an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren und diese befriedigen. Dabei wird auf Herangehensweisen zurückgegriffen, die aus dem Design-Umfeld bekannt sind. [1] Allerdings geht der Ansatz weit über die klassischen Design-Disziplinen wie Formgebung und Gestaltung hinaus und ist als systematisches Vorgehensmodell für vielfältige komplexe Problemstellungen aus allen Lebensbereichen einsetzbar. (s.u. Die sechs Stufen des Design Thinking)

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Anders als viele Herangehensweisen aus der Wissenschaft oder der unternehmerischen Praxis steht hierbei nicht die technische Machbarkeit im Vordergrund, sondern das „nutzerorientierte Erfinden“. Die Prozessbeteiligten begeben sich in die Rolle des Anwenders, stellen diesem Fragen, beobachten sein Verhalten und entwickeln ihre Lösung durch stetige Feedbackschleifen gemeinsam mit den Anwendern permanent weiter. Auf diesem Wege sollen praxisnahe Ergebnisse erzielt und neben der technologischen Machbarkeit (Feasibility) und der wirtschaftlichen Tragfähigkeit (Viability) auch die „menschliche Erwünschtheit“ bzw. Anziehungskraft (Desirability) in die Innovation einbezogen werden. [2] 

Komponenten des Design Thinking
Design Thinking besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten, die oft auch als Erfolgsfaktoren bezeichnet werden [1], [2], [3]:

  1. der Design-Thinking-Prozess,
  2. inter- bzw. multidisziplinäre Teams und
  3. mobile bzw. variable Raumkonzepte.

1 - Der Design-Thinking-Prozess: Es handelt sich um einen strukturierten Prozess mit sechs Stufen (s. Textkasten links), die iterativ durchlaufen werden. Somit sind zwischen allen Stufen Rücksprünge möglich, wenn aufgrund des Anwenderfeedbacks die vorhandenen Ansätze nachgearbeitet werden müssen. 

2 - Inter- bzw. multidisziplinäre Teams: Personen aus unterschiedlichen Disziplinen agieren gemeinsam. Dies stellt vielfältige fachliche Hintergründe bei der Arbeit an oft komplexen Fragestellungen sicher. Die unterschiedlichen Sichtweisen stammen aus beruflichen, kulturellen und Alters- oder Geschlechtsunterschieden. Entscheidend sind Neugier und Offenheit für andere Perspektiven. 

3 - Mobile bzw. variable Raumkonzepte: Raumkonzepte nehmen eine wichtige Rolle ein und sind Voraussetzung für die Visualisierung. Die Räume sollten flexibel möbliert sein, das Arbeiten im Stehen ermöglichen sowie viel Platz für Präsentationen bieten. Wichtig sind auch Materialien für die prototypische Gestaltung von Ideen (z.B. Stoffe, Bilder, Legosteine).

Manchmal wird im Zusammenhang mit Design Thinking von einer vierten Komponente gesprochen [1]: den Werten. Arbeiten mehrere Personen gemeinsam an einer Aufgabenstellung, ist es wichtig, vorab klare Regeln bzw. Werte zu verabreden und einzuhalten, z.B.:

  • visuell arbeiten;
  • nur eine Person spricht ;
  • verrückte Ideen werden gefördert;
  • Kritik wird zurückgestellt;
  • Quantität ist anzustreben;
  • alle bleiben beim Thema;
  • auf den Ideen anderer aufbauen.

Was ist wirklich neu?
Die drei Komponenten des Design Thinking klingen erst einmal überzeugend. Aber sind diese Ansätze für sich genommen bahnbrechend? 

Der Design-Thinking-Prozess
Im Innovationsmanagement existieren vielfältige strukturierte Phasenmodelle. Diese erhöhen die Erfolgsaussichten im Innovationsprozess und sind Voraussetzung für die Erschließung von Potenzialen, [4] denn: der komplexe Gesamtprozess wird durch die Gliederung in einzelne Phasen überschaubarer und steuerbarer. Es existieren bereits sequenzielle Prozessmodelle, wie der Stage-Gate-Prozess von Cooper [5] oder das Phasenmodell nach Brockhoff [6], aber auch iterative Ansätze, wie das Phasenmodell nach Ahsen [7] oder nach Reichwald / Piller [8], welches auch explizit Kunden / Nutzer als Wertschöpfungspartner mit einbezieht. Demzufolge ist ein strukturiertes Vorgehen im Innovationsprozess, auch die Iteration und die Einbindung von Kunden, nichts grundlegend Neues. 

Inter- bzw. multidisziplinäre Teams
Auch dieser Ansatz ist für sich genommen nicht neu. Gruppenarbeiten bieten die Chance, die fachliche und methodische Kompetenz zu verbessern. Und durch den Einsatz von Personen aus verschiedenen Aufgabenfeldern mit unterschiedlichen Qualifikationen wird fachübergreifend Wissen generiert. [9] Beim Einsatz von Kreativitätstechniken zeigt sich, dass jeder Mitarbeiter über individuelle Erfahrungswerte und Ideenreichtum verfügt, welche genutzt werden sollten. [10] 

Mobile bzw. variable Raumkonzepte
Um die Kreativität zu fördern, werden sog. Kreativitätsinseln genutzt. Hierbei handelt es sich um Räumlichkeiten mit einer zwanglosen, informellen Atmosphäre, in der gewohntes Denken reflektiert, angezweifelt oder neu gestaltet werden kann. Dies können eigens dafür geschaffene Räume, aber auch Kaffeeküchen, Kantinenbereiche oder Ruhezonen sein. [11]

Als visuelle Kreativitätstechnik eignet sich z.B. das Ishikawa Diagramm als Basis für Diskussionen oder für eine strukturierte Betrachtung des Problems [12].

Fazit
Die einzelnen Komponenten des Design Thinking sind im Innovationsmanagement nicht wirklich neu. Es beschreibt ein Vorgehen, das ein weiteres Phasenmodell anbietet und sinnvolle Aspekte des Innovationsmanagement dadurch einbindet, dass diese als Komponenten explizit genannt werden. Die Logik des sukzessiven Ablaufs, verbunden mit den möglichen Iterationen, steigert die Wirkung und die Effizienz des Innovationsprozesses. Spätestens über die Prototypen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen wird das Feedback potenzieller Anwender eingeholt und die Konzepte können weiter verfeinert werden. Hierdurch können Fehler, die z. T. gewollt sind, frühzeitig erkannt und behoben werden.

Welches der unterschiedlichen Vorgehensmodelle für ein Unternehmen das Richtige ist, kann nicht pauschal gesagt werden. Ob ein visueller Ansatz, wie er bei Design Thinking favorisiert wird, in die Unternehmenskultur passt, muss ausprobiert werden. Da aber dieser Ansatz für viele Unternehmen neu sein dürfte und das Visualisieren nicht jedem direkt liegt, sollte ein ernstgemeinter Versuch nicht ohne vorheriges Training und ggf. mit entsprechender Unterstützung durchgeführt werden. Sonst besteht die Gefahr, die positiven Aspekte des Design Thinking nicht wahrzunehmen und die Methode schnell als unwirksam abzutun.

Matthias Nolden Consulting, Coaching und Interimsmanagement


Die sechs Stufen des Design Thinking

1. Verstehen: Hier werden die eigentliche Fragestellung erarbeitet, Verständnis für das Problem hergestellt und der Problemraum abgesteckt. Dabei gilt es, die Beobachtungsphase eingehend vorzubereiten, um sicherzustellen, dass „das richtige Problem“ betrachtet wird.

2. Beobachten: Wichtige Einsichten und Erkenntnisse werden gewonnen, indem Anwender aufmerksam beobachtet und in Dialogen befragt werden. Qualitative Untersuchungen finden statt, bei denen nicht nur aktuelle Kunden befragt werden. Vielmehr sind gerade Personen, die nicht direkt im Fokus stehen, wichtige Ideen- und Impulsgeber. Das Ergebnis dieser Stufe besteht nicht nur aus Notizen und Skizzen, die in den Gesprächen angefertigt wurden, sondern auch aus Bildmaterial, welches bei der Beobachtung der Anwender und deren Umfeld gemacht wurde. Hier beginnt also bereits die Visualisierung.

3. Sichtweise definieren: Alle Teammitglieder stellen ihre visualisierten Erkenntnisse den anderen vor, um ein gemeinsames Gesamtbild zu erhalten. Die gewonnenen Erkenntnisse werden verdichtet, es wird nach Gemeinsamkeiten gesucht und auf (proto-)typische Anwender heruntergebrochen, um deren Bedürfnisse besser verstehen zu können.

4. Ideenfindung: Das Kernelement des Design Thinking: Mittels Brainstorming wird eine Vielzahl an Lösungsmöglichkeiten entwickelt, indem konkrete Fragestellungen aus den potenziellen Anwendungsfeldern abgeleitet und formuliert werden. Dabei können die entwickelten Ideen nur so gut sein wie die Fragen, die formuliert wurden. Das besondere an Design Thinking ist, dass der Schwerpunkt auf der Visualisierung und bildlichen Formgebung gelegt wird. Durch die Visualisierung lassen sich Ergebnisse leichter kommunizieren und Entscheidungen schneller treffen.

5. Prototyping: Die Prototypen sind erste konkrete Lösungen und dienen der Visualisierung sowie dem Testen dieser Lösungen. Dabei können die Prototypen verschiedene Ausprägungen haben – von ersten Skizzen über Papier- und Pappmodellen bis hin zu funktionsfähigen Modellen. Mithilfe dieser Prototypen können die formulierten Fragestellungen untersucht und die Entwürfe iterativ weiter verfeinert werden.

6. Test / Verfeinerung: Die Erkenntnisse, die aus den Prototypen gewonnen wurden, z.B. durch das Feedback der Anwender, fließen in die Verbesserung und Verfeinerung der Konzepte ein und verursachen, je nach Auswirkung, einen Rücksprung in eine der vorherigen fünf Stufen. Das Feedback der Anwender lässt sich durch die Visualisierung wesentlich einfacher konkretisieren und Alternativen bzw. Varianten können leichter formuliert werden.


Quellen:
[1] Was ist Design Thinking? www.gruenderszene.de/lexikon/begriffe/design-thinking, Stand 13.04.2016
[2] Was ist Design Thinking? www.hpi-academy.de/design-thinking/was-ist-designthinking.html, Stand 13.04.2016
[3] Grots/Pratschke: Design Thinking – Kreativität als Methode, in: Marketing Review St. Gallen, Ausgabe 2-2009, S. 18 – 23
[4] Schaaf, H: Der Innovationsprozess kundenunterstützender Dienstleistungen, Steinbeis Edition, Stuttgart, 2012, S. 55
[5] Cooper, R: Top oder Flop in der Produktentwicklung, WILEY-VCH Verlag, Weinheim, 2010, S. 145 ff.
[6] Brockhoff, K: Forschung und Entwicklung, Oldenbourg Verlag, München, 1994, S. 27ff
[7] von Ahsen, A: Bewertung von Innovationen im Mittelstand, Springer Verlag, Berlin, 2010, S. 42
[8] Reichwald / Piller: User Innovation, der Kunde als Initiator und Beteiligter im Innovationsprozess, in: Drossou / Krempl: Open Innovation, Heise dpunkt, Hannover, 2006, S. 101 ff.
[9] Franken/Brand: Ideenmanagement für intelligente Unternehmen, Peter Lang, Frankfurt, 2008, S. 62
[10] Franken / Brand: Ideenmanagement für intelligente Unternehmen, Peter Lang, Frankfurt, 2008, S.102
[11] Hentschel, C: Erfolgsfaktor Ideenmanagement, Erich Schmidt Verlag, Berlin, 2003, S. 87
[12] Franken/Brand: Ideenmanagement für intelligente Unternehmen, Peter Lang, Frankfurt, 2008, S. 105

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