Analyse mit 3D-Tomographie und KI

Melanie Steinbeck,

Zerstörungsfreie Analyse historischer Schriftrollen

In der mongolischen Sammlung des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin befindet sich ein einzigartiger Gungervaa-Schrein. Der unscheinbare Holzkasten beherbergt unter anderem drei kleine, in Seide gewickelte Schriftrollen. Mithilfe modernster Technologie am Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) konnte ein Forschungsteam die Beschriftung der fragilen Röllchen sichtbar machen – ohne sie dabei zu beschädigen. Die Methode stammt ursprünglich aus der Batterieforschung.

Kulturgeschichte aus der Mongolei

Drei winzige Schriftrollen mit Längen zwischen 3 und 5 Zentimetern wurden im Inneren des Schreins gefunden. Sie sind in Seide gewickelt und verklebt. © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Martin Franken

Der Buddhismus in der Mongolei hat sich eng mit der nomadischen Lebensweise verflochten. Viele Familien besaßen transportable Hausaltäre, sogenannte Gungervaa-Schreine. Diese enthielten neben Statuen und Schmuck auch kleine, eng gewickelte Schriftrollen mit Gebetsformeln – sogenannte Dharanis. Zwischen 1921 und 1930, in den Jahren der Revolution, wurden diese religiösen Objekte und Praktiken systematisch unterdrückt und zerstört. Ein Exemplar jedoch überdauerte – und fand über verschlungene Wege den Weg ins Ethnologische Museum nach Berlin. Dort lag der Schrein lange unbeachtet im Depot, bis Birgit Kantzenbach, Restauratorin am Museum, mit dem Forschen begann.

„Ein Objekt an sich bedeutet immer nur das, was Menschen in ihm sehen, das ist das Wichtige“, sagt Kantzenbach. Sie reiste zunächst in die Mongolei, um sich mit der Herkunft des Schreins auseinanderzusetzen, und wandte sich schließlich an HZB-Physiker Tobias Arlt, um die empfindlichen Schriftrollen genauer untersuchen zu lassen.

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3D-Tomographie statt Entrollen

Früher hätte man versucht, die Röllchen vorsichtig zu entpacken und mechanisch zu entrollen – mit dem Risiko, das teils jahrhundertealte Material zu beschädigen. Am HZB entschied man sich daher für eine zerstörungsfreie Methode: Tobias Arlt durchleuchtete die Dharani-Rollen an der Tomographie-Station der Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) an BESSY II.

„Die hoch aufgelösten 3D-Bilder zeigen, dass es etwa 50 Wicklungen in jedem Röllchen gibt, da wurden Streifen von mehr als 80 Zentimetern sehr eng und sorgfältig gewickelt“, erklärt Arlt.

Virtuelles Entrollen mit KI

Aus diesen Tomographiedaten ließ sich eine digitale Kopie erzeugen. Anschließend wurde mithilfe eines mathematischen Verfahrens des Konrad-Zuse-Instituts sowie der Software Amira der Streifen virtuell entrollt. Das war früher sehr rechenintensiv. Heute hilft Künstliche Intelligenz, den Prozess deutlich zu beschleunigen.

„Und wir optimieren diesen komplexen Prozess des virtuellen Entrollens immer weiter“, sagt Arlt. „Wir nutzen diese Methode auch viel in unserer eigenen Forschung, zum Beispiel, um Veränderungen in eng gewickelten oder gefalteten Batterien zu analysieren.“

Überraschende Einblicke

Die virtuellen Entrollungen zeigten: Die Streifen sind tatsächlich mit Tinte beschrieben. „Das ist interessant, da chinesische Tinte traditionell aus einer Mischung aus Ruß und tierischem Leim besteht, hier wurde aber offenbar Tinte verwendet, die Metallpartikel enthielt“, so Kantzenbach. Die Schriftzeichen selbst sind tibetisch, die Sprache jedoch Sanskrit - laut Forschenden eine überraschende Kombination.

Zu erkennen ist das bekannte buddhistische Mantra „Om mani padme hum“, das für umfassendes Mitgefühl steht.

Ausstellung im Humboldt Forum

Der restaurierte Gungervaa-Schrein ist noch bis zum 1. Juni 2026 in der Ausstellung „Restaurierung im Dialog“ im Berliner Humboldt Forum zu sehen. Der Eintritt ist kostenfrei. Es bestehen Überlegungen, den Schrein nach Ausstellungsende in der Mongolei zu zeigen.

Quelle: Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH

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