Interview: Langfristig denken, nachhaltig handeln
Seit über 130 Jahren Vollversorger für die Laborbranche
Th. Geyer gehört zu den etablierten Laborvollversorgern im deutschsprachigen Raum und blickt auf mehr als 130 Jahre Erfolgsgeschichte zurück. Das traditionsreiche Familienunternehmen verfolgt klare Wachstumsziele und hat sich, mit vier Standorten im Ausland, auch international einen Namen gemacht.
Oliver-Alexander Geyer, seit 2019 Mitgeschäftsführer der Th. Geyer Gruppe, ist in fünfter Generation im Unternehmen tätig und prägt die Unternehmensentwicklung maßgeblich. Im Interview spricht er über entscheidende Meilensteine der Firmengeschichte, die besondere Bedeutung eines Familienunternehmens, aktuelle Herausforderungen in den Bereichen Labor und Ingredients, die Rolle der Nachhaltigkeit und darüber, wie trotz eines breiten Sortiments der persönliche Service erhalten bleibt.
LABO: 130 Jahre Unternehmensgeschichte – welche Meilensteine waren besonders prägend für die Th. Geyer-Gruppe?
Oliver-Alexander Geyer: Da gab es viele. Ich beschränke mich auf die wichtigsten: Einer der größten Meilensteine war sicher die Entscheidung meines Großvaters Herbert Geyer im Jahr 1972, den Geschäftsbereich Aromen in das Unternehmen aufzunehmen. Bis dahin waren wir rein im Handel mit Laborchemikalien tätig, stark regional in Süddeutschland verwurzelt. Durch die Entscheidung, auch im Aromensektor aktiv zu werden, entstand eine neue Business Unit, die bis heute sehr erfolgreich ist.
In den letzten 30 Jahren gab es dann viele weitere wichtige Entwicklungen. Im Laborbereich haben wir etwa durch gezielte Akquisitionen unsere Präsenz in Norddeutschland ausgebaut, beispielsweise mit der Übernahme von Hilmar Brauer in Hamburg oder der WCP in Berlin. Auch im technischen Bereich haben wir frühzeitig Weichen gestellt – zum Beispiel mit der Einführung des Webshops bereits im Jahre 2001. Zudem haben wir eigene Marken entwickelt, wie CHEMSOLUTE®, LABSOLUTE® oder BIOSOLUTE®.
Parallel dazu hat sich die Ingredients-Welt enorm entwickelt. Diese Dynamik – über zwei starke Geschäftsfelder hinweg – hat die Th. Geyer-Gruppe über die Jahre entscheidend geprägt.
Was macht die Geschichte Ihres Unternehmens einzigartig?
Zunächst einmal ist ein Familienunternehmen an sich nichts Ungewöhnliches, viele deutsche Firmen sind familiengeführt. Was uns auszeichnet, ist der Wille zur stetigen Weiterentwicklung – über alle Generationen hinweg. Jede Generation hat das Unternehmen aktiv vorangebracht. Und ganz wichtig ist uns dabei immer der Faktor Mensch. Entscheidungen treffen wir gemeinsam in der Gruppe, wir legen großen Wert auf persönliche Beziehungen – sei es zu unseren Mitarbeitenden, zu Kundinnen und Kunden oder zu Lieferanten. Das Menschliche spielt für uns eine zentrale Rolle.
Welche Werte sind in einem Familienunternehmen wie Ihrem besonders wichtig?
Ein zentraler Wert ist sicher das langfristige Denken. Als Familienunternehmen denken wir nicht in Quartalen, sondern in Jahren, oft sogar in Jahrzehnten. Mit dem Wissen um die lange Unternehmensgeschichte steigt man mit einer großen Verantwortung ein. Entscheidungen sind bei uns immer langfristig geplant und durchdacht. Wachstum ist wichtig, aber nicht um jeden Preis – es geht um nachhaltiges Wachstum mit der gesamten Mannschaft. Diese Kombination aus Tradition, Verantwortung und Dynamik bestimmt unseren Alltag.
Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind derzeit bei Th. Geyer beschäftigt?
In der gesamten Unternehmensgruppe sind es über 500. Davon rund 300 im Laborbereich und etwa 180 bis 200 im Ingredients-Segment. Der Laborbereich ist personalintensiver, was natürlich auch Herausforderungen im Hinblick auf Effizienz und Automatisierung mit sich bringt.
Sie sind sowohl im Laborbereich als auch im Ingredients-Sektor aktiv. Bringt diese Doppelstrategie besondere Herausforderungen mit sich?
Absolut, teilweise sogar sehr große. Aber sie bringt auch Synergien mit sich. Die Business Unit Ingredients, früher als Rohstoffbereich für die Lebensmittelindustrie gestartet, hat sich in den letzten 15 Jahren sehr dynamisch entwickelt – auch dank des neuen Managements. Heute firmiert sie unter der Th. Geyer Ingredients GmbH und Co. KG.
Natürlich bringt dieses Wachstum auch Herausforderungen mit sich, besonders in den Stabsbereichen. Wir haben über 500 Mitarbeitende, der größere Teil davon im Laborbereich, aber auch die Ingredients-Sparte ist stark unterwegs. In Bereichen wie IT oder Verwaltung teilen wir uns Kapazitäten. Fachlich arbeiten beide Units autark, aber auf struktureller Ebene erfordert das eine enge Abstimmung. Gleichzeitig profitieren wir von der Vielfalt: Entwicklungen in einem Bereich können oft auf den anderen übertragen werden. Diese Balance hat sich in den vergangenen Jahren als große Stärke erwiesen.
Wie gelingt es Ihnen, als Unternehmen wettbewerbsfähig zu bleiben und Innovationen gezielt voranzutreiben?
Als Handelsunternehmen sind wir bei der Produktentwicklung natürlich nicht so innovationsgetrieben wie ein Hersteller. Unser Vorteil liegt in der Breite des Portfolios – im Laborbereich etwa bieten wir rund zwei Millionen Artikel an. Trotzdem ist Innovation für uns ein großes Thema, insbesondere in den Bereichen Effizienz, Automatisierung und Personalentwicklung.
Wir beschäftigen uns intensiv mit Fragen wie: Wo können wir Prozesse automatisieren? Wo können wir effizienter werden – intern wie extern? Künstliche Intelligenz und Automatisierung spielen eine immer größere Rolle, etwa bei der Angebots- und Auftragsabwicklung oder im Kundenkontakt. Auch unseren Webshop entwickeln wir kontinuierlich weiter. Kurz gesagt: Wir wollen alle technischen Möglichkeiten ausschöpfen, um sowohl intern als auch für unsere Kundinnen und Kunden Mehrwert zu schaffen.
2024 wurde ihr Unternehmen mit der EcoVadis-Silbermedaille für Ihr Nachhaltigkeitsmanagement ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Das macht mich – aber auch uns alle in der Unternehmensgruppe – wirklich stolz. Es war unser erster Anlauf, und gleich mit Silber ausgezeichnet zu werden, ist eine große Bestätigung. Der Weg dorthin war mit viel Aufwand verbunden, aber es hat sich gelohnt.
Zwei Ziele hatten wir uns gesetzt: Zum einen wollten wir einen eigenen Nachhaltigkeitsbericht aufsetzen, um zu dokumentieren, was wir tun. Zum anderen war es unser Ziel, durch EcoVadis bewertet und möglichst ausgezeichnet zu werden. Kurz vor Weihnachten kam dann die Nachricht über die Silbermedaille – ein toller Jahresabschluss.
Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie über die Auszeichnung hinaus?
Nachhaltigkeit ist für uns weit mehr als eine Silbermedaille. Es geht um ökonomisches, ökologisches und soziales Handeln – die ESG-Kriterien eben. Wir haben zum Beispiel in Photovoltaik investiert, arbeiten an Müllvermeidungsstrategien und setzen auch in kleinen Bereichen viele Hebel in Bewegung. Als Handelsunternehmen haben wir zwar eine geringere Fertigungstiefe, aber auch wir können und wollen Verantwortung übernehmen.
Th. Geyer ist nicht nur in Deutschland aktiv. Wo ist Ihr Unternehmen überall vertreten?
Unsere internationale Expansion im Laborbereich begann 2007 mit einer Niederlassung in Dänemark. Es folgten Standorte in Schweden (2012), Polen (2018) und in der Schweiz (2022). Außerdem haben wir eine starke Exportabteilung, die von Deutschland aus ganz Europa betreut. Wir sehen in diesen Märkten großes Potenzial und verzeichnen dort teilweise überproportionales Wachstum. Deutschland bleibt aber nach wie vor unser Kernmarkt.
Sie bieten ein sehr breites Produktspektrum. Wie gelingt es Ihnen, dabei den persönlichen Service beizubehalten?
Das ist tatsächlich eine Herausforderung, aber auch unsere Stärke. Wir verstehen uns als echter Laborvollversorger – vom Chemikalienbereich über Verbrauchsmaterial und Geräte bis hin zur Laboreinrichtung. Unser Team bringt das notwendige Fachwissen mit, sei es aus der Chemie, Biologie oder Technik. Das sorgt für Beratung auf Augenhöhe. Wir setzen aber auch klare Schwerpunkte – etwa im Labormöbelbereich – mit eigenen spezialisierten Teams. Und nicht zuletzt spielt auch die enge Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten eine große Rolle.
Wie bleiben Sie am Puls der Zeit und erkennen neue Trends und Entwicklungen?
Wir bleiben in ständigem Austausch mit Kunden und Lieferanten. Unser Außendienst in Deutschland ist breit aufgestellt und bringt viele Informationen vom Markt mit. Gleichzeitig erfahren wir von unseren Lieferanten frühzeitig, was sich technologisch tut – zum Beispiel bei Geräten oder Chemikalien. Diese Informationen verarbeiten wir intern, spielen sie über Marketing- und Vertriebskanäle zurück in den Markt und halten so die Verbindung zu beiden Seiten.
Wie sieht Ihre strategische Ausrichtung für die kommenden Jahre aus?
Wir verfolgen klar eine Wachstumsstrategie – national wie international. Unsere Vision ist es, einer der führenden Ansprechpartner für Labore in Deutschland und Europa zu sein. Dafür haben wir eine Art Agenda 2030 entwickelt, in der wir Chancen in unterschiedlichen Märkten und Segmenten identifizieren – etwa in der Lebensmittelindustrie, bei Start-ups oder im akademischen Bereich. Auch die Ansprache der jungen Generation ist für uns ein wichtiges Zukunftsthema, zum Beispiel über Social Media.
Zum Abschluss: Was ist aus Ihrer Sicht der zentrale Vorteil für Kunden, mit Th. Geyer zusammenzuarbeiten?
Wir sind persönlich, kompetent und zuverlässig. Ich arbeite seit 18 Jahren im Unternehmen – und ich kenne die Stärke von Th. Geyer sehr gut. Wir hören zu, beraten auf Augenhöhe und nehmen jede Anfrage ernst – egal wie groß oder klein. Diese Haltung macht für mich den Unterschied.
Herzlichen Dank für das Interview!
Die Fragen stellte Melanie Steinbeck.












