Grüner Wasserstoff
Ist der Weg frei für Elektrolyseure aus der Serienfertigung?
Grüner Wasserstoff gilt als Lösung für Industrien, die sich nicht einfach elektrifizieren lassen: Stahlwerke, Chemieanlagen, Schwerlastverkehr. Der Bedarf ist groß, das Angebot gering. Und die zentrale Technologie, der Elektrolyseur, ist bislang ein Produkt, das eher in Manufakturen entsteht als in Fabriken. Das Wasserstoff-Leitprojekt "H2 Giga" will das ändern. Seit 2021 arbeiten Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen daran, Elektrolyseure in die Massenproduktion zu bringen. Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (Fraunhofer IPA) ist an fünf Teilprojekten beteiligt. Ihre Ergebnisse liegen nun vor.
Wasserstoffproduktion: Die Suche nach dem fehlenden Molekül
Wasserstoff ist reichlich vorhanden, aber selten frei. Er steckt in Molekülen wie Wasser (H₂O) fest und muss erst herausgelöst werden – eine Aufgabe für Elektrolyseure. Sie spalten Wasser in Wasserstoff (H₂) und Sauerstoff (O). Der gewonnene Wasserstoff kann Brennstoffzellen antreiben oder in Hochöfen ersetzt werden. Doch bislang werden entsprechende Anlagen in Deutschland in kleinen Stückzahlen und zu hohen Kosten gefertigt.
Das soll sich ändern. Im Leitprojekt "H2 Giga" wird seit 2021 an einer Produktion im Gigawatt-Maßstab geforscht. Ein Ziel, das gewissermaßen den Übergang von der Manufaktur zur industriellen Fertigung markiert.
Roboter übernehmen Fertigung der Elektrolyseure
Bislang wurden Elektrolyseure überwiegend von Hand montiert. In Braak, Schleswig-Holstein, ist nun etwas entstanden, das man als Gegenbild dazu lesen kann: eine automatisierte Fertigungslinie.
Im Teilprojekt "PEP.IN" haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam mit der Industrie eine Anlage aufgebaut, in der Roboter das sogenannte Stacking übernehmen – das präzise Aufeinanderschichten von Elektroden und Membranen.
„Eine Sekunde brauchen die Roboter, um eine Komponente auf die andere zu legen", sagt Nicolas Mandry vom Fraunhofer IPA.
Eine Sekunde – ein Tempo, das in der Handarbeit unerreichbar wäre. Die Greifer dafür hat das Team selbst entwickelt. Auch die Qualitätssicherung läuft über Kameras und Bildverarbeitung. Sie sortieren aus, was fehlerhaft ist, und tolerieren, was unkritisch bleibt.
So entsteht eine Fabrik im Gigawattmaßstab.
„Die hier innerhalb eines Jahres produzierten Elektrolyseure haben also eine aufaddierte Nominalleistung von mindestens einem Gigawatt – ein Vielfaches von dem, was erreicht wurde, als Elektrolyseure noch mit viel Handarbeit gefertigt wurden",
sagt Mandry.
Digitaler Zwilling: Ein digitales Abbild
Industrialisierung braucht Übersicht. Im Teilprojekt FRHY arbeiten Forschende deshalb an einer vernetzten Produktions-IT, die Daten sämtlicher Produktionsmodule in Echtzeit sammelt – ein digitaler Zwilling, der Fehler sichtbar macht und Optimierungen ermöglicht.
Doch trotz aller Ambitionen blieb nicht alles im Zeitplan.
„Kurz vor Ende des Forschungsprojekts sind noch immer nicht alle Produktionsanlagen, die auf insgesamt fünf Fraunhofer-Institute verteilt sind, fertiggestellt oder in Betrieb genommen",
sagt Henry Himmelstoß.
Lieferengpässe haben den Aufbau verzögert. Emulatoren simulieren vorerst, was später Maschinen übernehmen sollen. Es wirkt wie ein Provisorium – aber eines, das die Hoffnung auf ein Folgeprojekt nährt.
Iridium: Das knappe Element
Kaum ein Detail zeigt die Abhängigkeit der Technologie von globalen Rohstoffmärkten so deutlich wie die Anode der PEM-Elektrolyseure. Sie ist mit Iridium beschichtet, einem der seltensten Elemente überhaupt. Rund 0,67 Gramm benötigt man pro Kilowatt.
Im Teilprojekt "IREKA" suchte ein Team um Stefan Kölle nach Wegen, diesen Bedarf zu reduzieren.
Die erste Idee: Iridium nur dort aufzutragen, wo es wirkt – an der Oberfläche. Das Team erzeugte per Galvanotechnik extrem dünne Schichten.
„Nur das Material direkt an der Oberfläche ist aktiv an der Aufspaltung von Wasser beteiligt",
sagt Kölle.
Ohne Kreislaufwirtschaft geht es nicht
Die Funktion ist belegt. Die Frage nach der Langzeitstabilität bleibt offen.
Die zweite Möglichkeit: Legierungen. Nickel scheidet als Partner aus, es löst sich zu schnell auf. Zinn und Ruthenium dagegen funktionieren – doch Ruthenium ist selbst ein Edelmetall.
„Es sind aktuell keine edelmetallfreien PEM-Elektrolyseure in Sicht",
fasst Kölle zusammen. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Ohne Kreislaufwirtschaft geht es nicht.
Simulationen an der Grenze des Machbaren
Im Projekt "DEGRAD-EL3-Q" blickt das Forschungsteam tiefer in die Materie. Es geht um das Verhalten von Materialien während der Elektrolyse. Klassische Simulationen stoßen dabei an Grenzen.
„Bevor man Geld für mitunter teure Rohstoffe ausgibt, sollte man mithilfe einer Computersimulation klären, wie sich die Materialien bei der Elektrolyse verhalten",
sagt Jan Schnabel.
Quantencomputing könnte langfristig helfen, Materialien bis auf Molekülebene zu verstehen. Noch ist es Zukunftsmusik, aber die Forschenden gewannen wichtige Einblicke in geeignete Algorithmen. Auf der klassischen Seite entwickelten sie ein Machine-Learning-Modell, das das Degradationsverhalten von Elektrolyseuren vorhersagen kann. Ein Schritt in Richtung besserer Lebensdauermodelle.
Elektrolyseure und Brennstoffzellen automatisch und sinnvoll recyceln
Wenn Elektrolyseure und Brennstoffzellen künftig millionenfach gebaut werden, müssen sie auch recycelt werden können – automatisch und wirtschaftlich sinnvoll. Im Teilprojekt "ReNaRe" entwickelte ein Team um Anwar Al Assadi einen robotergestützten Ansatz dafür.
Eine erste Analyse zeigte: Stacks variieren stark, und ihr Zustand hängt von ihrer Einsatzdauer ab. Das erschwert die Automatisierung.
Das Team identifizierte Prozesse, die sich adaptieren lassen, und entwickelte Roboterskills, mit denen Stacks gehandhabt und Schraubverbindungen gelöst werden können. Ein Reinforcement-Learning-Agent soll dabei sicherstellen, dass der Roboter trotz Ungenauigkeiten zuverlässig greift.
Parallel entstand ein digitaler Zwilling, der unterschiedliche Stackdesigns abbildet und energieoptimierte Demontageprozesse ermöglicht – ein Baustein einer künftigen Kreislaufwirtschaft in der Wasserstoffproduktion.
Quelle: Fraunhofer IPA












