Chronische Entzündungen

Melanie Steinbeck,

Ein neuer Therapieansatz aus der Mikrobiomforschung

Das Darmmikrobiom beeinflusst weit mehr als die Verdauung: Es steuert Stoffwechselprozesse, kommuniziert mit dem Immunsystem und spielt bei chronischen Entzündungen ebenso wie bei Virusinfektionen eine wichtige Rolle. Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeiten Forschende des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), des Exzellenzclusters Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI), der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Conaris Research Institute AG daran, dieses Wissen therapeutisch nutzbar zu machen. Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist CICR-NAM (controlled-ileocolonic-release nicotinamide), ein Präparat, das Nicotinamid (Vitamin B3) gezielt im unteren Dünndarm und Dickdarm freisetzt, um dort Stoffwechselprozesse und das Darmmikrobiom zu beeinflussen. Für den erfolgreichen Transfer dieses Forschungsansatzes in die klinische Entwicklung wurden die Projektpartner nun mit dem Innovations-Transfer-Preis der Prof. Dr. Werner-Petersen-Stiftung ausgezeichnet.

Auszeichnung mit einem Innovations-Transfer-Preis der Prof. Dr. Werner-Petersen-Stiftung. Prof. Schreiber (zweiter von links), Dr. Wätzig (dritter von links). © anina Rathje

Die Auszeichnung wurde an der Technischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel verliehen. Sie würdigt Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in Schleswig-Holstein, aus denen innovative Produkte und Verfahren mit praktischem Nutzen entstehen.

Darmmikrobiom als therapeutisches Target

Als die Entwicklung von CICR-NAM begann, stand das Darmmikrobiom noch längst nicht so im Fokus der Forschung wie heute. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Exzellenzclusters PMI und von Conaris untersuchten bereits früh Zusammenhänge zwischen Veränderungen des Tryptophan- und Vitamin-B3-Stoffwechsels, chronischen Entzündungen und dem Darmmikrobiom. Daraus entstand die Hypothese, dass sich durch eine gezielte Beeinflussung dieser Stoffwechselprozesse im Darm neue Therapieansätze entwickeln lassen.

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Aus dieser wissenschaftlichen Fragestellung entstand schrittweise ein therapeutisches Konzept. Bereits 2012 wurden die bei Conaris entwickelten Anwendungsprinzipien erstmals zum Patent angemeldet. Im Verlauf der engen Zusammenarbeit zwischen UKSH, CAU und Conaris folgten weitere Patentanmeldungen für Präparate, die ihren Wirkstoff gezielt erst im letzten Abschnitt des Dünndarms und im Dickdarm freisetzen.

Innovation liegt im Freisetzungsort

Nicotinamid als Form von Vitamin B3 ist seit Langem bekannt. Die Innovation von CICR-NAM besteht daher nicht im Wirkstoff selbst, sondern in dessen gezielter Freisetzung. Während konventionelle Präparate bereits im oberen Verdauungstrakt resorbiert werden, schützt CICR-NAM das Nicotinamid auf seinem Weg durch Magen und Dünndarm und setzt es erst im unteren Dünndarm sowie im Dickdarm frei. Dort gelangt der Wirkstoff direkt in Kontakt mit dem Darmmikrobiom und kann die dort ablaufenden Stoffwechselprozesse beeinflussen.

„Lange Zeit wurden Veränderungen im Darmmikrobiom vor allem als Begleiterscheinung von Erkrankungen betrachtet. Heute verstehen wir zunehmend, dass sich Erkrankungen durch gezielte Verbesserungen im Mikrobiom positiv beeinflussen lassen“, sagt Professor Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I am UKSH, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB; CAU/UKSH) und Sprecher des Exzellenzclusters PMI. „CICR-NAM zeigt, wie aus diesem biologischen Verständnis Schritt für Schritt ein neuer Therapieansatz entstehen kann.“

Erste klinische Ergebnisse

Seinen ersten größeren klinischen Einsatz fand CICR-NAM während der COVID-19-Pandemie. In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie mit 900 Patientinnen und Patienten konnten die Forschenden zeigen, dass sich die körperliche Leistungsfähigkeit nach einer COVID-19-Erkrankung durch eine frühzeitige Einnahme von Nicotinamid schneller wiederherstellen ließ. Gleichzeitig wiesen sie nach, dass die bei COVID-19 häufig beobachteten Störungen der Stoffwechselaktivität des Darmmikrobioms unter einer medizinischen Nahrungsergänzung mit Nicotinamid nicht auftraten. Die Ergebnisse wurden 2025 in der Fachzeitschrift Nature Metabolism veröffentlicht und lieferten einen wichtigen Hinweis darauf, dass der zugrunde liegende therapeutische Ansatz greift.

Fokus auf chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Inzwischen wird CICR-NAM dort klinisch weiterentwickelt, wo die wissenschaftliche Idee ihren Ursprung hatte – in der Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen. Aktuell untersucht die Phase-II/III-Studie ORNATUS-1 die bereits im Tiermodell nachgewiesene anti-entzündliche Wirkung von hoch dosiertem CICR-NAM bei Patientinnen und Patienten mit Colitis ulcerosa. Darüber hinaus befinden sich weitere Studien mit niedrig dosiertem CICR-NAM als medizinische Nahrungsergänzung bei weiteren Erkrankungen in Vorbereitung.

Die CICR-NAM-Tabletten werden bereits im großindustriellen Maßstab hergestellt und sind über fünf Jahre stabil. Damit bestehen nach Angaben der Projektpartner gute Voraussetzungen für eine breite Anwendung.

„Der Innovationspreis würdigt für uns nicht nur ein bestimmtes Präparat, sondern den gesamten gemeinsamen Weg von der wissenschaftlichen Idee bis zur klinischen Anwendung“, sagt Dr. Georg Wätzig, Koordinator der translationalen Forschung am IKMB, Projektleiter bei Conaris und Entwickler von CICR-NAM. „Eine solches Projekt gelingt in einer akademischen Umgebung und ohne Finanzierung der Pharmaindustrie nur dann, wenn Grundlagenforschung, klinische Forschung und industrielle Expertise eng miteinander verwoben werden.“

Mit der Auszeichnung werden Prof. Stefan Schreiber und Dr. Georg Wätzig sowie zugleich die langjährige Zusammenarbeit von UKSH, CAU und Conaris gewürdigt. Aus dieser Kooperation sind neben CICR-NAM weitere Entwicklungen wie das Designerprotein Olamkicept hervorgegangen.

Conaris Research Institute AG

Die Conaris Research Institute AG mit Sitz in Kiel ist ein biopharmazeutisches Forschungsunternehmen. Das Unternehmen wurde von den Kieler Wissenschaftlern Prof. Dr. Stefan Schreiber und Prof. Dr. Stefan Rose-John gegründet und entwickelt gemeinsam mit akademischen Partnern neue Therapieansätze auf Basis immunologischer und molekularbiologischer Forschung.

Publikation:
Schreiber, S., Waetzig, G. H., López-Agudelo, V. A., Geisler, C., Schlicht, K., Franzenburg, S., di Giuseppe, R., Pape, D., Bahmer, T., Krawczak, M., Kokott, E., Penninger, J. M., Harzer, O., Kramer, J., von Schrenck, T., Sommer, F., COVit-2 Study Group, Millet Pascual-Leone, B., Forslund, S. K., Heyckendorf, J., Aden, K., Hollweck, R., Laudes, M., & Rosenstiel, P. (2025). Nicotinamide modulates gut microbial metabolic potential and accelerates recovery in mild-to-moderate COVID-19. Nature Metabolism. Advance online publication. DOI:10.1038/s42255-025-01317-2

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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