Virtuelle Sicherheitsunterweisung

Software ermöglicht Schonung der Personal-Ressourcen

Eine Sicherheitsunterweisung erfordert ein hohes Maß persönlicher Zeit und ist nur zu bestimmten Terminen bzw. für eine begrenzte Anzahl von Teilnehmern realisierbar. Aus der Idee, die Mitarbeiter zu entlasten, wurde an unserem Hochschul-Institut eine virtuelle Sicherheitsunterweisung Realität. 

Eine der häufigsten Unfallursachen bei der Arbeit ist das Fehlverhalten oder die Falscheinschätzung von Beschäftigten. Deshalb besteht eine gesetzliche Verpflichtung, in regelmäßigen Abständen, mindestens jedoch einmal jährlich, alle Mitarbeiter, aber auch Servicekräfte, die Wartungen übernehmen, über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit zu unterweisen.

Tabelle 1: Notwendige Inhalte einer Labor-Sicherheitsunterweisung.

Die Arbeitssicherheit in den Laboren wird durch das Arbeitsschutzgesetz geregelt. Der § 20 der Gefahrenverordnung (GefStoffV) [1] aus dem Arbeitsschutzgesetz definiert den Begriff Gefahrstoff, beschreibt den richtigen Umgang mit gefährlichen Chemikalien, das persönliche bzw. allgemeine Verhalten der Mitarbeiter im Labor und die richtige Vorgehensweise in Gefahrensituationen sowie bei Unfällen [2], [3]. Wichtige und notwendige Inhalte einer Labor-Sicherheitseinweisung sind in Tabelle 1 aufgelistet.

Eine korrekte Sicherheitseinweisung allein für ein Praktikum in der „Biologischen Verfahrenstechnik“ dauert rund 30 min. Bei zwölf Gruppen im Pflichtpraktikum pro Semester, etwa zehn Studenten in Projekt-/Studien-/Bachelor-/Master-Arbeiten, etlichen BOGY-Schülern, Schülerpraktikanten und Service-Technikern, absorbieren die Einweisungen einen immensen Zeitanteil der regulären Arbeitszeit der für die Einweisung beauftragten Mitarbeiter.

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Nach der Technischen Regel für Gefahrstoffe „Betriebsanweisung und Information der Beschäftigten“ (TRGS 555) mussten Unterweisungen der Beschäftigten zum Schutz bei Gefahrstofftätigkeiten bisher immer mündlich erfolgen. Die Überarbeitung dieser Technischen Regel, die seit dem 2. Juli 2009 rechtskräftig ist, erlaubt die Nutzung „Elektronischer Medien“ bei der Unterweisung. Die Unterweisung der Beschäftigten muss nur noch teilweise für bestimmte Belange auch mündlich erfolgen [4].

Virtuelle Lösung spart Zeit und Geld
Eine praktikable Lösung zur Reduzierung des Zeitaufwandes für die durchzuführenden Sicherheitseinweisungen ist, dass die „zu unterweisenden Personen“ eine interaktive elektronische Unterweisung mit Informationen und Verständnisfragen erhalten und das Programm nur mit einer Bestätigung über die erfolgreiche Unterweisung abschließen können, wenn alle Sicherheitsfragen korrekt beantwortet wurden. In einer mündlichen Konfrontation werden dann nur noch kritische Bereiche angesprochen und überprüft, ob die Unterwiesenen auch wirklich selbst die elektronische Unterweisung durchgearbeitet haben oder dies von einer anderen Person haben machen lassen.

Eine virtuelle Sicherheitsunterweisung (SU) hat mehrere Vorteile:

  • Die SU kann von zu Hause aus durchgeführt werden, es ist keine Anwesenheit im Labor notwendig.
  • Einzelne Personen können sich unabhängig von anderen einweisen lassen.
  • Man ist zeitlich unabhängig, bzw. es ist nicht mehr nötig, einen Termin zu vereinbaren.
  • Eine virtuelle SU spart Zeit, da kein Assistent mehr nötig ist, der die Unterweisung durchführt.
  • Sie kann eine gleichbleibende Qualität gewährleisten.
  • Die erfolgreiche Unterweisung wird automatisch dokumentiert.
  • Die Unterweisung ist so universell aufgebaut, dass auch andere Institute diese nutzen können.

Es gibt einige Software-Produkte für virtuelle Unterweisungen mit einem anschließenden dokumentierten Wissenstest (CBT = Computer Based Training). Diese decken aber meist nur einzelne Themen der am Institut für Biologische Verfahrenstechnik (IBV) der Hochschule Mannheim üblichen Funktionsbereiche ab, für die Sicherheitseinweisungen durchgeführt werden müssen. Sie bieten lediglich die Möglichkeit, Fotos, nicht aber eine visuelle räumliche Unterstützung des Benutzers einzubinden, so dass die räumliche Orientierung der „zu unterweisenden Personen“ in den jeweiligen Laboren fehlt. Außerdem entstehen durch deren Verwendung dauerhaft erhebliche Kosten für Kauf und Nutzung.

Bild 1: Bearbeitung einer Szene in iMovie.

Projektziel
Ziel war es, ein Unterweisungs-E-Lernmodul für „zu unterweisende Personen“ unter Berücksichtigung der Vorgaben der TRGS 555 zu gestalten, das so universell aufgebaut ist, dass es sowohl konkret für das IBV als auch für alle Labore der Hochschule genutzt werden kann, die Sicherheitsunterweisungen durchführen müssen.

Die Sicherheitsunterweisung sollte in Form eines downloadbaren Films in Moodle realisiert werden, da sich diese Plattform bereits etabliert hat. Moodle ist ein objektorientiertes Kursmanagementsystem, eine Lernplattform auf Open-Source-Basis. Die Software bietet die Möglichkeiten zur Unterstützung kooperativer Lehr- und Lernmethoden und auch von Selbstlernkursen.

Moodle stellt online „Kursräume“ zur Verfügung. In diesen werden Arbeitsmaterialien und Lernaktivitäten bereitgestellt. Jeder Kurs kann so konfiguriert werden, dass nur angemeldete Teilnehmer diesen besuchen können, Gäste zugelassen sind oder zur Teilnahme ein Passwort erforderlich ist [5].

Das von Moodle zur Verfügung stehende Datenvolumen einer Datei beträgt maximal 250 MB und wird darüber hinaus zum Herunterladen angeboten. Der gewählte Dateityp darf bei einer geschätzten Laufzeit von 15 min dieses Datenvolumen nicht überschreiten.

Um den notwendigen Inhalt zusammenzustellen, wurden zunächst die relevanten Gesetze sowie die öffentlich zugänglichen E-Learning-Programme anderer Institutionen recherchiert, welche als wichtige Vorlagen für den späteren Aufbau des Filmes dienten. Inhaltlich orientierte man sich darüber hinaus an der bisher verwendeten Sicherheitsunterweisung des Institutes für Biologische Verfahrenstechnik. Bei der Auswahl der Inhalte wurde zwischen zwei Personengruppen unterschieden. Der erste Teil ist allgemeingültig und somit für alle Personen, die sich in irgendeiner Weise im Labor aufhalten, wichtig. Der zweite Teil bezog sich auf Informationen, die für Studenten und Beschäftigte relevant sind.

Vorgehensweise
Bei der Entscheidung für das Videoformat MOV waren die Qualität sowie die Dateigröße bei einer bestimmten Laufzeit der Unterweisung äußerst wichtig. Des Weiteren war das erfolgreiche Abspielen auf Windows Media Player, VLC Player und dem QuickTime Player ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des Formates. Bei der Bearbeitungssoftware zum Schneiden, Bearbeiten, Vertonen und Konvertieren von Filmen wurde auf kostengünstige Programme zurückgegriffen, um die Produktionskosten gering zu halten. Der Nachteil dieser Programme war jedoch, dass es mit keiner dieser Software möglich war, die kompletten Anforderungen zu erfüllen. So musste auf mehrere einzelne Programme (i Movie und Xmedia Recode) zurückgegriffen werden.

Die Dreharbeiten fanden anhand eines zuvor erstellten Drehbuches in den Laboren des Instituts für Biologische Verfahrenstechnik statt. Die dafür verwendeten Materialien waren eine Digitalkamera DV300F WiFi von Samsung, ein Camcorder DCR-HC17E von Sony und ein Dreibein-Stativ von Hama.

Nach dem Dreh wurde die Tonspur des Films am Computer mit einem Mikrofon aufgenommen. Hierzu wurden die wichtigsten Inhalte des Drehbuchs herausgeschrieben und vertont. Bei der anschließenden Bearbeitung der Aufnahmen erfolgten das Verstummen der Originaltonspur, das Schneiden der Projektszenen, das Einfügen der neuen Tonspur und das Einfügen des englischen Untertitels mit iMovie 2014. Das Konvertieren des Dateityps m4v in das Zielformat MOV geschah mit dem Programm XMedia Recode.

Eine Verkleinerung der Datei wurde mit dem Programm Handbrake durchgeführt, um die vorgeschriebene Speicherkapazität von 250 MB nicht zu überschreiten.

Um den Sicherheitsfilm für internationale Studenten und Servicekräfte zur Verfügung stellen zu können, mussten die wichtigsten Textpassagen in englische Sprache übersetzt und in Form von Powerpoint-Folien als Untertitel dem Film beigefügt werden. Die Textpassagen wurden von Professor Clear, Hochschule Mannheim, geprüft.

Anschließend wurden zwei Arten von Fragebögen formuliert, die die Personengruppen in „Studenten und Beschäftigte“ bzw. in „Servicekräfte“ aufteilen. In den Fragebögen werden die wichtigsten zu vermittelnden Informationen des Sicherheitsfilms abgefragt. Zu den gestellten Fragen sind verschiedene Antwortmöglichkeiten aufgeführt, von denen mindestens eine falsch ist. Um abschließend das Zertifikat für eine erfolgreiche Sicherheitseinweisung bekommen zu können, ist es nötig, die Fragen korrekt zu beantworten. Die Einbindung in die Lernplattform Moodle erfolgte nach Fertigstellen des Sicherheitsfilms.

Ergebnis
Das Endergebnis ist ein Sicherheitsunterweisungs-Film im Format MOV mit englischen Untertiteln und einer deutschsprachigen Tonspur. Der Sicherheitsfilm hat eine Laufzeit von 20 min und beansprucht eine Speicherkapazität von rund 230 MB.

Der Zusatzfilm Laborgang hat eine Laufzeit von 1,5 min und beansprucht 100 MB.

Nach dem Einloggen bei Moodle sind die zu unterweisenden Personen in der Lage, die Sicherheitsfilme zu downloaden und im Anschluss die Fragen im Browser zu beantworten. Neben den Pflichtfragen werden Fragen des Tests durch einen Zufallsalgorithmus ausgewählt. Es kann automatisch hinterlegt werden, wann ein Teilnehmer den Test besteht. Moodle verfügt auch über die Funktion, eine automatische E-Mail bei Bestehen des Tests an den Kurseditor zu senden.

Mit diesen Filmen ist es möglich, dass Personen, die sich im Institut für Biologische Verfahrenstechnik aufhalten oder dort arbeiten wollen, sich die wichtigsten Sicherheitshinweise selbst aneignen und ihr erworbenes Wissen mit Hilfe der hinterlegten Fragenkataloge prüfen können.

Damit wurde zum einen für die zu unterweisenden Personen eine zeitliche und örtliche Flexibilität geschaffen und zum anderen die für die Unterweisung zuständigen Mitarbeiter des Institutes zeitlich entlastet.

Aufgrund der Universalität des Aufbaus der Sicherheitseinweisung kann diese auch für andere Institute und Labore genutzt werden. Außerdem ist es möglich, den Teil der Sicherheitseinweisung, in dem auf die Lage der Sicherheitseinrichtungen eingegangen wird, für jedes Institut separat in Moodle anzubieten bzw. im Falle von räumlichen Umgestaltungen ohne großen Aufwand auszutauschen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, weitere Zusatzfilme anzubieten, in denen z.B. die Bedienung einzelner Geräte näher erläutert wird.

Diskussion & Ausblick
Aufgrund des vorgegebenen Datenvolumens und der Zeitvorgaben mussten einige Szenen gestrafft werden und es konnte nicht auf die Bedienung einzelner Geräte eingegangen werden. Hier wäre es denkbar, die Bedienung einzelner Geräte als Zusatzfilme hochzuladen.

Da der Film auch für andere Institute nutzbar sein sollte, wurde die Lage der Sicherheitseinrichtungen in einem separaten Film gezeigt. Nach einer Renovierung ist es somit möglich, die neuen Gegebenheiten z.B. in Form eines virtuellen Rundgangs einzubinden. Andere Institute können entsprechende Rundgänge für ihre Institute hochladen.

Bei großer Nachfrage durch internationale Studenten kann die deutsche Tonspur durch Neuaufnahme einer englischen Tonspur ausgetauscht werden.

Danksagung
Das Vorhaben wurde durch die Konanzführungs-Akademie unterstützt. Wir danken für die finanzielle Unterstützung. Ferner bedanken wir uns für die vielschichtigen Hilfestellungen durch die Mitarbeiter des Fachbereichs Informatik, den Dekan Prof. Dr. Winterstein, Prof. Dr. Smits und Prof. Dr. Gröschel sowie durch das Rechenzentrum, Birgit Schulz.

Literatur
[1]
ChemG, GefStoffV abgerufen unter www.gesetze-im-internet.de/chemg/ im Mai 2014.
[2] Allgemeine Betriebsanweisung für Mitarbeiter abgerufen unter www.web.unifrankfurt.de/fb14/AK_Brutschy/hp/sicherheit/Allgemeine_Betriebsanweisung_fuer_Mitarbeiter.pdf im Mai 2014.
[3] Brock, T. H. Skript: „Sicherheit in der Chemie.“ Heidelberg, Auflage 1 (2014).
[4] TRGS 555 abgerufen unter www.arbeitssicherheit.de/de/html/library/law/3351490%2C2%2C20130307TRGS 555 im Mai 2014.
[5] Stichwort Moodle abgerufen unter www.wikipedia.de im Mai 2014 „Veröffentlichung Virtuelle Sicherheitseinweisung“.

Dr. Isabell Sommer, Hochschule Mannheim Institut für Biologische Verfahrenstechnik

Autoren:
Dr. Isabell Sommer,
Hochschule Mannheim Institut für Biologische Verfahrenstechnik
Paul-Wittsack-Straße 10
68163 Mannheim
E-Mail: i.sommer@hs-mannheim.de
Tel. 0621 292-6471

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