Forschung und Entwicklung in Chemie- und Pharma-Industrie

Barbara Schick,

Innovationsstandort Deutschland unter Druck?

Die Etats für Forschung und Entwicklung (FuE) in der chemisch-pharmazeutischen Industrie steigen, die Bedeutung des deutschen Innovationsstandorts sinkt dennoch. Deutschland kranke an strukturellen Problemen, überbordender Bürokratie, zu langen Genehmigungsverfahren, komplizierten Projektfördersystemen. Gleichzeitig fehle eine Innovationsstrategie der Bundesregierung aus einem Guss, kritisiert der Verband der Chemischen Industrie (VCI). Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Forschungsausschusses, sagt: „In anderen Ländern sind die Kosten niedriger, öffentliche Förderprogramme besser und die Bürokratie geringer. Bei Ideen ist ‚Made in Germany‘ zwar top, ‚Moneymakers‘ sind diese Ideen aber im Ausland.“

Ausgaben für Forschung und Entwicklung (in Mrd. Euro). Das Wachstum wird vor allem durch Pharmaforschung getragen. © VCI

Chemisch-pharmazeutische Industrie ist forschungsstark

Die FuE-Ausgaben der chemisch-pharmazeutischen Industrie sind nach Schätzungen des VCI im Jahr 2023 um vier Prozent auf rund 15,5 Milliarden Euro gestiegen. Getragen wurde das Wachstum vor allem von der Pharmaforschung. In der Chemie hingegen standen die FuE-Budgets auf dem Prüfstand. „Hohe Kosten am Standort, eine schlechte Ertragslage und sich verschlechternde Innovationsbedingungen machen es immer schwerer, in Deutschland zu forschen“, erläutert Wessel auf der Pressekonferenz am 29. August 2024. Dennoch sei die Innovationsorientierung der chemisch-pharmazeutischen Industrie hoch, da nahezu alle Unternehmen forschen. Als positive Entwicklung bezeichnet er auch die gestiegene Zahl der FuE-Beschäftigten: Annähernd 46.000 der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in den Forschungslaboren der Branche tätig, das entspricht knapp zehn Prozent der Beschäftigten.

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Beschäftigung in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Chemie und Pharmaunternehmen; Anzahl der Beschäftigten in F&E (linke Achse) und deren Anteil (rechte Achse) an den Beschäftigten (gesamt) der Branche. © VCI

Bedenklich stimmt den VCI-Forschungssprecher allerdings, dass die Dynamik der Forschungsbudgets zuletzt nachgelassen hat und eine Umkehr dieser Entwicklung nicht in Sicht sei. Für das laufende Jahr prognostiziert der Chemieverband daher kaum Zuwächse bei den Forschungsbudgets im Inland, dafür aber steigende Investitionen im Ausland. Laut einer aktuellen VCI-Umfrage will jedes dritte Unternehmen, das außerhalb Deutschlands forscht, dort seine FuE-Investitionen erhöhen. Für 2024 rechnet der VCI mit einem branchenweiten FuE-Etat von 15,8 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von zwei Prozent.

Räumliche Nähe zwischen Innovator und Kunden ist notwendig

Ausgaben für Forschung und Entwicklung der Chemie- und Pharmaindustrie: Anteile der Länder an den weltweiten FuE-Ausgaben, 2023. Deutschland steht hier an 4. Stelle unter den größten Forschungsstandorten für Chemie und Pharma. © VCI

Das zunehmende Interesse der Unternehmen an Forschung im Ausland mache den Bedeutungsverlust des Chemieforschungsstandorts Deutschland deutlich, so der VCI weiter. Noch ist Deutschland der viertgrößte Chemieforschungsstandort, aber die Wettbewerber holen auf. Eine exzellente Chemieforschung in der Grundlagen-, der angewandten und der industriellen Forschung für den Wirtschaftsstandort, für die Transformation und für die Bewältigung aktueller Herausforderungen sei daher von herausragender Bedeutung: So zahlen Chemie- und Pharmapatente erheblich auf die Nachhaltigkeitsziele der UN ein. In Deutschland stammen 71 Prozent der Nachhaltigkeits-Technologiepatente für sauberes Wasser aus der Chemieforschung. Bei Gesundheit sind es 63 Prozent und beim Klimaschutz über 50 Prozent der Technologiepatente.

Die Anteile der Chemie- und Pharma-Patente an allen Technologiepatenten zu einem SDG, Durchschnitt der Jahre 2018-2021, zeigen die Bedeutung von Chemie- und Pharma-Patenten für ein Sustainable Development Goal (SDG) in Deutschland. © VCI

Wessel: „Forscherinnen und Forscher an unseren Hochschulen, wissenschaftlichen Instituten und in der Industrie tragen wirksam zu Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft bei.“ Er ergänzt, dass branchenübergreifenden Innovationen von chemischer Forschung und industrieller Anwendung eine wachsende Bedeutung zukomme. Das setze eine räumliche Nähe zwischen dem Innovator und seinem Kunden voraus, um mit ihm zusammen beispielsweise durch neue, moderne Werkstoffe Zukunftsprodukte zu entwickeln und zukunftsfähig zu bleiben.

Licht und Schatten am Forschungsstandort Deutschland

Umso wichtiger sei es, den deutschen Innovationsstandort zu stärken. Zwar könne Deutschland durchaus mit Trümpfen punkten. Hierzu zählten beispielsweise eine hervorragende Wissenschaftslandschaft, Top-Forscherinnen und Forscher sowie eine starke Grundlagenforschung. Doch ein zeitgemäßes Innovationssystem brauche eine umfassende Innovationsstrategie aus einem Guss – von der Grundlagen- über die angewandte bis hin zur Industrie-Forschung, betont Wessel. Die Branche stört vor allem das vielfältige Stückwerk: „Hier ein neues Förderprogramm, dort ein neues Institut – das ist ein Flickenteppich. Verstärkt wird diese Entwicklung durch nicht abgestimmte Maßnahmen der Bundesregierung und ihrer Ressortabteilungen.“ Auch mit der erneuten massiven Kürzung der Finanzmittel im Haushalt 2025 für die Batterieforschung beispielsweise verspiele die Bundesregierung Vertrauen und gefährde so die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in dieser Zukunftstechnologie. Technologieentwicklung und Forschungsförderung müssten Hand in Hand gehen. „Ein Handeln nach Haushaltslage und parteipolitischen Bedürfnissen ist kontraproduktiv“, macht Wessel deutlich.

Aufwendige Bürokratie reduzieren

Weiter fordert der VCI-Forschungssprecher den Abbau überbordender Bürokratie. Das deutsche Antragswesen zwänge die Unternehmen in ein Korsett und schränke ihre Flexibilität ein. „Die Bürokratie-Lianen strangulieren Unternehmen und schrecken auch ausländische Investoren ab.“ Dabei sei Bürokratie nicht nur lästig, so Wessel, sondern auch ein massiver Kostenfaktor. Das zeigt die VCI-Umfrage: Geschätzte 5 Prozent ihrer Umsätze müssen Firmen für das Ausfüllen von Formularen aufbringen. „Ein Teil dieses Geldes wäre sicher besser in Innovationen investiert“, so Wessel.

Mit Blick auf den weltweiten Wettbewerb der Innovationsstandorte plädiert der Vorsitzende des VCI-Forschungsausschusses außerdem dafür, dass die Förderlandschaft aus einer Kombination staatlicher Fördermittel, steuerlicher Maßnahmen, institutionellem und privatem Risikokapital finanziert werde. Ebenso müssten Pilot- und Demonstrationsanlagen sowie Reallabore gefördert werden, um die Transferlücke zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung zu schließen. Und auch der Fachkräftemangel bereitet Sorgen. Um Top-Talente auszubilden, zu gewinnen und zu halten, bräuchten die Schulen eine bessere technische Ausstattung im Chemieunterricht, vergleichbare Bildungsstandards, durchgehenden MINT-Unterricht und gut ausgebildete Lehrkräfte, die sich kontinuierlich weiterbilden.

Zusatzinformation:
Der VCI und seine Fachverbände vertreten die Interessen von rund 2.300 Unternehmen aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie und chemienaher Wirtschaftszweige gegenüber Politik, Behörden, anderen Bereichen der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Medien. 2023 setzten die Mitgliedsunternehmen des VCI rund 245 Milliarden Euro um und beschäftigten mehr als 560.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Quelle: Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI)

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