Ausgestorbene Arten aus dem Labor?

Melanie Steinbeck,

Was hinter der gentechnischen Rekonstruktion der Schattenwölfe steckt

Drei helle Wolfswelpen werden als genetisch rekonstruierte Schattenwölfe vorgestellt: Ein Biotech-Unternehmen aus den USA möchte ausgestorbene Spezies mittels Gentechnik rekonstruieren. Erst kürzlich präsentierte es Mäuse mit einem Fell, das an das der Wollhaarmammuts erinnert. Nun stellt die Firma Tiere vor, die als neu erschaffene Schattenwölfe bezeichnet werden - Tiere, die bereits vor mehr als 10 000 Jahren ausgestorben sind. Das Unternehmen, das hinter dieser zoologischen Science-Fiction-Inszenierung steht, nennt sich Colossal Biosciences.

Schattenwölfe oder Grauwölfe mit wenigen Schattenwolf-Genen? Die Schattenwolf-Welpen Romulus und Remus: Mischlings-Hündinnen dienten als Leihmütter für die angeblichen Schattenwölfe. © Colossal Biosciences/AP/dpa

Gentechnische Rekonstruktion oder PR-Inszenierung?

Um es vorweg zu nehmen: Der Schattenwolf wurde nicht wieder zum Leben erweckt. Tatsächlich handelt es sich lediglich um modifizierte Grauwölfe, die einige genetische Merkmale jener vor etwa 12.000 Jahren ausgestorbenen Spezies – im Englischen „dire wolf“ oder auch „Schrecklicher Wolf“ genannt – aufweisen. Das auf derartige Gentechnikprojekte spezialisierte Unternehmen mit Sitz in Dallas präsentierte der Öffentlichkeit nun drei sogenannte Hybride: die Rüden Romus und Remulus, geboren im Oktober, sowie das Weibchen Khaleesi, das Ende Januar zur Welt kam.

Genetische Manipulation statt echter Wiederbelebung

Laut Colossal handelt es sich um die ersten Schattenwölfe seit dem Ende des Pleistozäns vor rund 10.000 Jahren. Äußerlich ähneln die Tiere nach Unternehmensangaben ihren ausgestorbenen „Vorfahren“ der Art Aenocyon dirus, die einst auf dem nordamerikanischen Kontinent verbreitet war – etwa durch ein dichtes, helles Fell, eine größere Körpergröße und ein angeblich charakteristisches Heulen.

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Schattenwölfe oder Grauwölfe mit wenigen Schattenwolf-Genen? Die angeblichen Schattenwölfe Romulus und Remus © Colossal Biosciences/AP/dpa

Bereits im März hatte Colossal mit einer anderen Kreation Aufsehen erregt: der sogenannten „Wollhaarmaus“. Dabei handelte es sich um gentechnisch veränderte Mäuse, deren Fellstruktur jener der Wollhaarmammuts gleichen soll. Für das aktuelle Wolfsprojekt hatte das Unternehmen DNA-Fragmente zweier fossiler Schattenwölfe entschlüsselt – einer lebte vor etwa 13.000 Jahren, der andere sogar vor 72.000 Jahren in der Region des heutigen US-Territoriums. Durch genetische Vergleiche mit heutigen Wolfsarten identifizierte das Forschungsteam laut eigenen Angaben spezifische Merkmale, die der ausgestorbenen Spezies zugeordnet werden.

Veränderte Grauwölfe als Schattenwölfe?

Daraufhin modifizierten die Wissenschaftler das Genom von Grauwölfen (Canis lupus) gezielt an 20 Positionen in insgesamt 14 Genen. Das Genom des Grauwolfs umfasst rund 19.000 Gene. Die resultierenden Tiere – sogenannte Hybride – weisen demnach eine deutlich stärkere genetische Nähe zu heutigen Grauwölfen als zu den ursprünglichen Schattenwölfen auf.

Bearbeiteten Zellkerne in entkernte Eizellen eingesetzt

Die bearbeiteten Zellkerne wurden in entkernte Eizellen eingesetzt, wodurch sich laut Colossal zunächst 45 Embryonen entwickelten. Diese übertrug man in Mischlings-Hündinnen, die als Leihmütter dienten. Drei Tiere kamen schließlich zur Welt. Wo genau sie untergebracht sind, gibt das Unternehmen nicht bekannt.

Fachleute zweifeln

Wissenschaftler aus unabhängigen Forschungseinrichtungen zeigen sich angesichts des Projekts zurückhaltend bis kritisch. Die präsentierten Tiere seien lediglich Mischlinge mit vereinzelten genetischen Eigenschaften, die möglicherweise an Schattenwölfe erinnern könnten, erklärte Nic Rawlence von der Universität Otago in Neuseeland. Ob die vermeintlichen Merkmale tatsächlich auf die ausgestorbene Art zurückzuführen seien, lasse sich nicht sicher sagen, so der Zoologe.

„Um etwas wirklich wieder aufleben zu lassen, müsste man es klonen“, sagte Rawlence. „Das Problem ist, dass wir ausgestorbene Tiere nicht klonen können, weil die DNA nicht gut genug erhalten ist.“ Auch wenn man das Genom entschlüsseln könne, fehle es an ausreichend großen DNA-Fragmenten, wie sie nur bei lebenden Organismen verfügbar seien.

Schutz bestehender Arten statt Schaffung von Hybriden

Statt ausgestorbene Arten durch Genmodifikation nachzubilden, wäre es seiner Ansicht nach sinnvoller, bestehende Arten aktiv zu schützen und Wege zu finden, deren Aussterben zu verhindern.

Auch Philip Seddon, ebenfalls an der Universität Otago tätig, erkennt die technologischen Fortschritte an, hält die Interpretation des Projekts jedoch für problematisch: „Die süßen Welpen Romulus, Remus und Khaleesi sind keine Schattenwölfe – sie sind genetisch veränderte Grauwölfe.“ Die beiden Spezies seien zudem nicht eng miteinander verwandt; der letzte gemeinsame Vorfahre habe vermutlich vor etwa sechs Millionen Jahren gelebt.

Forschungsziel: Elefanten mit Mammut-Eigenschaften

Colossal Biosciences wurde unter anderem vom bekannten Harvard-Genetiker George Church mitbegründet. Church hatte bereits weltweit Schlagzeilen gemacht, als er ankündigte, einen kälteresistenten Elefanten mit mammutähnlichen Merkmalen entwickeln zu wollen – sowohl im Aussehen als auch im Verhalten. Ein Zwischenschritt auf diesem Weg seien die bereits erwähnten Wollhaarmaus-Experimente: Bei den Tieren wurden Gene so verändert, dass ihre Fellstruktur und Färbung jenen des Mammuts ähneln.

Quelle: dpa, Colossal Biosciences

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