Interview

Haben Laborberufe ein Image-Problem?

Auch in Laborberufen wird Mangel an Fachpersonal festgestellt. Dies zeigt auch der Rückgang bei Bewerberzahlen um Ausbildungsplätze in diesen Bereichen – trotz guter Berufsaussichten. Das beobachtet auch Dr. Oliver Zschenker, Schulleiter an der School of Life Science (SLS), einer staatlich anerkannten Berufsfachschule des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Hier werden Biologisch-Technische Assistenten und Assistentinnen ausgebildet. Die Ausbildung deckt die Bereiche Biochemie, Molekularbiologie, Gentechnik und Bioinformatik ab.

LABO: Herr Dr. Zschenker, Sie bilden seit mehr als 10 Jahren Biologisch-Technische Assistenten und Assistentinnen aus. Welche Erfahrungen haben Sie (in Bezug auf die Auszubildenden) gemacht? Welche Tendenz beobachten Sie hier?

Dr. Oliver Zschenker. © Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Dr. Zschenker: An unserer School of Life Science bilden wir seit 2004 Biologisch-Technische Assistenten und Assistentinnen nach dem Hamburger Modell aus. Die zweijährige Ausbildung zeichnet sich durch eine schulische Phase, aber vor allem durch eine einjährige praktische Phase aus, die sich die Schüler und Schülerinnen selbst zusammenstellen können. Sie können ihre drei Praktika, die sie in diesem Jahr durchlaufen sollen, aus einer Vielzahl an Laboren im In- und Ausland auswählen. Wir bieten viele Labore in Grundlagenforschung und Diagnostik im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) an, deren Tochterunternehmen wir sind. Zudem kooperieren wir mit vielen Instituten und Unternehmen in der Metropolregion Hamburg. Durch unser Erasmus-gefördertes Auslandsprojekt können unsere Auszubildenden seit vielen Jahren bereits Praktika im Ausland durchführen, um ihre Labor- und Sprachkenntnisse weiter zu vertiefen.

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Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich all unsere Auszubildenden stets durch ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und Motivation auszeichnen. Wir stellen allerdings in den letzten Jahren fest, dass das Vorwissen, das die Schüler und Schülerinnen von den allgemeinbildenden Schulen in Mathematik und den Naturwissenschaften (vor allem in Biologie und Chemie) mitbringen, leider tendenziell abnimmt, weshalb wir vieles von dem, was wir früher als Wissen voraussetzen konnten, nun erst teilweise mühsam neu vermitteln müssen.

LABO: Wissen Sie, was die Auszubildenden veranlasst hat, genau diesen Ausbildungs-/Berufsweg zu wählen? Haben Sie hier Veränderungen im Laufe der letzten Jahre feststellen können?

Dr. Zschenker: In jedem Vorstellungsgespräch fragen wir ab, warum sich die Bewerber und Bewerberinnen für die Ausbildung zur BTA bzw. für unsere Schule entschieden haben. Als wesentliche Gründe werden das intrinsische Interesse an Biologie und biologisch-medizinischen Vorgängen genannt, die im Fach Biologie in den Schulen weiter intensiviert wurden. Wir vermuten, dass der Rückgang der Bewerberzahlen in den letzten Jahren u. a. darin begründet liegt, dass an vielen Schulen zugegebenermaßen komplexe Inhalte wie Molekularbiologie und Biomedizin gar nicht mehr oder nur noch am Rande vermittelt werden. Dadurch kann aber auch das Interesse an diesen Dingen nicht weiter geweckt werden. Vielleicht könnte die Corona-Pandemie hier ein neuer Motor sein, denn Schulen werden nun plötzlich mit einem (molekular-)biologischen Thema direkt konfrontiert und sind gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen.

LABO: In vielen Bereichen wird ja seit einiger Zeit ein Mangel an Fachpersonal festgestellt. Bei manchen Berufen mögen körperliche Arbeit oder starke Arbeitsbelastung, was z. B. für medizinische Pflegeberufe bekannt ist, den einen oder anderen abschrecken. Welche Ursachen sehen Sie hier speziell bei den BTAs? Sicher hätten doch zahlreiche Schulabgänger das Zeug dazu – auch ohne eine Eins in Biologie.

Dr. Zschenker: Außer dem eben genannten Punkt sehen wir vielfältige Ursachen für den faktischen Mangel an Fachpersonal und dem Rückgang der Bewerberzahlen für die BTA-Ausbildung. Aus Umfragedaten, die das Unternehmen Starlab zusammengestellt hat, zeigte sich vor allem ein Image-Problem der Laborberufe. Leider ist in den Augen vieler Menschen der Laborberuf wenig attraktiv, da angenommen wird, dass BTAs und Laboranten und Laborantinnen alleine vor sich hin arbeiten, ohne Anspruch, Abwechslung und Eigenverantwortung. Genau das Gegenteil ist aber der Fall! Wenn ein oder eine BTA im klinischen Labor Patientenmaterial bearbeitet und eine Diagnose ermittelt, ist das höchst verantwortungsvoll, entscheidet die oder der BTA damit doch über ein Schicksal eines Menschen! Gerade die Coronapandemie hat doch auch gezeigt, dass sich Mitarbeitende im Labor schnellstmöglich an neue Krankheiten und somit neue Testmethoden etc. gewöhnen und anwenden müssen. Wer weiß schon, was als nächstes kommt? Von Eintönigkeit und mangelnder Abwechslung kann also gar keine Rede sein.

Noch einen wichtigen Grund abnehmender Bewerberzahlen und damit einem Mangel an Fachkräften will ich aber betonen. Bei BTA handelt es sich „nur“ um eine Ausbildung. Wir sehen, dass Eltern, aber auch Lehrer und Lehrerinnen, den jungen Leuten nicht mehr zu einer Ausbildung raten, sondern generell ein Studium empfehlen. Die Empfehlung wird sogar ausgesprochen, wenn in der Schule klar wird, dass der Schüler oder die Schülerin wahrscheinlich nicht geeignet ist, ein Studium erfolgreich abzuschließen. Momentan haben wir eine Studienabbrecherquote von über 30 %, von denen momentan niemand genau weiß, was aus denen wird, weil sich um diese Personen nicht wirklich gekümmert wird. Die Frage ist, wie wir diese jungen Menschen mit einem sicher hohen Potenzial, erfolgreich einen praktischen Beruf abzuschließen, besser erreichen können.

Ausbildungslabor der School of Life Science. © Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Axel Kirchhof

LABO: In welcher Weise haben sich BTA-Lehr- und Ausbildungsinhalte in den letzten Jahren verändert? Kann es sein, dass viele eine falsche Vorstellung sowohl von Ausbildungsinhalten als auch Tätigkeitsfeldern haben?

Dr. Zschenker: Die Ausbildungs- und Lehrinhalte passen sich (bei uns) immer den aktuellen Entwicklungen an. Wir haben z. B. sehr schnell das Coronavirus in unseren Lehrplan integriert. Zudem tauschen wir uns regelmäßig mit unseren Kooperationspartnern aus, um mit denen abzustimmen, ob sie neue Technologien oder Methoden bereits in der schulischen Phase der Ausbildung besprochen haben möchten. Tatsächlich wissen wir aus unseren Vorstellungsgesprächen, dass nicht viel bekannt ist. Wir fragen z. B. regelmäßig: Was macht denn ein oder eine BTA den ganzen Tag, und wo arbeitet ein/eine BTA? Die Antworten sind in der Regel sehr schwammig, so dass wir dann immer erst einmal ein bisschen erklären, worum es überhaupt wirklich in dem Beruf geht. Das finden wir aber nicht so schlimm, denn schließlich gehört zu einem erfolgreichen Abschluss das Interesse und der Spaß an der Arbeit. Und das haben die meisten Auszubildenden bei uns.

LABO: Es gibt ja bereits einige Initiativen, um frühzeitig das naturwissenschaftliche Interesse bei Kindern und Jugendlichen zu fördern. Wo sehen Sie hier noch Handlungsbedarf? Und was würden Sie jungen Leuten, die vor der Berufswahl stehen, empfehlen?

Dr. Zschenker: Ich sehe den Handlungsbedarf vor allem bei den Schulen und in der Berufsberatung. In meinen Augen ist es traurig, dass viele Lehrer/-innen und Berufsberater/-innen diesen Beruf gar nicht kennen. Und was man nicht kennt, kann man natürlich auch nicht empfehlen. Deshalb gehen wir sehr gerne in die Schulen und informieren über BTA allgemein, aber natürlich auch über unser Ausbildungsmodell. Leider ist uns das während der Pandemie natürlich nicht möglich gewesen. Des Weiteren sollte man sich nicht nur auf das Studium konzentrieren. Viele Schulabsolvent/-innen sind für ein Studium aus verschiedensten Gründen einfach nicht geeignet. Ich verstehe, da ich selbst Vater bin, dass man immer das Beste für sein Kind will, aber ein Studium ist halt nicht immer das Beste. Ich höre oft von Bewerber/-innen, die nach dem abgebrochenen Studium zu uns kommen, dass ihnen das Studium zu theoretisch war und sie mehr der praktische Typ seien. Und zuletzt sei gesagt: Eine Ausbildung muss keine Sackgasse sein, sondern kann ein Talent fördern und zum Erfolg führen, mehr als ein Studium. Eine Ausbildung kann aber auch zur Orientierung dienen: Und sollte der Beruf dann – aus welchen Gründen auch immer – doch nicht das Richtige sein, kann man immer noch studieren (und vielleicht sich das Studium im BTA-Job verdienen).

LABO: Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Zschenker.

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