Endokrine Disruptoren

5. Internationale Fresenius-Konferenz diskutiert regulatorische Entwicklungen

Obwohl schon lange angekündigt, hat die Europäische Union bislang keine Kriterien zur Identifikation Endokriner Disruptoren vorgelegt. Die letzte Entwicklung zum Thema ist die Veröffentlichung einer „Roadmap" im Juni dieses Jahres seitens der Europäischen Kommission. Welche Resonanz diese hervorgerufen hat und weitere wissenswerte Informationen, welche die Regulierung beeinflussen könnten, wurden am 29. und 30. Oktober 2014 auf der 5. Internationalen Fresenius-Konferenz „Endocrine Disruptors" in Köln erörtert.

Pia Juul Nielsen (DG Environment/Europäische Kommission) äußerte sich in Köln zur kürzlich veröffentlichten Roadmap. Das Dokument definiert vier Optionen für Kriterien zur Identifikation Endokriner Disruptoren sowie drei Optionen für Ansätze zur regulatorischen Entscheidungsfindung. Letztere enthalten auch Vorschläge zum Einbezug weitergehender Elemente der Risikobewertung oder sozio-ökonomischer Erwägungen in die sektorale Gesetzgebung für Situationen, in denen dieser notwendig ist oder gewünscht wird, um potentielle sozio-ökonomische Auswirkungen zu reduzieren bzw. nachteilige Auswirkungen zu verhindern. Eine öffentliche Konsultation zu den Optionen für Identifikationskriterien hat Ende September begonnen und eröffnet noch bis 16. Januar 2015 allen interessierten Parteien die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzulegen.

Daneben erwähnte Nielsen, dass die Kommission derzeit den REACH-Review in Bezug auf Endokrine Disruptoren finalisiere. Dieser nimmt sich der Frage an, ob Endokrine Disruptoren nur in solchen Fällen autorisiert werden sollten, in denen sozio-ökonomische Vorteile die Risiken für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt überwiegen und in denen es keine geeigneten alternativen Substanzen oder Technologien gibt.

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NGOs fordern klare Trennung von Identifikation und wirtschaftlichen Überlegungen
Die veröffentlichte Roadmap der Kommission stößt insbesondere bei den NGOs auf Kritik. Ninja Reineke sprach auf der Konferenz im Namen der Organisation CHEM Trust (Chemicals Health and Environment Monitoring Trust, UK). Von den vier in der Roadmap genannten Optionen für Identifikationskriterien favorisiere CHEM Trust klar die dritte, nach der es drei verschiedene Kategorien von Substanzen geben soll, die nach der Stärke ihrer Hinweise auf endokrine Disruption unterschieden werden. Die Roadmap schlägt eine Einteilung in allgemeine „Endokrin aktive Substanzen" sowie in Substanzen, die vermutlich endokrin aktiv sind, sowie solche, die bestätigt wurden, vor. Dieser Ansatz berücksichtige alle vorhandenen Daten und sei flexibel, so dass auch zukünftige wissenschaftliche Fortschritte aufgenommen werden könnten, so Reineke. Dennoch sei es wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass man bei der Identifikation Endokriner Disruptoren eher auf Plausibilität als auf endgültige Nachweise setzen sollte.

Deutlich kritisch äußerte sich die NGO-Vertreterin zur vierten in der Roadmap genannten Option, bei der die Potenz einer Substanz in die Gefahrencharakterisierung inkludiert sein soll. Diese Option sei in Wahrheit gar keine, betonte Reineke. Zum einen gebe es für diesen Ansatz keinerlei wissenschaftliche Rechtfertigung, zum anderen bestünde die Gefahr, dass gefährliche Endokrine Disruptoren übersehen werden. Zudem basiere die derzeitige Identifikation von CMR-Chemikalien nicht auf der Potenz. Deshalb spreche man sich klar dagegen aus, die Potenz in die Identifikation Endokriner Disruptoren einzubeziehen, verdeutlichte sie. Im Hinblick auf die drei von der Kommission vorgeschlagenen Regulierungsansätze (keine Änderung der Politik, Einbezug weitergehender Elemente der Risikobewertung sowie der Einbezug weitergehender Elemente der Risiko-Nutzen-Analyse) präferiere ihre Organisation die erstgenannte Option, fuhr Reineke fort. Regulatorische Änderungen an den bestehenden EU-Gesetzen seien aufgrund der existierenden Möglichkeiten für Ausnahmen nicht nötig.

Die Voraussetzung für eine angemessene Regulierung Endokriner Disruptoren bestehe darin, deren wissenschaftlich basierte Identifikation von wirtschaftlichen Erwägungen zu trennen, unterstrich sie. Anstatt nach zweifelhaften Sicherheitslevels zu suchen, sollte besser nach Substitutionsmöglichkeiten gesucht werden. Die Folgenabschätzung müsse die Vorteile des Abbaus von Endokrinen Disruptoren für die menschliche Gesundheit und die Umwelt thematisieren, schloss die Expertin.

Wahrnehmung Endokriner Disruptoren laut Industrie zu negativ
Auch die Industrie kam auf der Konferenz zur Identifikation Endokriner Disruptoren zu Wort. Aus dem Buch „How Risk is it, Really?" von David Ropeik zitierend, ging Jean-Pierre Busnardo (DuPont Crop Protection, Belgien) in seiner Präsentation auf die mögliche Verbindung zwischen weit verbreiteten Ängsten und der öffentlichen Wahrnehmung Endokriner Disruptoren ein. Die Debatte über Endokrine Disruptoren werde fast ausschließlich im Hinblick auf Risiken geführt und lasse die Vorteile der Substanzen außer Acht, so der Industrievertreter. Busnardo äußerte, dass der wahrscheinlich relevanteste Faktor in der Wahrnehmung der Endokrinen Disruptoren die Unsicherheit sei.

Endokrine Disruption ist ein Thema von hoher Komplexität, zu dem unterschiedliche Expertenmeinungen existieren. Die betroffenen Substanzen werden als Forschungsbereich präsentiert, in dem vieles noch ungewiss ist. Im Hinblick auf die Politik zum Thema Endokrine Disruptoren könnten all diese Ängste Konsequenzen haben, warnte Busnardo. So sei beispielsweise eine Überregulierung der Substanzen denkbar.

Busnardo betonte, dass Gefahrenabschätzungen vor großer Bedeutung seien und wies darauf hin, dass das Ablehnen von Produkten aufgrund nicht existierender Risiken ein unangemessenes Management des Themas darstelle. Aus diesem Grund sei der Einbezug der Wirksamkeit sehr wichtig, verdeutlichte er. Berücksichtige man diese, würden fünf bis neun Prozent der aktiven Substanzen, die zum Pflanzenschutz eingesetzt werden, als Endokrine Disruptoren gelten, führte er an. Lasse man die Wirksamkeit außen vor, erhöhe sich die Anzahl auf bis zu 40 Prozent. Sowohl eine umfassende Identifikation aller endokrin aktiven Substanzen in Pflanzenschutzmitteln als auch eine dazugehörige sozioökonomische Analyse seien bislang nicht durchgeführt worden, fuhr Busnardo fort.

Jedoch existierten verschiedene Studien, die sich mit den potenziellen Folgen eines Verbots von Azol-Fungiziden - dem Rückgrat der Seuchenbekämpfung bei der Getreideproduktion - auseinandersetzen. Laut diesen Studien könnte das Auftreten von Mykotoxinen deutlich ansteigen und die Getreideernte um bis zu 17 Prozent niedriger als bislang ausfallen, wenn Azole verboten würden, betonte Busnardo.

Die Tagungsunterlagen mit den Skripten aller Vorträge der Fresenius-Konferenz können zum Preis von 295,- EUR zzgl. MwSt. bei der Akademie Fresenius bezogen werden.

Kontakt:
Die Akademie Fresenius GmbH
Annika Koterba
Alter Hellweg 46
44379 Dortmund
Tel: +49 231 75896-74,
Fax: +49 231 75896-53
E-Mail akoterba@akademie-fresenius.de

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