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Medizinische und industrielle Biotechnologie in Deutschland auf Wachstumskurs

Die Biotechnologie-Branche in Deutschland befindet sich weiter auf Wachstumskurs. Wie Dr. Bernward Garthoff, Vorsitzender der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB), vor der Presse in Frankfurt erklärte, lasse sich diese Entwicklung an drei Tatsachen ablesen: Die Zahl der Arbeitsplätze in der Branche steigt. Die Entwicklungspipeline für neue Arzneimittel auf biotechnischer Basis umfasst mehr Wirkstoffkandidaten als je zuvor. Und beim Einsatz für industrielle Zwecke zählt Deutschland mit seinem Know-how und den Produktionskapazitäten zu den führenden Nationen auf der Welt. "Die Erfolgsstory bei der roten und weißen Biotechnologie setzt sich fort. Jedes Jahr kommen neue spannende Kapitel hinzu", sagte Garthoff. Sorgenkind der Branche bleibt aber weiterhin das Segment der Agrarwirtschaft. ¿In der Pflanzenbiotechnologie sind wir keinen Schritt weiter gekommen¿, betonte der DIB-Vorsitzende. "Das Umfeld in Deutschland und der EU ist weiterhin von Rechtsunsicherheit, politischer Willkür und Feldzerstörungen geprägt." Für die Zukunft der chemischen Industrie bietet die weiße Biotechnologie große Chancen und neue Möglichkeiten. Mit Enzymen aus Pilzen oder Mikroorganismen, die zusätzlich gentechnisch optimiert werden, können Verfahren und Produkte wirtschaftlicher oder umweltschonender gestaltet werden. Waschmittelenzyme sind ein Paradebeispiel für diese Entwicklung in der Branche. Mit biotechnischen Prozessen lassen sich aber auch nachwachsende Rohstoffe besser verarbeiten, zum Beispiel für die Herstellung von Lacken, Klebe-, Dämm- oder Schmierstoffen. In Deutschland werden heute etwa 5 Prozent der chemischen Produkte mit Hilfe von rund 100 verschiedenen Bakterienarten erzeugt. Mit einem Fermentervolumen von insgesamt 830.000 Litern haben deutsche Unternehmen nach den USA die weltweit größten Produktionskapazitäten auf diesem Gebiet installiert. Knapp 8 Prozent der rund 500 Unternehmen in Deutschland, die ganz oder überwiegend mit modernen biotechnischen Verfahren arbeiten, bezeichnen zurzeit die industrielle Biotechnologie als ihren Tätigkeitsschwerpunkt. Der wirtschaftliche Erlös dürfte bei mindestens 1 Milliarde Euro liegen, so Garthoff. Das Weltmarktvolumen wird aktuell auf etwa 55 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Mehrere Studien erwarten, dass der Markt bis 2015 um ein Mehrfaches expandiert. Garthoff wies darauf hin, dass herkömmliche chemische Verfahren dadurch nicht ihren Stellenwert verlieren würden. Es hänge vom Einzelfall ab, welches Verfahren sich hinsichtlich Kosten, Energie- und Rohstoffverbrauch und Emissionen am Ende durchsetze. "Die Wachstumsrate von Produkten der industriellen Biotechnologie liegt allerdings signifikant über der von chemisch hergestellten Produkten", betonte der DIB-Vorsitzende. Diese Verschiebung in den Produktionsprozessen könne man insbesondere in der Sparte der Fein- und Spezialchemikalien beobachten. Ende 2007 waren in Deutschland 177 Biopharmazeutika zugelassen. Mit dieser Gruppe von Arzneimitteln wurde im vergangenen Jahr ein Umsatz von über4 Milliarden Euro erzielt. Damit stieg der Absatz gegenüber 2006 um 28 Prozent. Arzneimittel auf biotechnischer Basis haben inzwischen über alle Indikationen einen Anteil von 15 Prozent am gesamten Pharmamarkt in Deutschland erreicht. Die Liste der Wirkstoffkandidaten in der klinischen Entwicklung ist 2007 um weitere 10 Prozent auf über 350 gestiegen. Die Zahl der Hoffnungsträger, die es bis in die entscheidende Phase III geschafft haben, hat sich fast um ein Drittel auf 92 erhöht. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Arbeitsplätze in den 371 Unternehmen, die in Deutschland in der medizinischen Biotechnologie tätig sind, um rund 4.000 Stellen. Das entspricht einem Zuwachs von 14 Prozent auf insgesamt 34.000 Beschäftigte. Der Umsatz mit biotechnisch hergestellten Diagnostika erreichte 2007 rund 1 Milliarde Euro. Damit deckt diese Gruppe jetzt rund 35 Prozent des gesamten deutschen Marktes für Reagenzien zu diagnostischen Zwecken ab. Der Vorsitzende der DIB wies darauf hin, dass sich auch nach der Novellierung des Gentechnikgesetzes die Situation weder für die Entwicklung noch für den Anbau gentechnisch optimierter Pflanzen verbessert habe. So weise das Standortregister für Freisetzungsversuche einen Rückgang der Auspflanzungen von 78 (2007) auf 38 im laufenden Jahr aus. Mehrere Universitäten und Fachhochschulen mussten ihre Versuche aufgrund von Feldbesetzungen aufgeben. Die Übergriffe militanter Gentechnikgegner auf den Anbau blieben 2008 unverändert hoch. In der ersten Jahreshälfte wurden 22 Feldzerstörungen gemeldet. Trotz der zahlreichen Vorfälle in den vergangenen Jahren sind im Gentechnikgesetz daraus keine Konsequenzen gezogen worden, was Einschränkungen im öffentlichen Teil des Standortregisters betrifft. Hier sieht Garthoff dringenden Nachbesserungsbedarf. Französische Initiative zur Zulassung weder notwendig noch sachgerecht Der Gegenwind für die Anwendung der Pflanzenbiotechnologie in der EU könnte sich Garthoff¿s Ansicht nach durch eine Initiative der französischen Ratspräsidentschaft noch verstärken. Sie will das Zulassungsverfahren für gentechnisch veränderte Pflanzen einer Revision unterziehen. Dabei geht es vor allem darum, die Entscheidungskompetenz der neutralen Zulassungsbehörde EFSA zulasten einer stärkeren Mitsprache der Mitgliedsstaaten zu beschneiden. In der EFSA erstellen 21 international anerkannte unabhängige Experten nach dem neuesten Stand wissen¬schaftlicher Erkenntnisse die Risikobewertung für gentechnisch veränderte Pflanzen, für die eine EU-weite Anbaugenehmigung beantragt wird. Höchstmögliche Sicherheit für Mensch, Tier und Umwelt ist das Ziel dieser Risikobewertung, an der die Mitgliedsstaaten beteiligt werden. Garthoff: ¿Es wäre aus unserer Sicht ein fataler Schritt für den Wirtschaftsstandort Europa, wenn wir Bestrebungen nachgeben, die Sicherheitsbewertung gentechnisch veränderter Organismen künftig nicht auf Basis strenger wissenschaftlicher und objektiver Kriterien vorzunehmen. Wir wünschen uns statt dessen mehr Stimmen aus der Politik, die sich für die Wertschätzung wissenschaftlicher Erkenntnis stark machen, statt diffuse Ängste zu bedienen, um daraus Wahlkapital zu schlagen.¿

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