Life Sciences Innovations

Biotechnologie in Europa

Wie man neue Verfahren und Substanzen schneller auf den Markt bringt
Bild 4: Synthese neuer chemischer Einheiten mit therapeutischem Potenzial (Foto: Genfit).
Biotechnologische Forschungsarbeit erstreckt sich oft über Jahre und ist entsprechend teuer. Um Forschungsergebnisse wie z.B. eine neue pharmakologische Substanz als wirksames Medikament noch schneller und sicherer an den Patienten zu bringen, werden überall besondere Transmissions-Systeme, sprich Meeting-Points, entwickelt. Partnering-Veranstaltungen boomen.

Universitäre oder privatwirtschaftliche Forschung wird immer frühzeitiger auf die speziellen Marktbedürfnisse ausgerichtet, die Finanz-Investoren stehen sozusagen Gewehr bei Fuß. Diesen Eindruck gewinnt man beim Besuch der immer stärker frequentierten internationalen Biotech-Veranstaltungen. Die letzte Partnering-Veranstaltung von BIO-Europe etwa, ein Tochterunternehmen des weltgrößten Biotech-Veranstalters BIO-USA, versammelte in München vom 15. bis 17.11.2010 exakt 2931 registrierte Besucher, ein Plus von 20 % gegenüber dem Vorjahr. Auf solchen „Dating-Kongressen“ suchen sich die Großen der Pharmabranche kleine und mittlere Firmen, um mit deren innovativen Produkten, die sich in unterschiedlichen Phasen (0-II) des Entwicklungsprozesses befinden, ihre Produktpaletten aufzufüllen, berichtet die international agierende EBD-Group. Sie ist seit 1993 bemüht, junge Biotech-Firmen mit der Medizinbranche zusammenzubringen. Rund 15000 Eins-Zu-Eins-Gespräche waren es auf der BIO-Europe München.

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Veranstaltungen schaffen Kontakte

Wichtigstes Erfolgs-Indiz solcher Veranstaltungen ist die Statistik: Von 158 Firmen der Life Sciences-Branche, die 2009 neue Kooperationen bekanntgaben, besuchten 71 % zuvor eine von der EBD-Group organisierte Partnering-Veranstaltung. 2011 richtet EBD mit weiteren Partnern und Sponsoren nacheinander die Biotech Showcase in San Francisco (10. bis 12.1.), BIO-Europe Spring Mailand (14. bis 16.3.), China-BIO Peking (11. bis 12.5.), die EuroMedtech Turin (16. bis 17.5.), sowie zum 12. Male die BIOEquity Europe Paris (23. bis 24.5.) und schließlich die BIO-Europe 2011 in Düsseldorf (31.10. bis 2.11.) aus.

Im Vergleich dazu erreichte die Biotechnica 2010 als „Europas größte Life Science-Messe“ in Hannover mit knapp 10000 Fach-Besuchern und ca. 500 Unternehmen aus 23 Ländern wieder das Niveau von 2008. Die meisten ausländischen Aussteller (insgesamt 32 %) kamen aus der Schweiz, gefolgt von den USA, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. Doch der Biotech-Branche in Deutschland geht es besser als vermutet. Sie bietet inzwischen über 30000 z.T. hoch qualifizierte Arbeitsplätze (+6 % gegenüber 2008) in 531 reinen Biotech-Firmen (plus 6 %), der operative Cashflow steigt (+ 40 %) und die Verluste der Branche sinken (-37 %). Charakteristisch für die gute Lage ist eine herausragende Firmen-Neugründung: Am 1.12.2010 teilte der Max-Planck-Forscher Florian Holsboer (MPI Psychiatrie) mit, er habe mit dem bekannten Hildesheimer Finanzier Carsten Maschmeyer (früher AWD- und MLP-Aktienpakete) das Biotech-Unternehmen Holsboer-Maschmeyer Neuro-Chemie GmbH gegründet. Ziel der Initiative ist es, kleine chemische Moleküle für eine individuelle Medizin im Bereich Depressionen zu entwickeln. Der Niedersachse Maschmeyer wurde bekannt durch seinen aktiven Wahlkampf 2005 für Gerhard Schröder sowie 2010 durch den neugewählten Bundespräsident Wulff, ebenfalls Niedersachse, dem er letzten Sommer seine Villa auf Mallorca für einen Urlaubsaufenthalt anbot. Maschmeyer, der alle seine Anteile an den Finanzdienstleistern AWD und MLP an Swiss Life verkaufte, gründete erst vor wenigen Monaten mit dem bekannten regierungsnahen Wirtschaftsweisen Bert Rürup eine Beratungsgesellschaft für Regierungen, Banken und Versicherungen.

Auf dem Gebiet der Biotechnologie machten die USA, wo die Auswirkungen der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Biotech-Branche immer noch spürbar sind, eine andere Entwicklung durch. Hier scheint es die eher „risikofinanzierten“ Unternehmen hart getroffen zu haben. Von einst 400 privaten Biotech-Unternehmen 2007 sind Anfang 2010 noch 298 Unternehmen übriggeblieben – und gut 100 davon haben schon fast kein Geld mehr (Quelle: http://BIO.org). Allerdings produzierten hierzulande die in privater Hand befindlichen Biotech-Unternehmen ebenfalls mehr Verluste (insgesamt + 13 %, darunter der Verlustvortrag von Sygnis Pharma plus 64 % und 4SC, Frankfurt, plus 30 %). Dazu eine Botschaft von den Partnering-Veranstaltungen: Auf der BIO-Europe, München, wurden letzten November für mehr als 3200 Produkte und Dienstleistungen Lizenznehmer gesucht.

Nationale Kooperationen

Wer Kooperationen im Bereich Biotechnologie sucht, kann dies auch im nationalen Rahmen tun. Den in Deutschland ansässigen Firmen steht mit den „Biotechnologie-Tagen“ ein neues Branchen-Forum zur Verfügung. Am 21./22.4.2010 fanden in Berlin erstmals die „Deutschen Biotechnologietage“ statt. Für die ca. 600 angereisten Teilnehmer standen 16 Symposien und drei Plenarveranstaltungen zur Auswahl. Der Arbeitskreis Bioregionen in der BIO Deutschland e.V. hat diese Veranstaltung in einer überschaubaren Größenordnung nun übernommen. Jeweils eine BioRegion lädt jährlich ein. Das nächste Treffen organisiert die Bio-Region München am 25./26. Mai 2011 für Biotech-Unternehmen und Partner aus Politik, staatlicher Forschung und Verwaltung. Dort sollen aktuelle Fragen diskutiert und Impulse für neue Strategien entwickelt werden. Auf München folgen bis 2014 nacheinander die Veranstaltungsorte Hamburg, Frankfurt und Stuttgart.

Hinter allen diesen Meetings steht das gleiche Motto: Wer ein bis zwei Jahre früher oder noch schneller den passenden Partner für die klinische Entwicklung eines Wirkstoffs oder noch mehr Klienten für seine neuartige Bio-Technologie gewinnt, kann seine Einstands-Preise senken und kommt auf dem sich bildenden Markt klar in Vorteil. Die deutsche Biotech-Industrie hat jedoch ein Manko: Die meisten Firmen hierzulande sind zu klein (87,8 % mit weniger als 50 Mitarbeitern), in der Schweiz beispielsweise umfasst diese Kategorie lediglich knapp zwei Drittel (64 %) der Unternehmen. Dabei sind die F+E-Ausgaben in beiden Ländern mit 1,2 Mrd. Dollar (D) und 922 Mio. Dollar (CH) gar nicht sehr weit voneinander entfernt. Dies hängt sicher auch mit den beiden Pharmariesen Roche AG und Novartis AG (beide Basel) sowie deren starkem Engagement in der Biotechnologie-Branche zusammen. Aufschlussreich in dieser Hinsicht ist die Innovationskraft: Laut OECD (Rat für Wirtschaftliche Zusammenarbeit u. Entwicklung mit Sitz Paris) stammen von sämtlichen, weltweit angemeldeten Biotech-Patenten 28,81 % aus europäischen Ländern, davon kommen wiederum 8,27 % aus Deutschland und 2,83 % aus der Schweiz. Die OECD stellte in ihrem letzten Jahresbericht 2008 auch fest, dass kein Land in Europa mehr staatliche Mittel für die Biotechnologie und die Biotech-Industrie einsetzte als die deutsche Bundesregierung. Mit deren kürzlich veröffentlichtem nationalen Strategieplan Bioökonomie 2030 dürfte die breite staatliche Förderung auch zukünftig andauern. Im Börsenvergleich kommt die deutsche Biotech-Branche innerhalb des breiter basierten Tec-Dax (hinzu kommen Solarbranche, Erneuerbare Energien, Wasserstoff-Wirtschaft etc.) jedenfalls schlechter weg als der 30er-Dax der umsatzstärksten Unternehmen. So stieg im Zeitraum 1.1. bis 1.12.2010 der Tec-Dax von 818,27 Punkten auf 854,27 Punkte mit einem absoluten Tiefstand von 696,28 Punkten am 26.5.2010. Der Dax landete dagegen am 31.12.2010 bei 6.914,19 Punkten gegenüber 5.975 zu Jahresanfang. Fazit: Die frühere Volatilität des Biotech-Marktes ist im Einzelfall noch vorhanden, doch sind die Stabilisierungstendenzen auch am Aktien-Markt unübersehbar.

Neue Initiativen und Kooperationsformen

Firmen-Kontakte und -Kooperationen stehen neuerdings auch in Frankreich im Mittelpunkt. Exemplarisch, wie in Lille 2010 mit einem Gesamtbudget von 45 Mio. Euro die Biotech-Organisation Biofit gegründet wurde. Sie richtete bereits wenige Monate später ihre erste Partnering-Veranstaltung aus. Hier ging es Ende Oktober 2010 um Licencing, Innovationen und Technologie-Transfer. 60 % der Kosten für die Partnering-Veranstaltungen bringen privatwirtschaftliche Institutionen und Firmen auf, die übrigen 40 % stellt die öffentliche Hand zur Verfügung. Generelle Ziele sind die Vermeidung unnützer Aktivitäten sowie unerwünschter Nebeneffekte von Medikamenten. Die Kosten der öffentlichen Gesundheitskassen für wirkungslose bzw. überflüssige Medikamente und Behandlungen haben in beiden Ländern längst die Milliarden-Euro-Grenze überschritten. So arbeitet das Biotech-Unternehmen Genfit, Loos b. Lille, mit einem Jahresumsatz von 10 Mio. Euro und einer Marktkapitalisierung von 72 Mio. Euro (30.9.2010) an neuen biologischen Targets zur Früherkennung von Diabetes. Gesucht werden verlässliche Biomarker, die anzeigen, welche der Patienten, die in die Arztpraxis kommen, Prä-Diabetiker sind und wahrscheinlich zu Diabetikern werden. Zu dieser gefährdeten Personengruppe zählen weltweit ca. 1 Mrd. Menschen. Ein erster solcher Prä-Diabetes-Biomarker von Genfit, Spezialist für Genregulierung, Transkriptions-Faktoren und DNA-Rezeptoren, beginnt derzeit die klinische Phase I. Neue pharmakologische Wirkstoffe entwickelt Genfit generell nur bis Phase II, danach übernehmen gegen finanzielle Abgeltung die mit ihm verbundenen Pharmaunternehmen wie Sanofi-Aventis sämtliche weiteren Tests, Ausgaben und Einnahmen. Dank der zahlreichen Kooperationsabkommen mit Pharmaunternehmen ist man bereits seit sieben Jahren rentabel, berichtet CEO Jean-Francois Mouney, der Umsatz bleibt allerdings konstant an der 10 Mio.-Euro-Grenze. Mit der Münchner Biotech-Firma Bicoll kooperierte Genfit seit 2007 bei einem Forschungsprojekt zur Aufklärung von Signalwegen für entzündliche Erkrankungen. Beide Unternehmen erhielten eine anteilige Finanzierung von 3,2 Mio. Euro durch das EuroTrans-Bio/ERA-Net.

Dass die Biotechnologie eine Branche mit Zukunft ist, demonstriert die geglückte Konversion des renommierten früheren niederländischen Bergbau-Unternehmens Dutch State Mining (DSM). Heute ist DSM ein Mischkonzern mit 9 Mrd. Euro Umsatz in den Bereichen Life Sciences und Material Sciences. Sein Strategieplan für die nächsten fünf Jahre, berichtet CEO Robert Kirschbaum, lautet Food und Pharma. Die in Frankreich stark nachgefragten Biofuels sowie biologisch abbaubare Materialien und Verpackungen werden ebenfalls in den Vordergrund rücken und zu verstärkter Produktion führen. Das weltweit verzweigte Unternehmen DSM besitzt heute in China mehr Mitarbeiter als in der Zentrale Amsterdam. Sein Management handelt nach den drei Ps: „People, Planet, Profit.“ Mit der Harvard-University kann Kirschbaum auf einen renommierten Kooperationspartner im Bereich „Herstellung von Pharmazeutika mit Lichtwellen bzw. Ultraschall“ verweisen.
Schließlich präsentiert die englische Forschungslandschaft seit knapp zwei Jahren eine simple, preiswerte Internet-Adresse für alle Arten von Biotech-Geschäftsbeziehungen: http://uk-if.org. Das neue Forum bietet Unternehmensgründern und solchen, die es werden wollen, eine Plattform zu den neuesten Forschungsergebnissen der englischen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Die weitere UKIF-Community umfasst neben Wissen/Technologie-Transferstellen sowie Führungspersonal für Unternehmen auch Finanzinvestoren, Business Angels, Fonds sowie Stellenangebote. Ziel ist ein weltweites Netz mit zahlenden Mitgliedern, das bis zu den Studenten der Biowissenschaften reicht.

Richard E. Schneider*)

  1. Freier Wissenschaftsjournalist, Brunnen- str. 16, 72074 Tübingen, Tel. 07071/253015.
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