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Verstärkter Kampf gegen AlzheimerZweiter Biofit-Kongress in Lille


Richard E. Schneider*)

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Verstärkter Kampf gegen Alzheimer: Zweiter Biofit-Kongress in Lille
Ab diesem Jahr wird der bisher alle zwei Jahre veranstaltete Biotech-Kongress „Biofit“ alljährlich stattfinden. Auf der zweitägigen Tagung in Lille wurde auch ein neuer, vielversprechender Wirkstoff gegen die Alzheimer-Erkrankung vorgestellt, der dieses Jahr in die klinische Erprobung geht.

Am 3. und 4. Dezember 2012 fand in Lille, Frankreich, nach 2010 zum zweiten Mal der Internationale Biotech-Kongress "Biofit" statt. Neben wichtigen Neuerungen auf verschiedenen Gebieten der Biotechnologie war die Mitteilung, dass diese Veranstaltung bereits ab 2013 in einen Jahresrhythmus übergehen und der nächste "Biofit-Kongress" folglich bereits im Mai 2013 in Dresden stattfinden wird, von herausragender Bedeutung. Diese Änderung zeigt an, für wie wichtig und interessant diese Veranstaltung von den Teilnehmern sowohl unter der Ärzteschaft als auch unter den Firmeninhabern, Investoren und Financiers angesehen wird.

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Eine Vielzahl aufstrebender Biotech-Unternehmen

Die aktuelle Veranstaltung verlief ähnlich wie die erste im vorletzten Jahr: Die Journalisten aus Deutschland, England und Frankreich wurden zu Werksbesichtigungen von mehr oder weniger erst kürzlich errichteten Biotech-Firmen eingeladen, es gab zahlreiche Firmenvorstellungen mit Vorträgen einzelner Vorstandsmitglieder von Unternehmen und daneben fand auch noch der eigentliche Biotech-Kongress in Lille statt. Auf dem hielten namhafte Experten aus den europäischen Ländern Vorträge über neue Finanzierungsmodelle oder sie referierten über neue wirtschaftliche Anstrengungen in der europäischen Biotech-Szene.

Ein eher als allgemein einzuschätzendes Phänomen stand am Anfang: Die französische Tageszeitung „Direct Matin“, Lille, berichtete über neue Anstrengungen, die Endivie als Salatpflanze wie auch als gekochte Beilage zu Fleischgerichten in den Mittelpunkt der Bemühungen zur Steigerung des Ansehens der französischen Küche zu rücken. Es wurde eine Reihe neuer Einsatzmöglichkeiten für die Endivie genannt, die in Frankreich besser unter dem Namen „Choux de Brüssel“ bekannt ist.

Dann folgte eine Kurzvorstellung des Bio-Clusters Lille: Am Unispital Lille arbeiten derzeit 12 500 Gesundheitsexperten, rund 1800 Wissenschaftler sind in der Forschung und Entwicklung beschäftigt und über 15 000 Studenten haben Biologie und Gesundheit zu ihren Studienschwerpunkten gemacht. Auf diese Weise entstand eines der größten Unispitäler in der EU.

In den zahlreichen Labors des Unispitals Lille werden die Mechanismen der Alzheimer-Erkrankung, Stoffwechsel-Erkrankungen, Herzerkrankungen, Krebs sowie neue Produkte der Pharmaindustrie erforscht. Mit dem Institut Pasteur, Lille, steht eine wissenschaftliche Organisation zur Verfügung, die zu den angesehensten Forschungsinstituten weltweit gehört – und das in unmittelbarer Nähe. Daneben hat sich in der nordfranzösischen Region auch das EGID-Institut (Europäisches Forschungsinstitut zu Diabetes) niedergelassen.

Auch mit Produktionsstätten mehrerer weltgroßer Pharmakonzerne kann die Region Nord-Pas de Calais aufwarten. Es produzieren hier u.a. Bayer Healthcare, Genfit, GlaxoSmithKline, Ingredia, Lesaffre, Minakem, Roquette sowie Tate & Lyle aus England.

Derzeit beschäftigen sich hier 820 Unternehmen mit den Schwerpunkten Bio-technologie, Pharma, Medizintechnik sowie Ernährung. Im Mittelpunkt der Forschungsanstrengungen und der Produktion stehen Ernährung und funktionelle Nährstoffe, Pharma-Biotech, Hämatologie und Blutprodukte sowie Klinikbauten.

Kurze Statements wichtiger Entscheidungsträger

Insgesamt waren an der Biofit-Tagung im Dezember 2012 über 350 Wissenschaftler und Firmenangehörige beteiligt. Die Besucher kamen aus 21 verschiedenen Ländern. Von ihnen waren über 40 % der Unternehmenssparte Technologie-Transfer zuzurechnen. Dies zeigt, wie wichtig dieser Unternehmensbereich inzwischen geworden ist.

Die Veranstalter von Biofit, d.h. Eurasanté, IDIS, der Cluster Ernährung, Gesundheit und Langlebigkeit sowie die EBD-Gruppe, waren mit dem guten Besuch der Veranstaltung zufrieden. Etienne Verwaecke, General-Manager von Eurasanté und Direktor von Biofit, meinte, dass "heute Verbünde aus Privatwirtschaft und öffentlicher Hand immer mehr Gewicht in der Innovationsbranche erhalten. Folglich bietet Biofit eine ausgezeichnete Basis für die Kontaktierung neuer Kunden sowie Interessenten aus dem staatlichen wie dem privaten Bereich." Nettie Buitelaar, Managing Direktor des BioScience Parks Leiden, NL, äußerte sich ebenfalls sehr zufrieden über die Veranstaltung: "Für die noch relativ junge Life-Science-Industrie werden immer noch neue Modelle für eine erfolgreiche Kooperation von akademischen mit Industriepartnern entwickelt und desto mehr können wir voneinander lernen." Auch eine deutsche Stimme war in Lille zu hören. Sie gehörte Anja Zimmermann, Analystin bei Ascenion: "Im Vergleich zu anderen, ähnlich gelagerten Veranstaltungen bietet Biofit eine außergewöhnliche, wohl ausgewogene Kombination von Personen aus dem öffentlichen und dem privaten Sektor." In der Tat gab es 1200 Meetings, darunter zwölf Konferenzen mit 50 Rednern. Diese Bilanz kann sich sehen lassen. Ebenso positiv lautet die vorläufige Bilanz des Eurasanté Bio-Business-Parks, der sich vor den Toren von Lille auf 350 Hektar ausbreitet. Exakt 126 Firmen haben sich inzwischen hier niedergelassen. Besonders bemerkenswert ist der Bio-Inkubator Lille, der interessante, zur Marktreife gelangte Projekte ans Tageslicht und damit an die Öffentlichkeit befördert. Auch ihm wurde ein kurzer Besuch abgestattet.

Noch ein Wort zu Eurasanté: Diese Agentur wurde vor erst 15 Jahren in Lille gegründet und entwickelte sich seitdem zu einer bedeutenden regionalen Entwicklungsagentur, die sich ausschließlich mit Themen aus dem Life-Science-Business befasst. Im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stehen die lokale akademische wie auch die Industrieforschung. Es geht darum, wirtschaftliche Geschäftsprojekte aus der Taufe zu heben und zu entwickeln. Schließlich soll die Region Lille als attraktiver Standort für Klein- und Großunternehmen beworben werden. Im Eurasanté-BioPark Lille arbeiten gegenwärtig 126 Unternehmen aus dem Gesundheitssektor mit über 2600 Beschäftigten. Neben bekannten Fonds wie IRD, Inovam und Finorpa, von denen jeder bis zu 1 Mio. Euro allein bereitstellen kann, gibt es noch staatliche Förderinstitutionen, die ebenfalls helfen. Prof. Verwaecke teilte mit, dass weitere finanzielle Unterstützung von der EU in Brüssel kommen soll, die bereits für den Förderzeitraum 2014 bis 2020 zugesagt wurde.

Zu neuen Ufern - Genfit

Wer in Lille Biotech-Firmen aufzählen soll, kommt an Genfit nicht vorbei. Bemerkenswert war, dass sich dieses kleine Biotech-Unternehmen, das gegenwärtig einen Jahresumsatz von gut 10 Mio. Euro erzielt, sich nicht von den Angeboten aus Paris einlullen ließ, sondern aus freiem Entschluss hierher in das flache, weite Land des Nordens kam. Zumal das meiste Venture-Kapital aus dem Großraum Paris stammt! Das junge Biotech-Unternehmen Genfit entwickelte sich sehr positiv und wird heute sogar an der Börse gehandelt. Es hat eine Reihe von Medikamenten-Kandidaten in der firmeneigenen Pipeline, von denen die Wirkstoff-Kombination GFT 505 zur Behandlung von nicht mit Alkohol assoziierter Hepatitis in der klinischen Phase II b wohl am weitesten fortgeschritten sein dürfte.

Interessant sind auch die Geldgeber, d.h. die Investoren von Genfit: Es sind Banken dabei, die Uni Lille-II und sogar das Pasteur- Institut Lille. Jean-Francois Mouney, CEO von Genfit, erläutert, dass von den 80 Angestellten seines Unternehmens 65 Wissenschaftler sind. Genfit ist spezialisiert auf Genregulierung und die Behandlung von Diabetes neben dem gesamten Prozess bei der Entwicklung von neuen Wirkstoffen. Mit Partnern oder auch allein bringt Genfit neue Medikamenten-Kandidaten in die klinische Erprobungsphase, entdeckte selbst zwei neue Wirkstoffe und brachte sie bis zur klinischen Phase-II der praktischen Erprobung. Ebenso gelang es Genfit, vier neue Medikamenten-Kandidaten gemeinsam mit Pharma-Unternehmen zu entwickeln und diese bis in die klinische Phasen I und II zu bringen. Mittlerweile kann Genfit 218 Patente oder Anwendungsbereiche sein eigen nennen. Das ist eine bemerkenswerte Leistung. Seine wichtigsten Groß-Kunden heißen Pierre Fabre, SANOFI, Merck KG, Servier und Solvay. Das neue Medikament GFT 505 wurde im September 2012 an die ersten von 270 Leber-Patienten verabreicht, und man hofft, dass bis Ende 2015 die Phase II der klinischen Erprobung abgeschlossen sein wird.

Neues Bedrohungspotenzial durch Alzheimer

Auch bei der erwarteten dramatischen Zunahme von Alzheimer-Patienten in den nächsten Dekaden infolge der sich verschlechternden Alterspyramide werden in Lille neue Lösungsmodelle gesucht und angegangen. Ein neues Biotech-Unternehmen namens AlzProtect wurde von den beiden Wissenschaftlern André Delacourte, einem früheren Forschungsleiter bei INSERM, und Patricia Melnyk, Dr. chem. und Professor an der Uni Lille-II, im Jahr 2007 im Park Eurasanté gegründet. Im Mittelpunkt des noch jungen Start-up-Unternehmens stehen neue Medikamente gegen neurodegenerative Erkrankungen. Über 3,3 Mio. Euro wurden zuletzt eingeworben. Interessant ist der Wirkstoff AZP2006, der gegen Alzheimer wirkt. Von ihm ist zusätzlich ein Schutz vor der fronto-temporalen Demenz zu erwarten, die sich bei ca. 8 % der Alzheimer- Patienten findet. AZP2006 besitzt einen einzigartigen Wirkmechanismus und zeigte sich sehr aktiv in modellhaften Alzheimer- Erkrankungen. Die vorklinischen Studien betr. akuter Vergiftungserscheinungen bei Mäusen und Ratten sowie Vergiftungsmessungen, die nach 14 Tagen vorgenommen wurden sowie weitere Tests, welche die Toxizität für das Genoms betreffen, verliefen zufriedenstellend. Gegenwärtig sind folgende Phasen der klinischen Erprobung von AZP2006 in Lille vorgesehen: Die Phase I mit einer einzigen Dosis wird im Oktober d.J. anlaufen. Im Juni 2014 sollen dann unterschiedliche Dosen in der Klinik verabreicht werden. Die unabdingbare Sicherheitsprüfung findet noch zuvor statt, nämlich im Dezember 2013. Im Frühjahr 2015 soll dann ein Partner aus der Pharmabranche als Lieferant des neuen Medikaments ausgewählt werden.

Vorausblick auf Dresden 2013

Bereits im Mai 2013 wird die erste Biofit-Konferenz außerhalb von Lille stattfinden. Dies ist zweifelsohne ein großer Erfolg für die Veranstaltung und speziell für Dresden. In Dresden herrscht sicher auch ein gewisser Nachholbedarf, da es in der früheren DDR keine Häufung wissenschaftlicher Großereignisse gab. Auch möchte sich die Stadt selbst als exzellenter Standort für Biotechnologie empfehlen. Darüber hinaus ließen sich bereits eine lange Reihe angesehener Wissenschaftsinstitutionen hier nieder: Zwei Max-Planck-Institute, zwei Fraunhofer-Institute, das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, das Dresdener Partnerinstitut für die DZNE-Forschungsarbeiten, die TU Dresden sowie zwei Zentren für Onkologie- und B-Cube-Forschung, um nur die wichtigsten zu nennen.

Den kommenden Ereignissen darf man mit gespannter Erwartung entgegensehen.

*) Wissenschaftsjournalist, Brunnenstr. 16, 72074 Tübingen, Tel./Fax: 07071/253015.

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