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Artikel und Hintergründe zum Thema

Der Qualitäts-Tipp im April

Das Prinzip "Pygmalion"

Michael Klosky*)

Das Prinzip „Pygmalion“

Kennen Sie eigentlich die Geschichte vom Künstler Pygmalion von Zypern? Der römische Dichter Ovid (*43 v.Chr.; † ~ 17 n.Chr.) beschreibt im 10. Buch seiner „Metamorphosen“ dessen Geschichte:

Pygmalion entwickelt sich aufgrund seiner schlechten Erfahrungen mit Frauen zum Frauenfeind und zieht sich von ihnen zurück. Als Künstler schafft er jedoch aus Elfenbein ein Abbild einer Frau, die er zu einem Ideal hochstilisiert. Das Ganze mündet schließlich darin, dass er sich in diese Figur verliebt und die Liebesgöttin Aphrodite zu deren Festtag um eine Frau bittet, die so sein soll, wie seine erschaffene Figur. Aus Mitgefühl erweckt Aphrodite die Statue zum Leben.

Im Grunde hört es sich wie eine nette Geschichte aus längst vergangener Zeit an. Aber hier unterliegen Sie, verehrte Leser, einem Irrtum. Denn Pygmalion ist zu einer Symbolfigur der modernen „Führungstheorie“ geworden. Was steckt dahinter?

Im Prinzip kann man das „Führen nach Pygmalion“ mit folgendem Leitsatz für die Führungskraft zusammenfassen: „Setzen Sie hohe Erwartungen in Ihre Mannschaft und sie werden das tun, was Sie von ihnen erwarten!“ So, wie sich die Erwartung in die von Pygmalion geschaffene Figur, lebendig zu werden, erfüllt hat, so wird sich auch die Erwartung der Führungskraft in den betreffenden Mitarbeiter erfüllen.

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Klingt nicht nur sehr schön, sondern ist durch empirische Studien sogar belegt (HARVARDmanager 1/1990, „Motivation: Pygmalions Gesetz“, Harvard Business manager April 2003, „Talentförderung: Pygmalions Gesetz“).

Allerdings gibt es einen Haken: Die Führungskraft muss Vertrauen in den Mitarbeiter haben. Außerdem muss sie ein Stück eigener Verantwortung an den Mitarbeiter delegieren und Einfluss abgeben. Sie gestaltet „nur noch“ die Rahmenbedingungen, so dass sich der Mitarbeiter frei entfalten und sich im gewissen Rahmen auch kreativ ausleben kann.

Der Gewinn ist allerdings für beide Seiten immens. Aufgaben werden besser und effizienter erledigt und der Mitarbeiter hat die Chance, über sich hinauszuwachsen und Aufgaben übertragen zu bekommen, die die eigene Karriere fördern und die Abwechslung in die Alltagsroutine bringen. Der Mitarbeiter wird gefördert sowie gefordert und ist gleichsam bestrebt, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen.

Natürlich müssen Fehler mit einkalkuliert werden, die eintreten, obwohl nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt wurde. Fehler sollten aber als Lernchance begriffen werden und nicht dazu führen, einen Sündenbock zu suchen und wieder in alte, sagen wir, einmal „klassische“ Führungsstile zurückzufallen. Allerdings ist die Frage, wie viele Fehler man zulässt, und wie man mit Fehlern umgeht, immer eine Frage der eigenen „Fehlerkultur“ und die des Unternehmens.

Aus vielen Gesprächen mit Kollegen – auch aus den Abteilungen Produktion, Labor, QA – ist immer wieder der Satz zu hören: „Ich muss nicht denken. Mein Gehirn kann ich getrost beim Pförtner abgeben. Immerhin gibt es Vorschriften, an die ich mich zu halten habe!“ Solche Denkweisen sind in der Tat bei der Belegschaft nicht selten und in den meisten Fällen leider auch begründet.

Natürlich ist die gestalterische Freiheit eines Mitarbeiters im GMP-regulierten Bereich begrenzt, aber nicht ausgeschlossen. Vielleicht ist es durch das Führungsprinzip nach Pygmalion ja auch hier möglich, Mitarbeiter zu motivieren und somit zu zeigen, dass man sie wertschätzt.

Als Vorlage für das verfilmte Musical „My Fair Lady“, welches auf die Geschichte von Pygmalion zurückgeht, diente das Theaterstück „Pygmalion“ von George Bernard Shaw [1].

Lassen Sie mich zum Schluss aus diesem Theaterstück ein Zitat aufgreifen: „Sehen Sie, wenn man davon absieht, was ein jeder sich leicht aneignet: sich anziehen, richtige Aussprache und so weiter, dann besteht der Unterschied zwischen einer Dame und einem Blumenmädchen wahrhaftig nicht in ihrem Benehmen, sondern darin, wie man sich gegen sie benimmt.“

Literatur

  1. George Bernard Shaw: Pygmalion. In: Klassische Stücke. Übersetzt von Siegfried Trebitsch. Suhrkamp Verlag, Berlin/Frankfurt.

*) NOVIA Chromatographie- und Messverfahren GmbH, Industriepark Höchst, 65926 Frankfurt am Main, E-Mail: [email protected]

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