Evolutionsbiologie

Neandertaler waren von Geburt an stämmig

Würde ein Neandertaler neben uns in der U-Bahn sitzen – wir würden als erstes seine fliehende Stirn, die kräftigen Oberaugenwülste und das prominente kinnlose Gesicht bemerken. Nur bei genauerem Hinsehen fielen der gedrungenere und kräftigere Körperbau auf.

Die Überreste des bei Le Moustier in Frankreich gefundenen Neandertaler-Babys sind eines der bislang am vollständigsten erhaltenen Skelette dieser Frühmenschen. Das Kind war zum Zeitpunkt seines Todes maximal vier Monate alt. Warum es starb, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. (© Musée national de Préhistoire, Les Eyzies-de-Tayac Sireuil / Ph. Jugie)

Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben nun untersucht, ob die Unterschiede im Körperbau zwischen Neandertalern und modernen Menschen genetisch bedingt sind oder durch unterschiedliche Lebensweisen entstanden sind. Ihre Analysen zweier gut erhaltener Skelette von Neandertaler-Neugeborenen zeigen, dass die robusten Knochen bereits vor der Geburt angelegt sind.

Die Linien des modernen Menschen und des Neandertalers haben sich vor rund 600000 Jahren getrennt. Knochenfunde verraten den Wissenschaftlern, dass die Neandertaler nicht nur eine fliehende Stirn, prominente Oberaugenwülste und ein kinnloses Gesicht besaßen. Sie besaßen auch einen anderen Körperbau: Die Knochen der Neandertaler waren kräftiger, die Becken breiter und die Gliedmaßen kürzer. Dabei könnte es sich um eine evolutionäre Anpassung an das kältere Klima Europas und Asiens handeln, da ein kompakterer Körper weniger Wärme an die Umwelt verliert. Die Skelettunterschiede könnten jedoch auch durch unterschiedliche Lebensweisen und Bewegungsmuster entstanden sein, denn mechanische Belastungen verändern die Ausbildung von Knochen.

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Die Max-Planck-Wissenschaftler haben dies anhand zweier Skelette von Neandertaler-Babys untersucht. Einer der Funde stammt aus der Mezmaiskaya-Höhle im Kaukasus. Archäologen hatten dort 1993 auf einer Fläche von lediglich etwas mehr als einer DIN-A4-Seite eines der bislang besterhaltenen Neandertaler-Skelette entdeckt. Wie sich herausstellte, hatten Neandertaler vor 70000 Jahren in der Höhle ein zwei Wochen altes Neugeborenes bestattet.

Der zweite Fund ist ein maximal vier Monate alter Säugling aus einer Höhle nahe dem Ort Le Moustier in der französischen Dordogne. „Beide Skelette waren außerordentlich gut erhalten. Außerdem stammen sie aus weit auseinanderliegenden Regionen – für unsere Analyse war das ideal, denn damit umfasst sie einen großen geografischen Bereich“, sagt Tim Weaver, der an der Universität Kalifornien und am Max-Planck- Institut für evolutionäre Anthropologie forscht.

Angeborene Unterschiede
Die Forscher bestimmten die Länge und Dicke von Becken-, Arm- und Beinknochen und verglichen diese mit Daten von insgesamt 68 Neugeborenen und Föten moderner Menschen aus einer Sammlung des Nationalmuseums für Naturgeschichte in Washington. Die Ergebnisse zeigen, dass die Neandertaler-Babys schon den Erwachsenen in vieler Hinsicht ähnelten. Die Unterschiede im Körperbau sind also wahrscheinlich genetischer Natur, denn abweichende Gewohnheiten wie Jagd, Werkzeuggebrauch oder Gang können sich in diesem Alter noch nicht auf das Skelett auswirken. „Unseren Untersuchungen zufolge bestimmten offenbar die Gene und nicht Umwelt oder Verhalten den Körperbau der Neandertaler“, sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut.

Zwar könnten auch die mütterliche Ernährungsweise und Aktivität die Entwicklung des kindlichen Skeletts beeinflusst haben. Unterschiede im Erbgut sind den Forschern zufolge jedoch als Ursache wahrscheinlicher. So passen einige Befunde wie die kürzeren Gliedmaßen zur Klima-Hypothese, der zufolge der Körperbau der Neandertaler an Kälte angepasst war. Andere, wie etwa ein verlängertes Schambein, lassen sich nicht so leicht erklären. Möglicherweise hängen sie mit dem Gang und dem Geburtsprozess der Neandertaler zusammen.

Originalpublikation:
Timothy D. Weaver, Hélène Coqueugniot, Liubov V. Golovanova, Vladimir B. Doronichev, Bruno Maureille, and Jean-Jacques Hublin: Neonatal postcrania from Mezmaiskaya, Russia, and Le Moustier, France, and the development of Neandertal body form. PNAS; 23 May, 2016 (DOI: 10.1073/pnas.1523677113).

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
E-Mail: hublin@eva.mpg.de

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