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Artikel und Hintergründe zum Thema

Hantavirus-Infektionen - Einordnung aus medizinwissenschaftlicher Sicht

Barbara Schick,

Forschende der Universitätsmedizin Essen zu Hantaviren

Kürzlich kam es zu einigen Hantavirus-Infektionen und auch Todesfällen im Zusammenhang mit Infektionen, die auf einem Kreuzfahrtschiff zu Tage traten. Eine Kontaktperson einer infizierten Person wurde unter strengen Sicherheitsvorkehrungen nach Deutschland gebracht und wird vorsorglich medizinisch untersucht. Zwei Forschende der Medizinischen Fakultät ordnen die aktuellen Hantavirus-Fälle ein und geben Informationen zu Hanta-Viren.

„Wichtig ist, den aktuellen Fall sachlich einzuordnen und zwischen verschiedenen Hantaviren zu unterscheiden“, sagt Dr. Roland Schwarzer, Virologe an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. „Hantaviren sind keine Coronaviren und verbreiten sich grundsätzlich anders als SARS-CoV-2. Die meisten Hantaviren werden nicht effizient von Mensch zu Mensch übertragen, sondern gelangen typischerweise über infizierte Nagetiere auf den Menschen.“

Beispiele für typische Infektionsrisiken

Hantaviren sind zoonotische Viren, deren natürliche Reservoirwirte Nagetiere und andere kleine Säugetiere sind. Menschen infizieren sich meist durch Kontakt mit virushaltigen Ausscheidungen infizierter Tiere, insbesondere wenn kontaminierter Staub aufgewirbelt und eingeatmet wird. Solche Situationen können zum Beispiel beim Reinigen von Kellern, Schuppen, Garagen, Gartenhäusern oder anderen schlecht belüfteten Räumen mit Nagetierbefall entstehen.

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Andes-Typ im aktuellen Fall

Eine Sonderstellung nimmt das Andesvirus ein, das nach derzeitigen Angaben im aktuellen Ausbruch nachgewiesen wurde. Für dieses Hantavirus sind seltene Mensch-zu-Mensch-Übertragungen nach engem Kontakt beschrieben. „Das bedeutet aber nicht, dass Hantaviren generell wie SARS-CoV-2 übertragen werden“, betont Dr. Hannah S. Schwarzer-Sperber, ebenfalls Hantavirusforscherin an der Medizinischen Fakultät. „Für die allgemeine Bevölkerung ist das Risiko nach Einschätzung von WHO und ECDC derzeit sehr gering. Für enge Kontaktpersonen gelten hingegen die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden.“

Hantaviren in Deutschland

Auch in Deutschland kommen Hantaviren vor, vor allem Puumala- und Dobrava-Belgrad-Viren. Diese können Erkrankungen verursachen, häufig mit Fieber, Kopf-, Rücken-, Muskel- oder Bauchschmerzen und teilweise mit Nierenbeteiligung. Ein großer Teil der Infektionen verläuft jedoch symptomlos oder mit unspezifischen Beschwerden. Für die in Deutschland vorkommenden Hantaviren ist keine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung bekannt.

Welche Symptome könnten auftreten?

Die Symptome hängen vom jeweiligen Hantavirus ab. In Deutschland stehen meist fieberhafte Erkrankungen mit Kopf-, Muskel-, Rücken- oder Bauchschmerzen im Vordergrund; auch Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall können auftreten. In manchen Fällen kommt es zu einer Beteiligung der Nieren. Bei bestimmten amerikanischen Hantaviren können sich schwere Lungenerkrankungen entwickeln. Die Beschwerden sind anfangs oft unspezifisch, weshalb die Vorgeschichte wichtig ist: Gab es Kontakt zu Nagetieren, deren Ausscheidungen oder Aufenthalt in Räumen mit möglichem Mäusebefall?

Die Inkubationszeit beträgt meist etwa zwei bis vier Wochen, kann aber in Einzelfällen auch kürzer oder deutlich länger sein. Eine Diagnose wird nicht allein anhand der Symptome gestellt, sondern durch ärztliche Einschätzung und Labordiagnostik.

„Eine spezifische, allgemein etablierte antivirale Standardtherapie gegen Hantavirus-Infektionen steht derzeit nicht zur Verfügung“, erklärt Dr. Schwarzer. „Die Behandlung ist vor allem unterstützend und richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. Dazu gehören engmaschige Überwachung, Flüssigkeits- und Kreislaufmanagement, Behandlung von Nieren- oder Lungenkomplikationen und bei schweren Verläufen intensivmedizinische Versorgung.“

Kann man sich schützen?

In Deutschland zielen Schutzmaßnahmen vor allem darauf ab, Kontakt mit Nagetieren und deren Ausscheidungen zu vermeiden. „Räume mit möglichem Mäusebefall sollten nicht trocken ausgefegt oder abgesaugt werden, weil dadurch kontaminierter Staub aufgewirbelt werden kann. Stattdessen sollte man gut lüften, betroffene Bereiche anfeuchten, Handschuhe tragen, Staubentwicklung vermeiden und Ausscheidungen oder tote Nagetiere sicher entfernen,“ rät Dr. Schwarzer-Sperber. Lebensmittel sollten nagetiersicher gelagert und mögliche Zugänge für Nagetiere verschlossen werden.

Beim Andesvirus, bei dem seltene Mensch-zu-Mensch-Übertragungen beschrieben wurden, gelten in einem konkreten Kontakt- oder Ausbruchskontext zusätzlich die üblichen infektionshygienischen Vorsichtsmaßnahmen: engen ungeschützten Kontakt zu Erkrankten vermeiden, gute Händehygiene einhalten, Kontakt zu Körperflüssigkeiten vermeiden und bei möglicher enger Exposition die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden befolgen.

Hantavirus-Forschung in Essen

Mikroskopie-Aufnahme von Zellen, die mit einem Hantavirus infiziert sind (rot: Hantavirale Nukleoprotein; grün: Aktin (Zytoskelett); blau: Zellkerne) © Tina Dluzak

Am universitätsmedizinischen Standort Essen untersuchen die Arbeitsgruppen von Dr. Hannah S. Schwarzer-Sperber und Dr. Roland Schwarzer, wie Hantaviren menschliche Zellen infizieren und welche Veränderungen sie dort auslösen. In zwei aktuellen Arbeiten konnten die Forschenden zeigen, wie das in Europa relevante Puumala-Virus zelluläre Strukturen wie RNA-verarbeitende P-Bodies und das Zytoskelett verändert. Zugleich konnten sie standardisierte Verfahren für die Herstellung, den Nachweis und die Testung antiviraler Wirkstoffe gegen Orthohantaviren etablieren.

Diese Forschung entsteht in enger Zusammenarbeit mit weiteren Arbeitsgruppen, darunter die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Kathrin Sutter an der Medizinischen Fakultät. Ziel ist es, die Biologie dieser Viren besser zu verstehen und langfristig Grundlagen für verbesserte Diagnostik, Risikobewertung und antivirale Strategien zu schaffen.

Fachliche Einschätzung derzeit

Hantaviren können schwere Erkrankungen verursachen, sind aber nicht mit SARS-CoV-2 gleichzusetzen. Für die in Deutschland vorkommenden Hantaviren steht der Kontakt zu infizierten Nagetieren und deren Ausscheidungen im Vordergrund; eine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung sei hier nicht bekannt. Das Andesvirus ist eine wichtige Ausnahme, bei der seltene Übertragungen nach engem Kontakt beschrieben wurden. Nach Einschätzung internationaler Gesundheitsbehörden sei das Risiko für die allgemeine Bevölkerung in Europa im aktuellen Zusammenhang sehr gering. (Anmerkung der Redaktion: Sämtliche hier beschriebenen Informationen und Angaben in diesem Artikel entstammen der unten angegebenen Quelle.)

Quelle: Universitätsmedizin Essen/Universität Duisburg-Essen

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