Interview
"Die GDCh als lebendiges Netzwerk stärken"
LABO: Als Chemiker und langjähriges GDCh-Mitglied sind Sie mit den Aktivitäten der chemischen Gesellschaft ja schon lange vertraut. Wie ist es nun aus der anderen Sicht – von Verbandsseite aus nach den ersten Monaten bei der GDCh? Wie sind Sie gestartet? Was sind Ihre ersten Eindrücke?
Dr. Kinzel: Bereits vor meinem Dienstantritt zum August 2024 hatte ich die Gelegenheit, mich drei Monate lang in der Geschäftsstelle einzuarbeiten und die verschiedenen Abteilungen kennenzulernen. Das hat mir eine neue Perspektive auf die professionelle Arbeit hinter den Kulissen eröffnet. Besonders beeindruckt hat mich der Enthusiasmus der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre Arbeit und ihre starke Identifikation mit den gemeinnützigen Zielen der GDCh. Die GDCh ist personell und auch finanziell sehr gut aufgestellt, um zukünftige Herausforderungen zu meistern – wofür ich auch meinem Vorgänger, Professor Wolfram Koch, noch einmal Dank aussprechen möchte. Als Mitglied bekommt man die Prozesse im Hintergrund oft nicht in ihrer ganzen Tiefe mit – etwa wie viel Arbeit und Koordination hinter dem Zusammenspiel von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Strukturen steht. Aber auch der Einsatz der ehrenamtlich aktiven Mitglieder beeindruckt mich immer wieder. Nur gemeinsam können wir die vielen Angebote der GDCh für die ganze chemische Gemeinschaft möglich machen.
Sie konnten sich ja bestimmt schon ein Bild machen von der Entwicklung der Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren. Wie ist die Tendenz? Hat sich etwas verändert, insbesondere bei Studenten und jüngeren Wissenschaftlern? Sehen diese es noch als bedeutend an, in der GDCh Mitglied zu sein?
In der Tat sind unsere Mitgliederzahlen in den letzten Jahren leicht rückläufig. Dies korreliert aber mit der demographischen Entwicklung in Deutschland: Es kommen einfach weniger junge Menschen nach und auch die Zahl der Studienanfänger in der Chemie ging in den letzten Jahren leicht zurück. Trotzdem beobachten wir diese Entwicklung kontinuierlich und arbeiten daran, (angehenden) Chemikerinnen und Chemikern einen echten Mehrwert zu bieten. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Mitgliedschaft in der GDCh auch für jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach wie vor von Bedeutung ist. Das beste Beispiel dafür ist das Engagement im JCF (JungesChemieForum), unserer Nachwuchsorganisation. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schätzen die Möglichkeiten zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung, die durch unser Netzwerk und unsere Angebote entstehen. Besonders wichtig sind dieser Generation zudem der fachliche Austausch, interdisziplinäre Kooperationen und die Internationalität der GDCh. Es wird aber auch spürbar, dass die Art und Weise, wie junge Menschen Netzwerke nutzen, sich verändert hat. Sie legen großen Wert auf digitale Zugänge, Flexibilität und konkrete berufliche Perspektiven. Hier sehe ich auch eine Aufgabe, unsere Angebote noch besser an die Bedürfnisse der nächsten Generation anzupassen.
Und wie sieht es mit dem Engagement aus, sich zum Beispiel in GDCh-Ortsverbänden oder -Fachgruppen aktiv einzubringen? Zahlreiche Vereine verschiedener Bereiche beklagen ja nicht nur eine rückläufige Mitgliederzahl, sondern auch weniger ehrenamtliches Engagement. Ist diese Tendenz auch bei der GDCh festzustellen?
Zum Glück trifft dies nicht auf die GDCh zu: Das ehrenamtliche Engagement ist ungebrochen stark, und ich bin immer wieder beeindruckt von dem außerordentlichen Einsatz unserer Ehrenamtlichen. Diese übernehmen freiwillig für eine begrenzte Zeit anspruchsvolle Aufgaben, die sie mit hohem Engagement erfüllen. Sie bilden das Rückgrat unserer Organisation und gestalten sie aktiv mit – sei es in Fachgruppen, Ortsverbänden, Kommissionen oder anderen Bereichen. Natürlich bringt dieses Engagement auch Herausforderungen mit sich, etwa wenn es darum geht, eine Balance zwischen beruflichen und privaten Verpflichtungen sowie dem Ehrenamt zu finden. Genau hier möchten wir ansetzen: Mit klaren Prozessen und attraktiven Angeboten möchten wir noch mehr Mitglieder dazu motivieren, sich aktiv einzubringen. Denn letztlich profitiert nicht nur die GDCh vom Ehrenamt, sondern auch die Ehrenamtlichen selbst – durch den Aufbau wertvoller Netzwerke, persönliche Weiterentwicklung und neue berufliche Perspektiven.
Sie waren ja in einigen leitenden Positionen in Unternehmen, teils auch im Ausland, tätig. Was denken Sie, welche Erfahrungen könnten Sie aus Ihren bisherigen Tätigkeiten für Ihre Arbeit bei der GDCh besonders einbringen?
Vor allem meine interkulturellen Erfahrungen, insbesondere in den USA und China, haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und Brücken zwischen verschiedenen Akteuren zu bauen. In meiner Zeit als Leiter der Open Innovation Center in China und Europa habe ich Allianzen und Kooperationen mit externen Partnern aufgebaut und gefördert. Diese Erfahrungen im Management von Partnerschaften und Netzwerken werde ich bei der GDCh einbringen, um die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Stakeholdern zu vertiefen. Außerdem weiß ich, wie wichtig es ist, langfristige strategische Ausrichtungen zu verfolgen und gleichzeitig agil auf externe Faktoren zu reagieren – sei es durch Digitalisierung oder veränderte Erwartungen von Mitgliedern an Fachgesellschaften. Diese Flexibilität und Offenheit für Innovation möchte ich in meiner Rolle als Geschäftsführer weiter einbringen.
Mit einem Blick in die Zukunft – was liegt Ihnen als neuer Geschäftsführer der GDCh besonders am Herzen? Welche Ziele haben Sie sich hier persönlich gesetzt? Gibt es Dinge, die Sie insbesondere angehen möchten?
Mir liegt besonders am Herzen, die GDCh als lebendiges Netzwerk zu stärken, das seine Mitglieder – von Studierenden bis zu erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – in allen Phasen ihres Berufslebens unterstützt. Ein zentrales Anliegen ist es, die Zusammenarbeit zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen weiter zu fördern. Ohne das Engagement unserer Ehrenamtlichen könnte die GDCh nicht die Vielfalt an Projekten und Initiativen umsetzen, die sie auszeichnet. Deshalb möchte ich auch die Rahmenbedingungen für das Ehrenamt weiter verbessern. Ein weiteres Ziel ist die fortschreitende Digitalisierung der GDCh. Es geht darum, den Austausch mit Mitgliedern schneller, klarer und effizienter zu gestalten und unsere Angebote auch international noch attraktiver zu machen. Außerdem ist es mein Bestreben, die vier Leitbilder der GDCh – Relevanz in Gesellschaft und Politik, ein lebendiges Netzwerk, globale Führungsrolle und neue Formen der Zusammenarbeit – weiter auszubauen und mit Leben zu füllen.
Danke für Ihre Antworten und für Ihre Vorhaben viel Erfolg!
Die Fragen stellte Dr. Barbara Schick.










