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Interview

Barbara Schick,

Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ein Thema, das derzeit fast jeden beschäftigt. Immer mehr Unternehmen tun verstärkt etwas für eine nachhaltigere Zukunft. In diesem Zusammenhang sind immer mehr größere Unternehmen berichtspflichtig. Sie müssen hier auch Daten zu Nachhaltigkeitsleistungen ihrer Lieferanten einfließen lassen – dazu gehören beispielsweise CO2-Emissionen, Arbeitsbedingungen und mehr. Beim Heidelberger Laborhändler neolab Migge hat man bereits viele Erfahrungen in Sachen nachhaltigere Produkte und bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen gesammelt. Thorsten Migge, geschäftsführender Gesellschafter der neoLab Migge GmbH, erzählt im Interview, wie das Unternehmen in kleinen Schritten nachhaltiger wird.

LABO: Warum haben Sie begonnen, Ihr Unternehmen nachhaltiger zu gestalten?

Thorsten Migge: Zuallererst wollten wir als Unternehmen unseren Beitrag leisten. Nachhaltigkeit ist für uns einerseits eine Notwendigkeit, getrieben durch immer strengere Regularien, und andererseits auch eine Art moralische Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit. Wir wissen natürlich, dass wir insgesamt nur einen sehr kleinen Beitrag leisten können, sind aber davon überzeugt, dass viele kleine und sichtbare Schritte vor allem das Kollektiv motivieren. Als kleines Unternehmen haben wir natürlich nur bedingt Möglichkeiten und somit war es uns noch wichtiger, nach einem vernünftigen Prozess vorzugehen, um zu entscheiden, was wir tun, und was nicht.

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Thorsten Migge ist Miteigentümer und Geschäftsführer der neoLab Migge GmbH in Heidelberg. Das Unternehmen ist seit mehr als 70 Jahren im Familienbesitz. © neoLab Migge

Grundsätzlich machen wir natürlich alles, was regulatorisch vorgeschrieben ist, ganz gleich ob wir es für sinnvoll erachten oder nicht. Schon das sind für den kleinen Mittelständler oft sehr große Brötchen, die er backen muss. Mehr Aufwand betreiben wir bei den Themen, die wirklich unmittelbar einen Unterschied machen. Wie das heute üblich ist, haben wir dem ganzen Konzept einen, wie wir finden, "catchy" Namen gegeben – "neoGreen".

Maßnahmen in Sachen Nachhaltigkeit bedeuten ja auch Investitionen. Kann man das als kleines Unternehmen stemmen?

Für kleine und mittelständische Unternehmen wie uns ist Nachhaltigkeit wichtig, doch mit großem Aufwand verbunden. Wir achten natürlich auch auf die wirtschaftliche Nachhaltigkeit und setzen unsere priorisierten Maßnahmen nach und nach um. Immer mit dem Ziel, eine echte Veränderung zu bewirken, ganz nach der neoGreen-Philosophie. Um diese Maßnahmen zu finanzieren, nutzen wir die Ressourcen, die wir als kleines Unternehmen haben, und das sind nicht immer große Beträge. Außerdem bauen wir Partnerschaften mit lokalen Akteuren und anderen Unternehmen auf, um Ressourcen zu bündeln und gemeinsame Projekte zu finanzieren.

Was fordern Ihre Kunden von Ihnen in Bezug auf die Nachhaltigkeit?

Auch hier kann man gut in die zwei oben angesprochenen Kategorien unterteilen. Zum einen sind viele Kunden getrieben von verpflichtenden Regularien, die in großen Teilen auf den ESG-Zielsetzungen gründen. Zum anderen gibt es Kunden, die ohne Regulierung großen Wert darauf legen "das Richtige" zu tun. Gerade in unserer Branche, in der viele unserer Kunden forschen und somit das Bildungsniveau verhältnismäßig hoch ist, sehen wir klar, dass die Forderung und das Interesse am Thema Nachhaltigkeit sehr hoch ist. Oft fehlt allerdings das Budget für die Umsetzung von Maßnahmen, vor allem bei öffentlich finanzierten Kunden.

Die Kunden achten größtenteils auf ökologische Nachhaltigkeit, ganz speziell auf CO2-Emissionen und Müllvermeidung. Große Firmen müssen in ihrem Nachhaltigkeitsbericht die Zahlen, Maßnahmen und Ergebnisse genaustens darlegen und somit erfassen auch wir die Daten, so weit wie möglich, um die nötigen Daten strukturiert an unsere Kunden weitergeben zu können.

Damit ist deutlich geworden, dass sich ESG-Kriterien schon jetzt deutlich auf unser Handeln auswirken. ESG steht aber nicht nur für Environment, sondern auch für Social und Governance – also für mehr als nur den Umweltschutz. Gefühlt sind die Faktoren Social und Governance aber weniger prominent als das E von ESG. Nichtsdestotrotz sind alle drei Bereiche wichtig, um beispielsweise die Finanzierbarkeit zu verbessern. Sogar in unserem doch sehr kleinen Rahmen sind Banken angehalten, Nachhaltigkeitsaspekte in ihrem Rating zu beachten.

Was erwarten Mitarbeitende von ihnen in Bezug auf die Nachhaltigkeit?

Sie erwarten von uns, dass wir Nachhaltigkeit ernst nehmen und im für uns möglichen Rahmen daran arbeiten, nachhaltiger zu werden. Vor allem ist uns allen wichtig, ehrlich und transparent mit diesem Thema umzugehen. Außerdem sind bei uns alle "Beteiligte", und das erwarten unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch. Alle möchten aktiv in die Entwicklung und Umsetzung unserer Nachhaltigkeitsstrategien eingebunden werden, und das lohnt sich. Das haben wir beispielsweise bei unserer ISO-14001-Zertifizierung in diesem Jahr erlebt.

Vor allem für Nachwuchskräfte ist das Thema Nachhaltigkeit extrem relevant, denn für die jüngeren Generationen ist Nachhaltigkeit mehr als ein Trend. Sie sehen die Arbeit nicht mehr einfach nur als Mittel zum Zweck, sondern als Möglichkeit, ihre persönlichen Werte auszuleben und einen positiven Beitrag zu leisten. Es ist zwar nicht der einzige Grund, warum man zu einem Arbeitgeber geht, aber eben schon ein Faktor.

Wie haben Sie in Ihrem Unternehmen auf die Situation reagiert? Wie sieht Ihr Nachhaltigkeitsengagement aus?

Uns war klar, dass wir real nachhaltiger werden wollten und nicht nur auf dem Papier. Wir haben dafür als Dach die schon erwähnte Nachhaltigkeits-Philosophie neoGreen entwickelt. Unter diesem Dach wollen wir die Forderungen unserer Kunden und die Wünsche unserer Mitarbeitenden vereinen und sichtbar machen. Wir haben Ideen gesammelt und sie für die Umsetzung priorisiert. Hier sind ein paar Beispiele: Unter dem Titel "re::Lab" bieten wir Produkte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum vergünstigt an, die sonst im Müll landen würden. Diese Produkte, wie Schutzanzüge oder Verbrauchsmaterialien, sind in gutem Zustand und können bedenkenlos verwendet werden. "re::Lab" kommt sehr gut an.

Dann verwenden wir beispielsweise Verpackungsmaterial mehrfach. Allein im Jahr 2022 konnten wir mehr als 15 000 Kartons wiederverwenden und haben diese entsprechend gekennzeichnet.

Dazu forschen wir mit einem Institut der Hochschule Darmstadt intensiv an der Produktion biologisch abbaubarer Kunststoffe für unsere eigenen Produktlinien. Unsere Kunden wollen natürlich auch nachhaltiger werden, doch kämpfen wegen vieler Einwegprodukte gerade Labore mit großen Mengen an Plastikmüll. Wenn Produkte aus umweltfreundlicheren Materialien bestehen, recyclebar sind oder in ihrer Produktion weniger Energie als der Durchschnitt benötigen, kennzeichnen wir sie mit dem neoGreen-Badge. Das hilft den Kunden bei der Orientierung.

Mit dem „neoBike“ kommt das Labormaterial per Rad. © neoLab Migge

Um die regionale Lieferung nachhaltiger zu gestalten, haben wir ganz neu das neoBike eingeführt. Unsere Kunden in der Region erhalten damit ihre Bestellung am gleichen Tag per Lastenrad. Um die Maßnahmen abzurunden, sind wir natürlich auch nachhaltig im Umgang mit unseren Mitarbeitenden. Themen wie Chancengleichheit sind für uns von zentraler Bedeutung. Ich kann übrigens allen Laboren nur empfehlen, ihren Mitarbeitenden ein Jobrad anzubieten. Bei neoLab haben wir zurzeit zwölf Jobräder im Einsatz, und wenn mit ihnen die Hälfte der Arbeitswege gefahren wird, sparen wir rund 300 Tonnen COpro Jahr – das entspricht etwa 40 000 geradelten Kilometern, was gleichzeitig die Kollegen und Kolleginnen gesund hält. Pro Rad und Arbeitstag entspricht das etwa 13 Kilometern. Das ist realistisch und machbar.

Was steckt hinter der Kooperation mit der Hochschule Darmstadt?

Es geht dabei um einen neuartigen Kunststoff für Laborprodukte, der sich recyclen lässt und/oder biologisch abbaubar ist. Aus diesem Kunststoff wollen wir unsere eigenen, nachhaltigen Produkte fertigen. Dieses partnerschaftliche Forschungsprojekt entstand aus einer synergetischen Beziehung zu Professor Roger Weinlein, dem Leiter des Instituts für Kunststofftechnik in Darmstadt, Dr. Alexander Knieper, Experte für Rezeptur- und Prozessentwicklung von Kunststoffen, und Dr. Vinzenz Nienhaus von Biovox. Unser gemeinsames Vorhaben konzentrierte sich darauf, innovative Biokunststoffe zu identifizieren, um Laborprodukte nachhaltiger zu machen.

Von Anfang an gab es einen intensiven Wissensaustausch zwischen unseren Teams und den Experten der Hochschule. In Workshops diskutierten wir die spezifischen Anforderungen und entwickelten aus den Ergebnissen eine Forschungs- und Entwicklungsstrategie. Die Hochschule Darmstadt brachte profundes Know-how ein, während neoLab Marktkenntnisse und praktische Anwendungsgebiete beisteuerte. Die Firma Biovox aus Darmstadt spielte eine zentrale Rolle bei der Compoundierung und Testung der identifizierten Materialien.

Dieser kooperative Ansatz ermöglichte es, die technischen Herausforderungen zu meistern und zugleich die Umsetzbarkeit und Marktreife der entwickelten Lösungen abzusichern. Wir können nun eigene Produkte entwickeln, ohne immense Kosten zu verursachen. Unsere ersten Produkte aus Biokunststoff kommen bald auf den Markt. Und der Rahmen für zukünftige Projekte und Partnerschaften ist gelegt.

Was wird in Zukunft Labore nachhaltiger machen? Und mit welchen Entwicklungen könnten Labore rechnen, um nachhaltiger zu werden?

Die Laborbranche befindet sich mitten in einem spannenden Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit. Zukünftig dürfen Labore mit einer Reihe von Innovationen rechnen, die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellen. Zum einen werden umweltfreundliche Laborgeräte zunehmen, die mit hocheffizienten Energiesparmodi ausgestattet sind. Immer mehr Geräte werden verfügbar sein, die aus recycelbaren oder biologisch abbaubaren Materialien hergestellt sind. Laborartikel werden zunehmend wiederverwendbar sein, um Einwegplastik zu reduzieren.

Digitale Technologien wie Laborinformations- und Managementsysteme, kurz LIMS, bewirken eine Senkung des Papierverbrauchs und eine Effizienzsteigerung. Wir erwarten eine Zunahme von cloudbasierten Systemen, die es ermöglichen, dass Labore ihre Daten effizienter verwalten und Ressourcen sparen können. Ein weiterer Bereich ist die Prozessoptimierung. Intelligente und automatisierte Systeme werden präzisere Mengen an Reagenzien und Materialien verwenden, um Abfall zu reduzieren und gleichzeitig die Genauigkeit zu erhöhen.

Die Kreislaufwirtschaft wird stärker betont werden, was die Rücknahme und das Recycling von Laborprodukten fördern wird. Dies könnte durch Rücknahmeprogramme oder Pfandsysteme für bestimmte Laborartikel erfolgen. Zudem wird es eine starke Bewegung hin zu einer grüneren Gebäudeinfrastruktur geben, mit Laboren, die nachhaltige Baustandards erfüllen und in erneuerbare Energien sowie in Systeme zur Wassereinsparung investieren.

Auch von unserer Seite wollen wir diesen Wandel aktiv unterstützen und vorantreiben. Wie mit unserem "neoGreenBadge"-Programm. Das "neoGreenBadge" kennzeichnet Produkte, die aus umweltfreundlichen Materialien bestehen, recyclebar sind und in ihrer Produktion weniger Energie benötigen. Dies hilft Laboren, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Hier wollen wir uns auch engagieren, um vorne mit dabei zu bleiben.

Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Dr. Barbara Schick.

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