Unzureichender Impfschutz?

Melanie Steinbeck/dpa,

Polioviren in fünf europäischen Ländern entdeckt

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) wurden potenziell infektiöse Polioviren in Abwasserproben in Deutschland nachgewiesen. Es handelt sich um sogenannte VDPVs, also vakzine-abgeleitete Polioviren, die aus lebenden Impfviren stammen.

Kinderlähmung klingt wie eine Gefahr vergangener Zeiten. Doch vielerorts sind nun wieder Polioviren aufgetaucht, wie bereits auch in Deutschland. Die EU-Gesundheitsbehörde gibt einen Überblick über die Situation in Europa.

Die vom U.S. Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellte Illustration aus dem Jahr 2014 zeigt ein Poliovirus-Partikel. Lange galt Kinderlähmung in den USA als ausgerottet. Im Sommer 2022 aber infizierte sich ein junger Mann nördlich der Millionenmetropole New York mit dem Virus. Im Abwasser mehrerer Gemeinden des Bundesstaates und auch der Millionenmetropole wurden seitdem Polioviren nachgewiesen. © -/CDC/AP/dpa

Stockholm (dpa) - Wie in verschiedenen Teilen Deutschlands sind in vier weiteren europäischen Ländern Polioviren nachgewiesen worden. Sie wurden zwischen September und Dezember 2024 auch in Abwasserproben in Spanien, Polen, Großbritannien und Finnland entdeckt, wie Forscherinnen und Forscher in einem Artikel in der Fachzeitschrift «Eurosurveillance» der EU-Gesundheitsbehörde ECDC schreiben.

Wie das Robert Koch-Institut (RKI) bereits im vergangenen Jahr mitgeteilt hatte, traten die Funde in Deutschland an allen sieben regelmäßig untersuchten Städten auf, nämlich in München, Bonn, Köln, Hamburg sowie in Dresden, Düsseldorf und Mainz. In Finnland und Spanien war dagegen nur jeweils eine von fünf beziehungsweise zwei Probeentnahmestellen betroffen. In Polen waren es zwei von acht, in Großbritannien vier von zwölf. Mancherorts kam es bei verschiedenen Messungen zu wiederholten Funden.

Ein Weckruf

Alle Stämme der Erreger seien genetisch miteinander verbunden gewesen, schrieben die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Instituten und Behörden der besagten Länder sowie dem Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation WHO. Man müsse anhand der gesammelten Erkenntnisse eine breitere geografische Ausbreitung über die betroffenen Messstellen hinaus in Betracht ziehen, schrieben die Forscher, die von «einem Weckruf» sprachen.

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Bei den gefundenen Erregern handelt es sich nicht um den Wildtyp des Poliovirus, sondern um Viren, die auf die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung mit abgeschwächten, aber lebenden Polio-Erregern zurückgehen. Diese Schluckimpfung wird in Deutschland und den anderen betroffenen Ländern nicht mehr genutzt.

Besorgniserregende Zahlen beim Impfschutz

Polio ist eine Infektionskrankheit, die im schlimmsten Fall bei nicht ausreichend geimpften Personen dauerhafte Lähmungen hervorrufen oder auch zum Tod führen kann. Verbreitet wird das Virus oft über verunreinigtes Wasser. Eine Therapie dagegen gibt es bisher nicht. Die Krankheit konnte durch Impfkampagnen in den meisten Ländern der Welt ausgerottet werden.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) und das RKI machten angesichts der gefundenen Polioviren jüngst aber darauf aufmerksam, dass nur 21 Prozent der Einjährigen in Deutschland vollständig gegen Polio geimpft seien - und das, obwohl die Grundimmunisierung bis zum Alter von zwölf Monaten abgeschlossen sein sollte. Versäumte Impfungen werden zwar oft nachgeholt, trotzdem haben den Fachleuten zufolge nur 77 Prozent der Kinder in einem Alter von zwei Jahren einen vollständigen Impfschutz.

Geringe Wahrscheinlichkeit für Ansteckung

Nicht oder nicht vollständig geimpfte Menschen können sich nach RKI-Angaben mit vom Schluckimpfstoff abgeleiteten Polioviren infizieren und in seltenen Fällen an Kinderlähmung erkranken.

Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion sei jedoch äußerst gering und die Konsequenz einer Infektion - sofern man geimpft ist - vernachlässigbar, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten der Deutschen Presse-Agentur kürzlich. Spezielle Vorsichtsmaßnahmen seien daher nicht notwendig - allerdings solle man seinen Impfschutz prüfen oder vom Hausarzt prüfen lassen.

In Deutschland hatte das RKI am 28. November 2024 erstmals über Nachweise von Schluckimpfstoff-abgeleiteten Polioviren im Abwasser berichtet. Die deutschlandweit letzten positiven Proben wurden den Experten zufolge Mitte Dezember in Köln, Bonn und Düsseldorf entdeckt. Allerdings stünden die Ergebnisse von Proben, die über den Jahreswechsel genommen worden seien, noch aus.

Stiko: Versäumte Impfung schnell nachholen

Die aktuellen Nachweise seien eine Erinnerung daran, dass auch bereits poliofreie Regionen nicht vor einem Wiedereintrag von Polioviren geschützt seien, erklärte das RKI. «Eine vollständige Impfserie mit einer Poliomyelitisimpfung schützt effektiv vor der Erkrankung.» Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt für alle Kinder im ersten Lebensjahr drei Impfstoffdosen. Im Alter von 9 bis 16 Jahren sollte eine Auffrischungsimpfung erfolgen. Angesichts der aktuellen Lage sollten versäumte Impfungen schnellstmöglich nachgeholt werden.

Originalpublikation:
Böttcher, S., Kreibich, J., Wilton, T., et al. (2025). Detection of circulating vaccine-derived poliovirus type 2 (cVDPV2) in wastewater samples: a wake-up call, Finland, Germany, Poland, Spain, the United Kingdom, 2024. Euro Surveill, 30(3), pii=2500037. DOI/10.2807/1560-7917.ES.2025.30.3.2500037

Quelle: dpa

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