Life Sciences Innovations

BIOTECHNICA 2011

Biotechnologie als facettenreiche Zukunftsbranche
Bild 1: Abschluss-Pressekonferenz (v.l.n.r.): Dr. Andreas Gruchow, Vorstandsmitglied Deutsche Messe AG, Matthias Dornheim, Marketing Manager Life Sciences, VWR International GmbH, Darmstadt, Dr. Thomas Drescher, Geschäftsführer DASGIP AG, Jülich, Prof. Dr. rer. nat. Lutz Fischer, Univ. Hohenheim, Hans-Jürgen Oberdiek, Sales Marketing Manager, Carl Zeiss Microlmaging, Jena (Foto: Deutsche Messe AG).

Richard E. Schneider*)

  1. Freier Wissenschaftsjournalist, Brunnen- str. 16, 72074 Tübingen, Tel. 07071/253015.
Zur BIOTECHNICA 2011 vom 11.–13.10. wurden deutlich mehr Aussteller und mehr  Besucher registriert,  jedoch steht die Umstellung auf einen Zweijahres-Rhythmus bevor. Somit wird die nächste BIOTECHNICA vom 8.–10.10.2013 in Hannover stattfinden.

Auf der Abschluss-Pressekonferenz zur Mittagsstunde des 13.10.11 klang beim Veranstalter Deutsche Messe AG trotz der Umstellung auf einen Zweijahres-Rhythmus verhaltener Optimismus durch. Dr. Andreas Gruchow entwarf ein positives Bild von dem dreitägigen europäischen Event: „Die BIOTECHNICA 2011 hat mit den richtigen Themen gepunktet und mit einem deutlichen Zuwachs an Ausstellern und Besuchern überzeugt. Sie hat eindrucksvoll gezeigt, welchen Stellenwert die Biotechnologie in allen Lebensbereichen und der Wirtschaft einnimmt“, sagte das Vorstandsmitglied der Deutschen Messe AG, Hannover. Die vorgelegten Zahlen und Fakten unterstreichen dies: Heuer waren 618 Aussteller aus 28 Nationen (plus 24 % gegenüber 2010) auf dem Messegelände der niedersächsischen Landeshauptstadt präsent. Wie bereits im Vorjahr stellte die Schweiz die meisten ausländischen Aussteller, gefolgt von Frankreich, Großbritannien und den USA. Auch der Iran und Südkorea, Veranstalter des BIO-Summits 2012, waren mit größeren Gemeinschaftsständen vertreten. Über 11 000 Besucher kamen zu den drei Messetagen (plus 15 % gegenüber 2010), wobei Dr. Gruchow nach Rückfrage bei den Ausstellern darauf hinwies, dass sich die Qualität und Spezifität der Fragen der Besucher deutlich erhöhten, was auf ein Mehr an Fachpublikum hindeutet.

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Jürgen Fürstenberg-Brock, Projektleiter der BIOTECHNICA , detaillierte die veränderten Strukturen der Messe. Erstmals gab es dieses Jahr drei Schwerpunktthemen:

  • Bio-Services, d.h. alles, was mit Auftrags-Entwicklung, Auftrags-Forschung und Auftrags-Fertigung im Bereich Biotechnologie und Life Science zu tun hat.
  • Biotechnological Innovation in Food, z.B. Fortschritte in der Lebensmittel-Analytik. Diese Thematik war bei den Besuchern wegen EHEC sehr nachgefragt. Weiter gehört die Bio-Analytik in diesen Bereich.
  • Die weiße Biotechnologie, d.h. industrielle Biotechnologie. Ihr möchte das BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung), Berlin, zukünftig einen höheren Stellenwert zukommen lassen, Es gilt, kosteneffizientere, ressourcenschonende und gleichzeitig moderne biotechnologische Verfahren zu implementieren, die weniger Energie verbrauchen.

Somit werden Dienstleistungen sowie IT-Lösungen für die Biotech- und Pharmaindustrie zukünftig stärker in den Fokus der BIOTECHNICA rücken. Hier wird die Gemengelage übersichtlicher, da immer mehr F&E treibende, kleinere Biotech-Firmen sich dafür entscheiden, mit einem Pharma-Unternehmen zusammenzuspannen, dem sie gegen gutes Geld wie Meilenstein-Zahlungen sowie finanzielle Beteiligung an den späteren Verkaufserlösen der Medikamente ihre schweißtreibenden und stets von Unwägbarkeiten geprägten Wirkstoff-Forschungsarbeiten überlassen. Immer mehr Biotech-Firmen – letztes Beispiel war dieses Jahr die Hamburger Evotec AG – verzichten darauf, den aufgefundenen pharmakologischen Wirkstoff bis zum fertigen Medikament fortzuentwickeln.    

Das inhärente Vertrauen, das inzwischen die 25 Jahre junge Biotech-Branche genießt, formulierte Dr. Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland e.V., folgendermaßen: „Wir gehen davon aus, dass alle wichtigen Fragen und Trends, die uns derzeit beschäftigen, wie z.B. die Welternährung, mit Hilfe der Biotechnologie gelöst werden können.“ Weitere wichtige F&E-Bereiche sind Gesundheit der Menschen, Klimafragen, Umweltschutz sowie die Energiegewinnung der Zukunft.

Allergene sicher nachweisen

Inzwischen muss jeder Nahrungsmittel-Hersteller 14 Allergene auf der Packung kennzeichnen, darunter die weit verbreiteten Laktose- und Gluten-Allergene. In Deutschland gibt es ca. 200 000 bereits getestete Menschen, die unter Zöliakie leiden, einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit, die Gluten-haltige Nahrungsmittel vom Verzehr ausschließt. Zöliakie ist eine Auto-Immunerkrankung des Darmtrakts. Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany, EFSA, der als Diskussionsleiter auf dem Lebensmittel-Symposion der Karlsruher Biotech-Firma MikroMol GmbH auf der BIOTECHNICA 2011 fungierte, schätzt, dass 3…8 % der Bevölkerung in Deutschland an Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten leiden. Die Dunkelziffer sei wahrscheinlich ziemlich hoch, da längst nicht alle Allergiker erfasst seien und manche Menschen gar nicht wissen, dass sie an Lebensmittel-Unverträglichkeiten leiden. Man könne jetzt zwar Schätzungen abgeben, doch müsse es nicht zwingend mehr Kranke geben, da die Patienten erst nach und nach mit modernen Analysenverfahren aus der großen Gruppe der Bevölkerung herausgefischt werden. Dass, so Jany, augenscheinlich Lebensmittel-Allergien und die Zöliakie zugenommen haben, liege daran, dass
a. neue Lebensmittel auf den Markt kommen und
b. wir Verbraucher, speziell Kinder, nicht mehr so vielen Antigenen wie früher ausgesetzt sind und somit das Immunsystem sich nicht vollumfänglich entwickeln kann.

Besonders bei Kleinkindern (bis zu 10 %)  sind Allergien ausgeprägt, wissen die Pädiater, doch gehen diese im Laufe der Jahre allmählich zurück. Eine über sechs Monate ausgedehnte Muttermilch-Gabe für den Säugling trägt jedenfalls nicht zur Entwicklung von Allergien, speziell der Neurodermitis, bei, stellten Berliner Kinderärzte in einer Studie fest. Eine Zöliakie bei Erwachsenen verbleibt allerdings meist lebenslang. Lebensmittel-Hersteller stehen somit in der Pflicht, ihre Nahrungsmittel entsprechend zu kennzeichnen und vor allem dafür zu sorgen, dass keine Allergene oder andere unerwünschte Stoffe, die man als „Verunreinigungen“ bezeichnet, in den Produktionsprozess gelangen. So testen die ca. 70 deutschen Hersteller glutenfreier Nahrungsmittel vorab ihre Produkte, um auszuschließen, dass sie Spuren von Gluten enthalten. Die Auswahl gluten- bzw. allergenfreier Nahrungsmittel steigt in den deutschen Supermärkten. So werden dort gegenwärtig ca. 1500 glutenfreie Nahrungsmittel wie Maisbrot angeboten, sogar Currywurst ohne Gluten ist erhältlich. Auf der BIOTECHNICA in Hannover wurden auch  neue Verfahren und Testmethoden vorgestellt, mit denen sich die Qualität und die Sicherheit von Lebensmitteln verbessern lässt.
Dr. Wolfgang Rudy, Forschungs-Leiter bei MikroMol GmbH, berichtete von manchen Orten der Schweiz und in Frankreich, wo bis zu 30 % der Bevölkerung von einer Sellerie-Allergie betroffen sind. Auf bestimmte Früchte, Gewürze, Nüsse oder Fische reagieren zahlreiche Menschen allergisch, d.h. ihr Immunsystem produziert zu große Mengen eines bestimmten Immunglobulins. Gesetzlich festgeschriebene Grenzwerte für Allergene von <10 mg, so Dr. Rudy, würden in jedem Fall zu einem besseren Schutz des Konsumenten beitragen. Oder dessen Verzicht auf ein bestimmtes Lebensmittel, dessen auf der Packung angegebener Bestandteil sich als allergen erwies. Allergien sind nicht ausschließlich angeboren, sondern können auch erworben sein.

Bei der Suche nach Allergenen in Lebensmitteln ist eine leistungsfähige Analytik notwendig, betonte Dr. Rudy, denn allergene Zutaten im Mikrogramm-Bereich müssen mit geeigneten Instrumenten nachgewiesen werden können, um die Gesundheit der Verbraucher zu schützen. Dr. Rudy informierte weiter über die Sellerieknolle, die bei bestimmten Menschen allergisch wirke. Zu 80 % sei ihr Hauptallergen identisch mit dem der Karotte. Kürzlich wies das Biotech-Unternehmen  MikroMol GmbH als erstes Unternehmen wiederholt Sellerie-Bestandteile in Tomatensaucen nach, was nicht wenige Lebensmittel-Experten überraschte. Gegenwärtig arbeitet die Karlsruher Biotech-Firma an einem Nachweis-Streifentest für Sellerie. Er soll in zwei Jahren auf dem Markt sein. Der Lebensmittel-Hersteller kann ihn direkt in seinen Produktionsablauf integrieren, um mit hoher Sicherheitsquote garantiert allergiefreie Nahrungsmittel zu produzieren. Die Innungsverbände der Metzger, Bäcker, etc. erhalten drei Jahre Zeit, um die Allergene-Richtlinie der Bundesregierung vom Oktober 2011 umzusetzen. 

Transferstellen von Bedeutung

Zukünftig soll auf der BIOTECHNICA ebenso wie generell in der Biotechnologie mehr Gewicht auf die Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Praxis, d.h. in die industrielle Fertigung, gelegt werden. Ein erster Schritt hierzu stellte die Verleihung des diesjährigen BIOTECHNICA-Awards an die Schweizer Transferstelle Unitectra, Bern/Zürich, dar. Unitectra wurde vor 25 Jahren vom Schweizer Nationalfond als gemeinsame Anlaufstelle der Universitäten Zürich und Bern gegründet und existiert seitdem als Aktiengesellschaft (AG) ohne Gewinnverpflichtung. Unitectra kümmert sich um die Umsetzung von interessanten Forschungsergebnissen in Schweizer Uni-Kliniken und naturwissenschaftlichen Instituten. Positive Erfahrungen mit Technologietransfers ist vorhanden: So entstand nach der Entdeckung der RKMs (Rasterkraftmikroskope) ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das sich ausschließlich der Herstellung und dem Verkauf solcher Nahfeld-Mikroskope widmete. Dass Unitectra erfolgreich arbeitet, verdeutlicht die Tatsache, dass sich ihr die Uni Basel Anfang des Jahres anschloss, womit nun drei Universitäten gemeinsam diese Transferstelle betreiben.

In Deutschland wurden vor wenigen Jahren die Patent-Richtlinien für Forschende an staatlichen Universitäten neu geordnet. Prinzipiell hat nicht mehr der Entdecker, d.h. der forschende Professor an seiner Universität, die alleinige Nutznießung seines Patents, sondern dieses fällt, wie auch in der Privatwirtschaft, an seinen Arbeitgeber – die Universität, die den Wissenschaftler beschäftigt und entlohnt. Infolgedessen gab es einige Veränderungen auf dem Technologie-Transfer-Markt, der nun stärker in den Mittelpunkt rückt. So stellten auf der BIOTECHNICA 2011 das Biotech-Unternehmen Ascenion, Vesalius Biocapital, München, sowie das BMBF, Berlin, dem Publikum den im Mai 2011 gemeinsam gegründeten Spinnovator vor. Mithilfe des neuen Instruments sollen die Partner, vereint und eng aufeinander abgestimmt, besonders erfolgversprechende Forschungsprojekte auswählen. Für jedes Projekt wird ein Life-Science-Start-up-Unternehmen gegründet, das die Spinnovator-Partner über fünf Jahre hinweg professionell unterstützen und begleiten. Dafür stehen seit diesem Jahr 40 Mio. Euro bereit, die je zur Hälfte vom Venture-Capital-Unternehmen Vesalius Biocapital und dem BMBF aufgebracht wurden.

Unterstützungswürdige Life-Science-Aktivitäten umfassen die Herstellung von Biopharmazeutika, z.B. Small Molecules (chemische Substanzen) oder Antikörper und Peptide. In der Medizintechnik werden Geräte, Implantate sowie Hilfsmittel neu konzipiert; in der Diagnostik-Sparte stehen Labor- sowie In-vivo-Tests und neuartige bildgebende Verfahren im Vordergrund. Im Bereich Ernährung sollen neue Produktionsverfahren, Aufbewahrungstechniken, Functional Food sowie Nutraceuticals (Nahrungsmittel und Arznei in einem) gefördert werden. Die Gründung von Spinnovation erfolgte unter dem Eindruck der Marktlage bei Technologie-Transfers, derzufolge die deutschen Wissenschaftler zwar eine Fülle von neuen, exzellenten Forschungsergebnissen hervorbringen, jedoch ein Teil dieses Potenzials letztlich ungenutzt bleibt. Spinnovator vereint öffentliche Fördermittel mit privatem Risikokapital. Die dadurch mögliche, finanziell bessere Ausstattung ermöglicht den betreffenden Start-up-Firmen, ihren Platz am Markt zu erobern sowie neue Investoren oder Industriepartner zu finden. Ascenion fungiert bereits als Exclusiv-Partner von 17 Life-Science-Instituten der Helmholtz- und Leibniz-Forschungsgemeinschaften und vermarktet derzeit rund 700 neue Technologien.

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