Fachbeitrag

Biotech-Start-ups

Junge Biotechnologie-Unternehmen besser vor Insolvenz schützen
Rückgang junger Biotech-Unternehmen und der Beschäftigten: Mit Beginn der Krise auf den Finanzmärkten der Jahre 2001 bis 2004 sank die Anzahl der Biotech-Start-ups um 25 %, konkret um 80 junge Firmen, wobei die Anzahl der Beschäftigten insgesamt von ca.12000 auf 10000 Mitarbeiter zurückging (Quelle: Ernst & Young).

Richard E. Schneider*)

  1. Freier Wissenschaftsjournalist, Brunnenstr. 16, 72074 Tübingen, Tel. 07071/253015.
Inzwischen hat die Biotechnologie auf einzelnen Sektoren in Deutschland ein hohes Maß an Fertigkeiten und Markt-Akzeptanz erreicht. Dennoch scheitern nach dem diesjährigen Ludwig-Erhard-Preisträger Holger Patzelt immer noch zu viele Biotech-Neugründungen vor allem an den richtigen Finanzierungsstrategien. Der Max-Planck-Ökonom fordert Betriebwirte und Finanzexperten an die Firmenspitze.

Mit biotechnologischem Know-how werden heute Vorprodukte und Zwischenstufen produziert, die für die Herstellung von neuen Medikamenten oder leistungsfähigeren Diagnostika unabdingbar sind. Die Biotechnologie erbrachte in den letzten 20 Jahren wesentliche Innovationsschübe in mehreren Branchen, darunter der Medizin, der Pharmaindustrie und in der Landwirtschaft. Die deutsche Biotech-Branche erwirtschaftet inzwischen Milliarden-Umsätze, die Beschäftigtenzahlen in der EU nähern sich der 100000-Grenze. Hier sind deutlich mehr Biotech-Unternehmen als in Deutschland in öffentlicher Hand.

Anzeige

Beunruhigt hat Holger Patzelt, 33-jähriger Wirtschaftswissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ökonomie, Jena, jedoch die hohe Quote des Scheiterns junger Biotech-Unternehmen. Rund ein Viertel, präzise 80 jener rund 350 Firmen mit großem Wissens-Input, musste in den Jahren 2001 bis 2004 die Segel streichen. In seiner Mitte Juli 2007 mit dem „Ludwig-Erhard-Preis“ ausgezeichneten Dissertation zeigt der frischgebackene Max-Planck-Ökonom eine Palette von Möglichkeiten auf, wie Start-ups die noch häufigen Insolvenzen vermeiden können. Patzelt, der zuvor an der Uni Heidelberg in Chemie promovierte, fordert vor allem an der Unternehmensspitze Neuerungen: „Es wäre besser, wenn Betriebswirte und Finanzexperten anstatt der Wissenschaftler und Ingenieure das Sagen in der Firma hätten.“

Umfangreiche Fehler- und Mängelliste erstellt

Nicht die plötzlich enger werdenden Finanzspielräume beim Venture-Capital, sondern „Fehler in der Unternehmensführung“ sind nach Patzelt wesentliche Ursache für das frühe Scheitern junger Biotech-Firmen – bevor das erste Eigen-Produkt überhaupt die Marktreife erreicht! Nach Dr. Dieter Link, Garching Innovation GmbH, eine Tochter der Max-Planck-Gesellschaft, die sich mit der Patentierung von Erfindungen, Patentrechten und Firmen-Gründungen von Max-Planck-Wissenschaftlern befasst, gibt es eine Liste unternehmerischer Fehlentscheidungen, vor denen man sich hüten sollte: Falsche Partner für das Unternehmen, zu frühe Unternehmensgründung, zu lange Entwicklungszeit für die ersten vermarktbaren Biotech-Produkte, Targetfixierung, Unterbewertung der Konkurrenz am Markt. Patzelt fügt hinzu, häufig berücksichtige der Unternehmensgründer mit seiner innovativen Produktpalette nicht, dass Biotechnologie-Produkte ihre Kunden auf einem weltweiten Markt finden und auf diesem Präsenz zeigen müssen. Eine Internet-Homepage mit einigen regionalen Liefer- und Abnahmeverträgen sei keine ausreichende Basis. Vor allem muss die Beschaffung von Firmenkapital in Relation zum geplanten Zeitrahmen für die Markteinführung von Biotech-Produkten erfolgen.

Gerät die firmeneigene Entwicklung in unerwartete Schwierigkeiten oder gar in eine Sackgasse, so ist es nach Patzelt klüger, sich rasch nach neuen einzulizensierenden Bio-Technologien umzusehen als gleich das Handtuch zu werfen. Überhaupt sei jedes Biotech-Unternehmen in Deutschland gut beraten, wenn es frühzeitig ein großes, solides Netzwerk mit anderen Biotech-Firmen aufbaut, Kontakte auf Manager-Ebene herstellt: Dann kann man sich in Krisenzeiten rasch austauschen, Firmenzusammenschlüsse in die Wege leiten oder durch Firmenzu- und -verkäufe rasch neues Kapital und Know-how dem notleidenden Unternehmen zuführen. Nicht unbedingt ist eine Verkleinerung der meist schon recht dünnen Personaldecke bei Biotech-Unternehmen die richtige Lösung, sagt Patzelt. Es sei oft besser, sich neues Kapital zu beschaffen. Jedenfalls geht mit der Insolvenz oder der Stillegung einzelner Erwerbsabteilungen viel und teuer erkauftes Wissen verloren, unterstreicht der frischgebackene Max-Planck-Ökonom.

Meist zweigleisige Strategie der VC-Kapitalgeber

Wenn sich die jungen Biotech-Unternehmen neues Venture- oder Risiko-Kapital beschaffen, spielt die Akzeptanz der vorgesehenen Firmenprodukte eine wichtige Rolle. Glücklicherweise verzeichnet die Biotechnologie in Deutschland seit den 1990er Jahren einen erheblichen Vertrauenszuwachs in der Öffentlichkeit. Die rote und blaue Biotechnologie, die mit der Entwicklung neuer Medikamente und im Umweltschutz befasst sind, werden inzwischen allgemein akzeptiert. Jedoch ist die grüne Biotechnologie, die Gentechnik, weiter umstritten wegen der noch weit verbreiteten „Furcht vor unerwünschten Nebenwirkungen“ für die Landwirtschaft oder die Gesundheit von Mensch und Tier.

Dem Venture Capital widmet Max-Planck-Forscher Patzelt ein spezielles Kapitel. Er unterscheidet zwei Strategien der Kapitalgeber: Die eine besteht in Investitionen in risikoreiche Biotech-Firmen, die mit der Entwicklung von Medikamenten befasst sind sowie in Diversifizierung auf Märkte und Technologien. Die andere VC-Strategie stellt mit ihren Portfolios auf weniger Märkte und weniger neue Technologien, dafür auf risikoärmere Geschäftszweige ab. Auf die Frage nach den Gründen für die finanzielle Unterstützung von Biotech-Unternehmen teilen die VC-Firmen mit, es sei notwendig, neuen technologischen Trends zu folgen.

Mit seiner umfassenden Marktanalyse und den konkreten Fallstudien, die er in seiner Dissertation „Biotechnologische Unternehmensgründungen in Deutschland“ vorstellt, gewann Holger Patzelt zunächst den Beifall der Experten der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Bamberg, die ihm den mit 2500 Euro dotierten „Haarmann-Preis“ für die beste Dissertation zuerkannten. Mit dem neuen Preisgeld von 4000 Euro des Ludwig-Erhard-Preises, den er in Fürth bei Nürnberg aus der Hand von Bundeskanzlerin Angela Merkel entgegennahm, hat Patzelt nun ein kleines Startkapital zusammen. Er will mit seiner Forschergruppe am Max-Planck-Institut für Ökonomie, Jena, die Bedingungen für eine nachhaltige Unternehmungsgründung erkunden.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige

Integriertes Datenmanagement

Ihre im Labor erzeugten Daten können Sie sicher und strukturiert in einem System sammeln. NEC und labfolder bieten ein Mittel für die effiziente Verwaltung großer wissenschaftlicher Datensätze an.

mehr...

Fachbeitrag

BioRegionen in Nordrhein-Westfalen

In insgesamt 16 Felder ist die Clusterpolitik im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen aufgeteilt. Hier bildeten sich seit den 1990er Jahren fünf große Bio-Regionen unter Schirmherrschaft der BIO.NRW heraus: Bioriver – Live...

mehr...
Anzeige

Fachbeitrag

BioRegion STERN

Mit der 1999 neu gegründeten BioRegion STERN strahlt der Großraum Stuttgart mit Tübingen, Esslingen, Reutlingen sowie dem Neckar-Alb-Kreis weit über die Landesgrenzen von Baden-Württemberg hinaus. Hier überwiegen die biomedizinischen und...

mehr...

Fachbeitrag

BioRegion Martinsried

Auf der BIO-Europe in München wurde am 14.11.2008 offiziell von Bayerns Staatsregierung mitgeteilt, dass München mit Martinsried eindeutig den Schwerpunkt der schnell wachsenden Biotech-Landschaft in Deutschland darstelle. Über 130 Biotech-Firmen...

mehr...
Anzeige
Anzeige

Highlight der Woche

Integriertes Datenmanagement
Die Herausforderung bei der Digitalisierung des Laboralltags besteht im Wechsel von Papierlaborbüchern und Computerdateien zu einer Datenmanagementsoftware, die große Datensätze strukturiert innerhalb eines einzigen Systems sammelt.

Zum Highlight der Woche...

Fachbeitrag

Knochenfunde geben Rätsel auf

Der Kyffhäuser birgt viele Geheimnisse. Bekannt ist das Mittelgebirge südlich des Harzes durch die Barbarossa-Sage. Doch der mit Höhlen durchzogene Berg gibt in noch ganz anderer Hinsicht Rätsel auf. Bei Ausgrabungen nahe dem Ort Bad Frankenhausen...

mehr...

Fachbeitrag

Vorteile im Verbund

Die Bio-Europe Partnering 2008 in Mannheim vom 17. bis 19.11.2008 nutzten die Pharma-Branchenriesen Roche, Merck Serono und Abbott zur Mitteilung an die Fachwelt, dass sie im Rahmen des siegreichen Bio-Clusters Rhein-Neckar noch enger zusammen...

mehr...

Fachbeitrag

Molekulartherapien

Max-Planck-Wissenschaftler um Prof. Lenhard Rudolph, Ulm, identifizierten gemeinsam mit Prof. Harald Mischak, der aus St.-Pölten stammt, vier Biomarker für Alterungsprozesse. Die vom Wissenschaftler-Team aus Ulm und Hannover entdeckten vier...

mehr...