Labo Online - Analytic, Labortechnik, Life Sciences
Home> Life Sciences> Bioanalytik>

Typ-1-Diabetes: Antikörper verraten, wie schnell Kinder erkranken

Typ-1-DiabetesAntikörper verraten, wie schnell Kinder erkranken

Die Frühstadien des Typ-1-Diabetes lassen sich mittlerweile durch Antikörpertests bei betroffenen Kindern bereits vor dem Auftreten der ersten Krankheitssymptome nachweisen. Forscher des Helmholtz Zentrums München und des Paul Langerhans Institutes Dresden, beides Partner im Deutschen Zentrum für Diabetesforschung, berichten nun in ‚Diabetologia‘, dass man durch bioinformatische Modelle bessere Prognosen hinsichtlich des Verlaufs der Frühstadien bis zur klinisch symptomatischen Erkrankung findet.

sep
sep
sep
sep
Das Kommen und Gehen von Antikörpern kann verraten, wie schnell Kinder an Typ-1-Diabetes erkranken. (Quelle: Helmholtz Zentrum München)

Bei Typ-1-Diabetes handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die auch in Deutschland immer häufiger auftritt – jährlich kommen über 2000 neue Patienten dazu. Im Verlauf der Krankheitsentstehung entwickeln Patienten Antikörper gegen die insulinproduzierenden Betazellen ihrer eigenen Bauchspeicheldrüse. Das ereignet sich in den meisten Fällen schon in den ersten Lebensjahren. Deshalb haben Wissenschaftler vom Institut für Diabetesforschung (IDF) am Helmholtz Zentrum München einen Test entwickelt, mit dem bereits aus einem Tropfen Blut nachgewiesen werden kann, ob entsprechende Antikörper vorhanden sind, die ein Frühstadium der Erkrankung kennzeichnen.

Anzeige

Nach den aktuellen Zahlen der Fr1da-Studie ist das bei etwa vier von tausend Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren in Bayern der Fall. „Zusätzlich kompliziert wird die Diagnose allerdings dadurch, dass es sich insgesamt um vier verschiedene Antikörper handelt“, erklärt PD Dr. Peter Achenbach, stellvertretender Leiter des IDF. „Darüber hinaus sind nicht alle Antikörpertypen in der Phase der Krankheitsentwicklung permanent vertreten, sondern die einzelnen Antikörper verhalten sich dynamisch – sprich sie können auch kommen und gehen.“

Vermeintliche Hochrisikogruppe erkrankt später

In der aktuellen Studie wollten die Wissenschaftler genau dieses komplexe Verhalten untersuchen und herausfinden, ob sich aus den jeweiligen Antikörperverläufen möglicherweise präzisere Aussagen herausfiltern lassen als bisher. Für ihre Analysen kooperierten die Forscher eng mit den Modellierungs-Experten der Abteilung Scientific Computing (ASC) um deren Leiter PD Dr. Wolfgang zu Castell. „Unser neuer Ansatz, Muster im Zeitverlauf zu analysieren, erlaubt es, nicht nur festzustellen, ob die Antikörper da sind oder nicht, sondern auch, Verläufe verschiedener Antikörper zu beobachten und Kinder mit ähnlichen Profilen zu gruppieren und das dann mit der Krankheitsentstehung in Beziehung zu setzen“, beschreibt Erstautor Dr. David Endesfelder von der ASC die Studie, in der die Forscher 88 Kinder untersuchten, die jeweils mehrere verschiedene Antikörper entwickelt hatten und im Rahmen der BABYDIAB-Studie über einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren beobachtet wurden.

Durch die neuen Analysemethoden konnten die Forscher beispielsweise beschreiben, dass bei einigen Kindern, die aufgrund ihrer Antikörperkonstellation bisher zur Hochrisikogruppe für eine schnelle Krankheitsentwicklung gezählt wurden, erst mit deutlicher Verzögerung ein klinisch symptomatischer Diabetes auftrat. „Das war sehr überraschend und zeigt uns, dass wir mit dem neuen Ansatz nicht nur Einsen und Nullen, also Antikörper vorhanden oder nicht vorhanden, unterscheiden, sondern dass wir beginnen, die verschiedenen Facetten der Entstehung von Typ-1-Diabetes auch im Detail immer besser zu verstehen“, so Studienleiter Achenbach.

Künftig wollen die Forscher diese Analysen weiter vertiefen, um präzisere Aussagen zum Krankheitsverlauf, den zugrunde liegenden Faktoren und Mechanismen, aber auch zu möglichen Therapieaussichten wie etwa durch die vom IDF durchgeführte Insulinschluckimpfung für kleine Risikopatienten treffen zu können.

Hintergrund:

Insgesamt verglichen die Forscher die Profile von 88 Kindern mit einem Frühstadium des Typ-1-Diabetes hinsichtlich der (Auto-)Antikörper IAA, GADA, IA-2A und ZnT8A. Der Beobachtungszeitraum betrug 20 Jahre. Innerhalb dieser Zeit identifizierten die Forscher neun verschiedene Cluster, die jeweils für unterschiedliche Antikörperverläufe standen und mit verschieden schneller Entwicklung der klinischen Erkrankung verbunden waren.

Original-Publikation:

Endesfelder, D. et al. (2016). A novel approach for the analysis of longitudinal profiles reveals delayed progression to type 1 diabetes in a subgroup of multiple-islet autoantibody-positive children, Diabetologia, DOI: 10.1007/s00125-016-4050-0

Fachlicher Ansprechpartner:

PD Dr. Peter Achenbach, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH), Institut für Diabetesforschung, Heidemannstr. 1, 80939 München, E-Mail: peter.achenbach@helmholtz-muenchen.de.

Anzeige
Diesen Artikel …
sep
sep
sep
sep
sep

Weitere Beiträge zum Thema

Während Betazellen, die das Molekül Flattop aufweisen (grün) sich um die Insulinproduktion kümmern, bilden Zellen ohne Flattop (rot) eine teilungsfähige Reserve. (Quelle: Helmholtz Zentrum München)

DiabetesforschungNeuer Ansatzpunkt für Regenerative Therapien

Betazellen in der Bauchspeicheldrüse gibt es in verschiedenen Varianten. Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München haben nun einen Marker gefunden, der zwei Zellgruppen unterscheiden kann: Während die einen Insulin produzieren, um den Blutzucker im Gleichgewicht zu halten, bilden die anderen einen teilungsstarken Reservepool.

…mehr
Prof. Dr. Cora Weigert, Dr. Christoph Hoffmann und Dr. Anja Böhm. (Quelle: Helmholtz Zentrum München)

Prävention bei Typ-2-DiabetesWenn die Gene nicht mitlaufen

Körperliche Aktivität senkt das Risiko für Diabetes – eigentlich. Bei jedem fünften Teilnehmer an entsprechenden Studien bleibt diese Wirkung aus.

…mehr
T-Zellen

DiabetesforschungNächster Schritt zur Prävention

Ein Team aus Wissenschaftlern am Helmholtz Zentrum München konnte in Zusammenarbeit mit der TU München und dem DZD im präklinischen Modell zeigen, dass bestimmte Varianten von Insulin-Bausteinen zu einer Immuntoleranz führen.

…mehr

StoffwechselforschungStudie entschlüsselt neue Diabetes-Gene

Wissenschaftler haben ein Netzwerk aus Genen identifiziert, die eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Stoffwechselerkrankungen wie beispielsweise Diabetes spielen könnten. Die Arbeit entstand federführend durch ein Team des Helmholtz Zentrums München sowie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD).

…mehr
Die Behandlung mit Atglistatin reduziert Fettmasse und verhindert nicht-alkoholische Fettleber trotz fettreicher Ernährung. (Foto: Sohsuke Yamada)

AdipositasWirkstoff gegen Fettleibigkeit entwickelt

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind rund 1,9 Mrd. Menschen weltweit übergewichtig. 75 % von ihnen leiden unter einer nicht-alkoholischen Fettleber, 400 Mio. haben Typ-II-Diabetes. Neben den psychosozialen Auswirkungen von Fettleibigkeit führen vor allem deren Folgeerkrankungen zu einer starken Einschränkung der Lebensqualität und -dauer.

…mehr
Anzeige

Bildergalerien bei LABO online

Anzeige

Jetzt den LABO Newsletter abonnieren

LABO Newsletter abonnieren

Der kostenlose LABO Newsletter informiert Sie wöchentlich über neue Produkte, Lösungen, Technologietrends und Innovationen aus der Branche sowie Unternehmensnachrichten und Personalmeldungen.

Anzeige
Anzeige

Mediaberatung