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Artikel und Hintergründe zum Thema

Molekulare Zellbiologie

Melanie Steinbeck,

Einblicke in die Logistik der zellulären Müllabfuhr

In gesunden Zellen werden Proteinverklumpungen, geschädigte Organellen und eingedrungene Bakterien zuverlässig erkannt und beseitigt. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Konstanze F. Winklhofer vom Institut für Biochemie und Pathobiochemie der Ruhr-Universität Bochum hat nun einen entscheidenden Mechanismus dieser zellulären Reinigungsprozesse aufgeklärt. Im Zentrum der Untersuchungen steht das Protein Optineurin. Funktioniert dieses nicht korrekt, kann es zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Amyotropher Lateralsklerose oder Frontotemporaler Demenz kommen. Die Forschenden hoffen, dass ihre Erkenntnisse künftig zu neuen therapeutischen Ansätzen beitragen können. Die Ergebnisse wurden am 17. Dezember 2025 in der Fachzeitschrift Advanced Science veröffentlicht.

Georgina Herrera ist Erstautorin des Papers. © RUB, Marquard

Schädliches markieren und beseitigen

Zellen müssen fortwährend unterscheiden, was bleiben darf und was beseitigt werden muss. Fehlgefaltete Proteine, beschädigte Mitochondrien oder eingedrungene Mikroorganismen können gefährlich werden, wenn sie sich ansammeln. Ihr gezielter Abbau erfolgt über einen Prozess, der als selektive Autophagie bezeichnet wird. Damit dieser Abbau nicht wahllos geschieht, werden die zu entsorgenden Bestandteile zuvor markiert: mit Ketten aus Ubiquitin-Molekülen. Diese Markierungen dienen als Erkennungssignale für sogenannte selektive Autophagie-Rezeptoren, die wiederum die Verbindung zur zellulären Abbaumaschinerie herstellen.

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„Ein zentrales Protein dieser zellulären Logistik ist Optineurin“, erklärt Konstanze Winklhofer. „Es erkennt insbesondere fehlfaltete Proteine, beschädigte Mitochondrien und eingedrungene Bakterien und signalisiert dem Autophagie-System, diese Störenfriede zu beseitigen.“ Wie dieser Erkennungs- und Organisationsprozess im Detail abläuft, war bislang jedoch nicht vollständig verstanden.

Wie die Verbindung zur Abbaumaschinerie in Zellen entsteht

Die Bochumer Forschenden konnten nun zeigen, dass Optineurin nach der Bindung an Ubiquitin-Ketten sogenannte Kondensate bildet. Dabei handelt es sich um abgegrenzte Reaktionsräume innerhalb der Zelle, die durch Phasenseparierung entstehen. In diesen Kondensaten wird das effiziente Andocken der Autophagie-Maschinerie ermöglicht. Entscheidend ist dabei eine chemische Modifikation: Optineurin muss durch das Protein TBK1 (Tank-binding kinase 1) phosphoryliert werden. Erst in dieser Form bindet Optineurin besonders gut an Ubiquitin-Ketten und kann Kondensate ausbilden.

Verian Bader, Georgina Herrera, Lena Kühn und Konstanze Winklhofer (v.l.) untersuchen, was in Zellen vor sich geht. © RUB, Marquard

In diesen Strukturen reichert sich zudem das LC3-Protein an, ein zentraler Akteur der Autophagie. Durch die Bindung von Optineurin an LC3 werden die abzubauenden Bestandteile gezielt an Membranen dirigiert. Dort werden sie in Autophagosomen eingeschlossen und anschließend in lysosomalen Organellen verdaut – gewissermaßen dem Recyclinghof der Zelle.

Ursache für Proteinverklumpung bei ALS und Demenz?

Dass dieser Mechanismus mehr ist als reine Zellbiologie, zeigt der Blick auf die Krankheit. „Interessanterweise sind sowohl Mutationen im Optineurin-Gen als auch im TBK1-Gen mit familiären Formen neurodegenerativer Erkrankungen assoziiert“, berichtet Dr. Georgina Herrera, Erstautorin der Studie. Solche Mutationen führen zu einem Funktionsverlust der beteiligten Proteine. Die Folge: Verklumpte Proteine werden nicht mehr effizient abgebaut und können sich insbesondere in Nervenzellen anreichern.

„Die aktuelle Studie erlaubt zunächst grundlegende mechanistische Einblicke“, sagt Konstanze Winklhofer. Doch die Hoffnung reicht weiter. „Ein besseres Verständnis der Abbauprozesse schädigender zellulärer Komponenten könnte jedoch längerfristig zu neuen therapeutischen Ansätzen insbesondere für neurodegenerative Erkrankungen führen.“ In der Logistik der zellulären Müllabfuhr könnte damit ein Ansatz liegen, um Krankheiten zu begegnen, die bislang kaum behandelbar sind.

Originalpublikation:
Herrera, M. G., Winklhofer, K. F., et al. (2025). TBK1 induces the formation of Optineurin filaments that condensate with polyubiquitin and LC3 for cargo sequestration. Advanced Science. DOI:10.1002/advs.202509927

Quelle: Ruhr Universität Bochum

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