Quantensensoren
Neue Sensortechnik macht hochpräzise Messungen im bewegten Gehirn möglich
Was passiert bei einem epileptischen Anfall im Gehirn? Wie reagiert das Gehirn nach einer Lähmung durch Schlaganfall? Und welche Veränderungen zeigen sich im Kopf von Parkinson-Erkrankten? Bisher waren solche Untersuchungen nur schwer möglich, da die Probanden stillhalten mussten. Mit der Optisch gepumpten Magnetoenzephalographie (OPMEG) können Forschende nun auch Messungen bei Bewegung durchführen.
Optisch gepumpten Magnetoenzephalografie (OPMEG)
Die Universitätsmedizin Bonn bekommt nun eine neuartige Forschungsinfrastruktur zur „Optisch gepumpten Magnetoenzephalografie“ (OPMEG) des Gehirns. Prof. Dr. Dominik Bach, Hertz-Professor für Künstliche Intelligenz und Neurowissenschaften an der Universität Bonn, errichtet auf dem Campus des Universitätsklinikums Bonn (UKB) eine solche Forschungsinfrastruktur. Das Projekt wird in den nächsten drei Jahren aus dem EFRE/JTF-Programm der Europäischen Union und von der Landesregierung NRW mit fast vier Millionen Euro gefördert.
OPMEG-Infrastruktur: Präzise Messungen im Gehirn bei Bewegung
Die OPMEG-Infrastruktur entsteht im Untergeschoss des Life & Brain-Gebäudes auf dem Bonner Campus. Das Verfahren basiert auf der Messung winziger Magnetfelder, die entstehen, wenn Gehirnzellen aktiv sind. Ein spezieller Helm mit Sensoren erfasst diese Felder.
„Im Gegensatz zu klassischen Messverfahren wie Kernspintomographie oder traditionelle Magnetoenzephalographie können sich die Personen während der Messung bewegen“, erklärt Prof. Dr. Dominik Bach. „Darüber hinaus sind im Vergleich zum EEG viel genauere Messungen möglich.“
Die Untersuchungen finden in einer mehrere Quadratmeter großen, abgeschirmten Kabine statt, die sicherstellt, dass die Messergebnisse nicht durch äußere Einflüsse wie das Erdmagnetfeld verfälscht werden.
Messungen in virtueller Realität
Mit der OPMEG können die Hirnströme von Personen in Bewegung aufgezeichnet werden. Dabei geht es nicht nur um unwillkürliche Bewegungen bei Erkrankungen wie Epilepsie oder Parkinson, sondern auch um gezielte Bewegungen, etwa bei räumlicher Navigation oder der Flucht aus simulierten Gefahrensituationen.
Prof. Bach und sein Team haben dafür eine OPMEG-kompatible VR-Brille entwickelt, die reale Umgebungen in virtueller Realität simuliert.
Eine Untersuchung dauert im Schnitt bis zu anderthalb Stunden. Dabei bekommt die Testperson den Messhelm aufgesetzt und je nach Studie weitere Sensoren, etwa für Puls oder Bewegungen. Anschließend betritt die Person die Kabine und löst Aufgaben – häufig in Form eines Spiels –, um bestimmte Hirnareale gezielt anzusprechen. Während der Pausen kann sich die Person auf einer Sitzgelegenheit ausruhen. Ein Projektmitglied überwacht die Messdaten währenddessen auf mehreren Monitoren im Vorraum, bevor sie später computergestützt ausgewertet werden.
Sensortechnik zur Hirnstrommessung in Bewegung nutzt Quanteneffekte
„Die OPMEG erlaubt es auch, Hirnmessung sowie Verhaltens- und Bewegungsstudien miteinander zu kombinieren“, sagt Bach. „Dies war vorher nicht oder nur mit sehr viel niedrigerer Datenqualität möglich.“
Weitere Anwendungsbereiche umfassen die Untersuchung leichter traumatischer Hirnverletzungen, Schlaganfälle und die Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen. Herzstück der Infrastruktur sind rund 100 Sensoren, die mithilfe von Quanteneffekten winzige Magnetfelder im menschlichen Gehirn messen – Felder, die etwa eine Million Mal schwächer sind als das Erdmagnetfeld.
Die Infrastruktur in Bonn eröffnet damit völlig neue Möglichkeiten, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns unter realistischen Bewegungsbedingungen zu erforschen – und liefert präzisere Daten als je zuvor.
Förderung
Die Universität Bonn hat das Vorhaben mit Prof. Bach als Projektkoordinator eingeworben. Die Forschungsinfrastruktur mit den Quantensensoren wird durch die Medizinische Fakultät betrieben, um die räumliche Nähe zu Patientinnen und Patienten des Universitätsklinikums Bonn (UKB) sicherzustellen. Die Hertz-Professur für Künstliche Intelligenz und Neurowissenschaften ist am Transdisziplinären Forschungsbereichs (TRA) „Life & Health“ der Universität Bonn angesiedelt, wo Prof. Bach verantwortlich für den Profilbereich an der Schnittstelle zwischen Neurowissenschaften, Psychiatrie und Computerwissenschaften ist. Er ist Teil des Lenkungsausschusses der TRA „Life & Health“ und Mitglied der TRA „Modelling“. Neben seiner Tätigkeit an der Universität kümmert er sich in der Angstsprechstunde der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKB als Oberarzt um Menschen mit Angsterkrankungen und Depressionen.
Die Förderung von fast vier Millionen Euro stammt aus der Strukturwandel-Unterstützung des EFRE/JTF-Programms NRW 2021–2027. Mit diesem Programm unterstützen die Landesregierung und die Europäische Union gezielt Projekte und Ideen, die den Menschen in der Region dabei helfen sollen, neue Potenziale zu entfalten, zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen und so die digitale und grüne Transformation aktiv mitzugestalten.












