Neue Methode zur Stickstoffisotopenbestimmung

Melanie Steinbeck,

Unsere Vorfahren lebten vor drei Millionen Jahren vegetarisch

Vormenschen wie Australopithecus, der vor etwa 3,5 Millionen Jahren im südlichen Afrika lebte, konsumierten kein oder kaum Fleisch – das hat Tina Lüdecke mit ihrem Team am Max-Planck-Institut für Chemie durch Isotopenmessungen an fossilen Zähnen festgestellt. Gemeinsam mit Forschenden der Witwatersrand-Universität in Südafrika untersuchten die Mainzer Zahnschmelzproben von sieben Vormenschen. Das Verhältnis von schweren zu leichten Stickstoffisotopen ließ darauf schließen, dass Fleisch, wenn überhaupt, nur selten Bestandteil der Ernährung der Australopithecinen war.

Handgezeichnete Darstellung einer der sieben beprobten Backenzähne (StW-148) von Australopithecus. © Dom Jack, Max-Planck-Institut für Chemie

Fleischkonsum als Wendepunkt der Evolution

Als unsere frühen Vorfahren begannen, Fleisch zu konsumieren, stellte dies einen entscheidenden Wendepunkt in der menschlichen Evolution dar. Diese proteinreiche Ernährung wird unter anderem mit einer Vergrößerung des Gehirnvolumens und der Entwicklung von Werkzeugen in Zusammenhang gebracht. Bislang fehlten jedoch direkte Beweise dafür, wann Fleisch erstmals auf dem Speiseplan der Vor- und Frühmenschen stand und wie sich sein Konsum entwickelte.

Forschende des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Witwatersrand-Universität in Südafrika konnten nun zeigen, dass die Vormenschen der Gattung Australopithecus, die vor etwa 3,7 bis 3,3 Millionen Jahren im südlichen Afrika lebten, sich vorwiegend pflanzlich ernährten. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.

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Das Team untersuchte Zahnschmelzproben von sieben Vormenschen, die aus der Sterkfontein-Höhle stammen – einer bedeutenden Fossilienfundstätte nahe Johannesburg. Diese Region in Südafrika wird als „Wiege der Menschheit“ bezeichnet, da dort Überreste einer Vielzahl von Homininen entdeckt wurden. Zur Familie der Hominini gehören der moderne Mensch sowie seine direkten Vorfahren und engsten Verwandten. Die Forschenden verglichen ihre Ergebnisse mit Zahnproben von Tieren, die zur selben Zeit und am selben Ort lebten, darunter Affen, Antilopen sowie Fleischfresser wie Hyänen, Schakale und Großkatzen, einschließlich der Säbelzahnkatze.

Isotopischer Fingerabdruck: Zahnschmelz als Schlüssel zur Vergangenheit

„Zahnschmelz ist die härteste Substanz im Körper. Er konserviert oft einen isotopischen Fingerabdruck der Nahrung eines Tieres. Das Stickstoff-Isotopenverhältnis im organischen Anteil des Schmelzes kann Millionen von Jahren überdauern,“ erklärt Geochemikerin Tina Lüdecke die Basis eines neuen Nachweisverfahrens. Lüdecke leitet seit 2021 eine Emmy-Noether Nachwuchsgruppe am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie und ist Gastwissenschaftlerin der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Sie reist regelmäßig nach Afrika, um Proben von fossilen Zähnen zu nehmen.

Tina Lüdecke auf der Suche nach geeigneten Probenzähnen im Hominini-Tresor des Evolutionary Studies Institute an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg, Südafrika. © Rani Bakkour, TU Munich

Bei der Verdauung von Nahrung entstehen im Körper Abbauprodukte. Durch die Ausscheidung dieser Stickstoffverbindungen zum Beispiel im Urin, Kot oder Schweiß steigt im Körper das Verhältnis von „schwerem“ Stickstoff (15N) zu „leichtem“ Stickstoff (14N) im Vergleich zu seiner Nahrung. So haben Pflanzenfresser ein höheres Stickstoffisotopenverhältnis als die konsumierten Pflanzen und Fleischfresser wiederum ein höheres als ihre Beutetiere. Je größer daher in organischem Material das Verhältnis der unterschiedlich schweren Isotope 15N zu 14N des Stickstoffs ist, desto höher ist die Position des Lebewesens in der Nahrungskette.

Die Ernährung von Tieren kann man zwar schon seit Jahrzenten anhand von Stickstoffisotopen in Haaren, Krallen, Knochen oder anderem organischen Material rekonstruieren. Allerdings lassen sich Stickstoffisotopenverhältnisse im Kollagen nur in gut erhalten Fossilien messen, die in der Regel aber nicht älter als einige zehntausend Jahre sind. Denn durch die Fossilisation verschwindet organisches Material und damit auch der Stickstoff. Die Mainzer Teams von Tina Lüdecke und ihrem Kollegen Alfredo Martínez-García haben jedoch ein Verfahren entwickelt, mit dem sie das Stickstoffisotopenverhältnis sogar in Millionen Jahre altem Zahnschmelz bestimmen können.

Überwiegend pflanzliche Ernährung

Das Forschungsteam stellte fest, dass die Stickstoffisotopenverhältnisse im Zahnschmelz von den sieben untersuchten Australopithecus Zähnen zwar variabel waren, jedoch durchgehend niedrig blieben – ähnlich zu den Werten von Pflanzenfressern und deutlich niedriger als die von Fleischfressern. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass die Ernährung dieser Vormenschen zwar vielseitig, jedoch größtenteils – oder sogar ausschließlich – pflanzlich war.

Australopithecus jagte demnach keine großen Säugetiere, wie es beispielsweise der Neandertaler einige Millionen Jahre später regelmäßig tat. Zwar können die Forschenden den gelegentlichen Verzehr tierischer Eiweißquellen wie Eiern oder Termiten nicht vollständig ausschließen, die Belege deuten jedoch auf eine überwiegend vegetarische Ernährungsweise hin.

Die hochsensible Stickstoffisotopenbestimmung in kleinsten Mengen organischen Materials kann derzeit nur am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und in den USA an der Princeton Universität durchgeführt werden. „Unsere neue Methodik hat das Potenzial, weitere zentrale Fragen der menschlichen Evolution zu beantworten,“ ist Alfredo Martínez-García zuversichtlich.

Für die Zukunft plant Lüdeckes Team, das Analyseverfahren weiterzuentwickeln und ihre Datensätze zu erweitern. Konkret will sie Proben von jüngeren und älteren Menschenarten aus der Wiege der Menschheit sowie von wichtigen Hominini-Fundstellen im östlichen Afrika oder Südostasien nehmen. Das Ziel: Herausfinden, wann Fleisch auf den Speiseplan unserer Vormenschen kam, wie sich dieser Verzehr entwickelte, und ob es dadurch tatsächlich einen evolutionären Vorteil gab.

Förderung

Die Studie wurde von der Max-Planck-Gesellschaft finanziert. Tina Lüdeckes Forschung wird unterstützt durch das Emmy Noether Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Originalpublikation:
Lüdecke, T., Leichliter, J. N., Stratford, D., Sigman, D. M., Vonhof, H., Haug, G. H., Bamford, M. K., & Martínez-García, A. (2025). Australopithecus at Sterkfontein did not consume substantial mammalian meat. Science. doi.org/10.1126/science.adq7315

Quelle: Max-Planck-Institut für Chemie

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