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Schutzgebiete sind keine Schutzräume

Melanie Steinbeck,

Hohe Mikroplastikbelastung in geschütztem Mittelmeer-Korallenriff nachgewiesen

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat erstmals eine auffallend hohe Mikroplastik- und Mikrogummibelastung in einem abgelegenen, streng geschützten Korallenhabitat im westlichen Mittelmeer nachgewiesen. Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Marine Pollution Bulletin veröffentlicht.

Die Koralle Cladocora caespitosa auf den Columbretes-Inseln ist die einzige riffbildende Korallenart im Mittelmeer. Sie schafft einen wichtigen Lebensraum für zahlreiche andere Arten – eine Rolle, die sonst nur von tropische Korallen bekannt ist. © Diego Kersting, CSIC

Überraschend hoher Mikroplastikfund

Im Fokus der Studie stand die Bucht der Illa Grossa, die größte Insel der Columbretes-Inseln rund 55 Kilometer vor der spanischen Mittelmeerküste. Dort wächst mit Cladocora caespitosa die einzige riffbildende Steinkorallenart des Mittelmeeres – und das in einem Gebiet ohne direkte lokale Verschmutzungsquellen. Trotzdem konnten die Wissenschaftler:innen stellenweise über 6.000 Mikroplastikpartikel pro Kilogramm Sediment nachweisen. Damit liegen die Werte viermal über dem regionalen Durchschnitt und deutlich über vergleichbaren Messungen aus anderen Mittelmeerregionen.

„Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass selbst unberührte und streng geschützte Lebensräume nicht vor Mikroplastikflut sicher sind“, betont Dr. Lars Reuning vom Institut für Geowissenschaften an der Universität Kiel und Erstautor der Studie. „Cladocora caespitosa ist die einzige riffbildende Korallenart im Mittelmeer. Durch ihre Fähigkeit, unter gemäßigten Bedingungen Riffe zu bilden, schafft sie einen wichtigen Lebensraum für zahlreiche andere Arten – eine Rolle, die wir sonst nur von tropischen Korallen kennen. Zudem ist sie für uns ein wichtiger Indikator für Umweltveränderungen in der Region“, so Reuning weiter.

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Schlüsselart unter Stress

Cladocora caespitosa bildet stabile Riffstrukturen unter gemäßigten Klimabedingungen – eine Seltenheit. Als sogenannte Schlüsselart trägt sie maßgeblich zur Biodiversität bei. Die Koralle nutzt zwei Ernährungswege: einerseits die Photosynthese in Symbiose mit Algen, andererseits die Aufnahme von Plankton. Letzteres, die sogenannte heterotrophe Nahrungsaufnahme, wird besonders bei Lichtmangel oder Hitzestress wichtig. Genau diese Fähigkeit könnte durch Mikroplastikpartikel beeinträchtigt werden – mit potenziell gravierenden Folgen für die Energieversorgung und Stressresistenz der Tiere.

Mikroplastik aus den Tiefen der Kolonien

Die Proben wurden an fünf Stellen innerhalb der vulkanischen Caldera der Illa Grossa entnommen. Die Analyse erfolgte an der CAU und am Helmholtz-Zentrum Hereon. Dabei zeigte sich: Die Korallen wirken wie ein physikalisches Sieb – je dichter die Kolonie, desto kleiner die zurückgehaltenen Partikel. Im Schnitt fanden sich 1.514 Mikroplastik- und Mikrogummipartikel pro Kilogramm Sediment, Spitzenwerte lagen bei 6.345 Partikeln.

Erstautor Dr. Lars Reuning aus dem Institut für Geowissenschaften der CAU untersucht die Sedimentproben im Labor mit Hilfe von spektroskopischen Methoden. Diese helfen, die Größe, Form und Polymerart von Mikroplastik zu bestimmen. © Birgit Mohr, Uni Kiel

„Wir haben in allen Proben Mikroplastik gefunden. Die höchsten Konzentrationen lagen aber in Sedimenten, die sich innerhalb der Korallenstrukturen angesammelt haben“, erklärt Co-Autor Dr. Diego Kersting vom Institut Torre de la Sal Aquaculture (IATS-CSIC). „Diese Werte liegen weit über denen, die bislang in anderen Teilen des westlichen Mittelmeers beobachtet wurden“, so Kersting weiter.

Chemische Analyse und Risiken

Zur Bestimmung von Größe, Form und Polymerart der Partikel kam die Laser-Direkt-Infrarotspektroskopie (LDIR) zum Einsatz. Am häufigsten vertreten waren Polyethylen (PE, 28 %), Polyethylenterephthalat (PET, 25 %), Polystyrol (PS, 19 %) sowie Polyurethane (PU) und Mikrogummi (zusammen rund 16 %).

„Mehr als 90 Prozent der Partikel sind kleiner als 250 Mikrometer – und damit klein genug, um von Korallen aufgenommen zu werden“, erklärt Dr. Daniel Pröfrock vom Helmholtz-Zentrum Hereon. Besonders problematisch: „Polyurethane stehen im Verdacht, besonders gesundheitsschädlich für Meeresorganismen zu sein – ihre chemischen Eigenschaften lassen potenziell toxische Wirkungen erwarten“, ergänzt sein Kollege Dr. Lars Hildebrandt.

Vom Festland in die Tiefe: Transport durch Meeresströmungen

Die Geometrie der Bucht – C-förmig und nach Nordosten offen – begünstigt die Anreicherung von Plastikpartikeln. Der sogenannte Northern Current, eine zentrale Strömung im westlichen Mittelmeer, transportiert Abfälle von den dicht besiedelten Küstenregionen Spaniens, Südfrankreichs und Norditaliens bis zu den Columbretes-Inseln. Einmal angespült, verbleiben die Partikel in der Bucht. Auch Reifenabrieb, der über Flüsse ins Meer gelangt, trägt zur Belastung bei.

Schutzgebiete sind keine Schutzräume

„Unsere Ergebnisse sind alarmierend, auch wenn sie nur ein begrenztes Gebiet des Mittelmeeres betreffen. Sie machen deutlich, dass auch Schutzgebiete stark vom Einfluss der weltweiten Plastikverschmutzung betroffen sind und dass empfindliche Korallenarten besonders bedroht sind. Wir müssen daher die Erforschung solcher Auswirkungen intensivieren und gleichzeitig unsere Anstrengungen zur Eindämmung der Plastikflut weiter verstärken“, so das Fazit von Dr. Lars Reuning.

Originalpublikation:
Reuning, L., Hildebrandt, L., Kersting, D. K., & Pröfrock, D. (2025). High levels of microplastics and microrubber pollution in a remote, protected Mediterranean Cladocora caespitosa coral bed. Marine Pollution Bulletin, 217, 118070. DOI:10.1016/j.marpolbul.2025.118070

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