Chemie-Nobelpreis 2024

Melanie Steinbeck,

Durchbruch im Proteindesign und der Strukturvorhersage von Proteinen

Die diesjährigen Nobelpreisträger im Bereich Chemie haben bedeutende Fortschritte im Bereich der Proteinforschung erzielt, indem sie Künstliche Intelligenz (KI) zur Vorhersage von Proteinstrukturen und zum Design neuer Proteine nutzen. Der Preis wird zu gleichen Teilen an David Baker von der University of Washington, USA, sowie an Demis Hassabis und John Jumper von Google DeepMind, Großbritannien, verliehen.

Wichtige Rolle der Proteine für alle Zellprozesse
Proteine sind entscheidend für nahezu alle Zellprozesse, wobei ihre Funktion maßgeblich von ihrer dreidimensionalen Struktur abhängt, der sogenannten Faltung.

Auf der Pressekonferenz zur Bekanntgabe des Chemie-Nobelpreises 2024 werden Bilder von David Baker (l-r), Demis Hassabis, und John M. Jumper gezeigt. © Steffen Trumpf/dpa

David Baker (62) wird für seine Pionierarbeit im computergestützten Proteindesign ausgezeichnet, während Hassabis (48) und Jumper (39) für die Entwicklung eines KI-gestützten Modells zur Vorhersage dieser Faltungen geehrt werden. „Ich fühle mich zutiefst geehrt“, äußerte sich Baker während des telefonischen Interviews zur Preisverleihung. Die Nachricht aus Stockholm überraschte ihn in der Nacht, und seine Frau reagierte mit Freude, sodass er den Anrufer kaum verstehen konnte. „Es war sehr, sehr aufregend."

Ein KI-Modell für die Proteinforschung
Hassabis und Jumper haben ein KI-Modell entwickelt, um die jahrzehntelange Herausforderung der Vorhersage von Proteinstrukturen zu meistern.

Forscher John Jumper (l) und Demis Hassabis, CEO von DeepMind Technologies, der KI-Abteilung hinter Gemini, sprechen mit Associated Press in den Google DeepMind-Büros in London, nach der Verleihung des Nobelpreises für Chemie. © Alastair Grant/AP, dpa-Bildfunk

Jumper ist einer der wenigen Chemie-Nobelpreisträger, die bereits vor ihrem 40. Lebensjahr ausgezeichnet wurden. Der jüngste Preisträger in der Geschichte war 1935 der damals 35-jährige Frédéric Joliot.

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Vom Schachmeister zum Proteinexperten
Hassabis, der bereits im Kindesalter Schachmeister wurde, gründete 2010 DeepMind, das sich zunächst mit KI-Modellen für Brettspiele beschäftigte. Nach dem Verkauf an Google wandte sich sein Team der Proteinstrukturvorhersage zu. Mit AlphaFold, einem KI-Modell, das eine Genauigkeit von fast 60 Prozent in der Strukturvorhersage erreicht, legten sie den Grundstein für eine Revolution in der Proteinforschung. AlphaFold2, das 2020 vorgestellt wurde, nutzt neuronale Netzwerke, um die Faltung von Proteinen basierend auf deren Aminosäuresequenz vorherzusagen.

Ein Schock für die Forschungsgemeinschaft
„Das neue, KI-basierte Werkzeug hat zunächst einen Schock ausgelöst“, sagte Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. „Zehntausende Forscher haben ihre ganze Karriere damit verbracht, Proteinstrukturen zu ermitteln oder Wege zu finden, diese vorherzusagen. Nun ist die Vorhersage mit einem Schlag gelungen."

Schnelle Vorhersagen 3D-Struktur eines Proteins
AlphaFold2 ermöglicht es, aus DNA oder Aminosäuresequenzen schnell die 3D-Struktur eines Proteins vorherzusagen. Diese Effizienz steht im Kontrast zu den langwierigen Verfahren, die zuvor erforderlich waren. Cramer erinnert sich: „Ich habe während meiner Doktorarbeit ganze zwei Proteinstrukturen ermittelt.“ Die KI hat die Regeln erlernt, nach denen die Natur Proteine faltet, und dies mithilfe von etwa 200.000 experimentell bestimmten Proteinstrukturen.

Ein Meilenstein für den Life Science-Bereich
Google DeepMind hat bereits AlphaFold3 vorgestellt, das noch präziser und effizienter arbeitet. „Es ist eine Technologie, die den Bereich Life Science revolutioniert. Strukturen der Proteine werden verlässlich vorhergesagt, und Veränderungen, die Krankheiten zugrunde liegen, können schneller interpretiert werden", erklärte Cramer.

Proteinsynthese im Fokus
Die Herstellung neuer Proteine war lange Zeit ein Ziel in der chemischen Forschung. David Baker entwickelte an der University of Washington in Seattle Ende der 1990er Jahre die Software Rosetta, um die Faltung von Proteinen vorherzusagen. Mit seinem Team nutzte er das Programm kreativ umgekehrt: Anstatt Aminosäureabfolgen einzugeben, um Proteinstrukturen zu erhalten, konnten gewünschte Strukturen definiert werden, um Vorschläge für Aminosäuresequenzen zu erhalten. Dies führte zu neuartigen, am Computer gestalteten Proteinen.

Einer der drei Nobelpreisträger im Bereich Chemie 2024 ist David Baker. © Lindsey Wasson/AP, dpa-Bildfunk

Solche Proteine mit neuen Funktionen könnten zu „neuen Nanomaterialien, zielgerichteten Pharmazeutika, einer schnelleren Entwicklung von Impfstoffen, kleinsten Sensoren und einer umweltfreundlicheren chemischen Industrie führen – um nur einige Anwendungen zu nennen, die zum größten Nutzen der Menschheit sind", hieß es vom Nobelkomitee.

Die Preisträger 2024
Sieben Preisträger wurden mit dem diesjährigen wissenschaftlichen Nobelpreis ausgezeichnet. Die diesjährige Auszeichnung ist mit 11 Millionen Kronen (rund 970.000 Euro) pro Kategorie dotiert. Der Medizin-Nobelpreis geht an Victor Ambros und Gary Ruvkun für die Entdeckung der microRNA, während der Physik-Nobelpreis zwei Pioniere im Bereich Künstliche Intelligenz ehrt: John Hopfield (USA) und Geoffrey Hinton (Kanada).

Die feierliche Überreichung der Preise findet am 10. Dezember statt, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

Quelle: dpa

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