Tagungsbericht

Langenauer Wasserforum 2017

Am 13. und 14. November haben sich knapp über 300 Teilnehmer zum Langenauer Wasserforum zusammengefunden. Bei Vorträgen, Diskussionen und Postersessions standen die Überwachung und Vermeidung von Spurenstoffen im Trinkwasser im Fokus der Veranstaltung.

Zum 12. Langenauer Wasserforum hatte – wie auch schon in den Jahren zuvor – der Zweckverband Landeswasserversorgung unter der Ägide von Dr. Rudi Winzenbacher, Dr. Wolfgang Schulz und Dr. Wolfram Seitz eingeladen. Das gemischte Publikum – überwiegend Vertreter von Wasserversorgern, Prüflaboren und der Industrie – nutzte bei insgesamt 26 Vorträgen und verschiedenen Laborrundgängen die Gelegenheit, sich über aktuelle Themen und Entwicklungen in der Spurenstoffanalytik zu informieren.

Dr. Uwe Dünnbier (Berliner Wasserbetriebe), Dr. Burkhard Westphal (Westfälische Wasser- und Umweltanalytik GmbH) und Dr. Rudi Winzenbacher (Landeswasserversorgung) starteten den Vortragspart am ersten Tag mit ihrer jeweiligen Sicht auf die Herausforderungen einer effizienten Überwachung von Spurenstoffen in Roh- und Trinkwasser. In ihren Vorträgen wurde deutlich, dass sich die LC-HRMS und die LC-MS/MS gegenüber der GC-MS inzwischen deutlich durchgesetzt haben. Trotz der Zufriedenheit mit der Massengenauigkeit und der hohen analytischen Empfindlichkeit sei allerdings die große Auswahl an Trennverfahren und Trennsäulen noch immer eine Herausforderung für die Anwender, so Uwe Dünnbier in Richtung der anwesenden Industrievertreter. Rudi Winzenbachers Appell an die Hersteller ging in eine andere Richtung: Er wünschte sich eine Aufwandsminimierung der Non-Target-Analytik (NTA): Personal- und Gerätekosten seien derzeit noch enorm hoch. (Entsprechendes war übrigens auch von Teilnehmerseite zu hören: Es bilde sich derzeit eine Art „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ unter den Wasserversorgern, da nur die „großen, finanzstärkeren“ sich eine NTA leisten könnten, so eine Teilnehmerin am Rande der Veranstaltung.)

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Nach einem Beitrag von Prof. Dr. Stefan Panglisch von der Universität Duisburg-Essen zu den Möglichkeiten, Grenzen und Entwicklungen von Aktivkohle zur Entfernung von Spurenstoffen aus dem Trinkwasser und zu Alternativen aus nachwachsenden Rohstoffen referierte Heinz Singer (Eawag) über die analytischen Möglichkeiten zum Nachweis von organischen Spurenstoffen wie Trifluoressigsäure (TFA), Glyphosat oder Metformin.

Eingespieltes Orga-Team: (von links) Dr. Wolfgang Schulz, Dr. Rudi Winzenbacher und Dr. Wolfram Seitz (Bild: Thomas Lucke /Zweckverband Landeswasserversorgung).

Datenlage für TFA verbessern
TFA war auch Thema von Lars Richters (Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen): Er berichtete über die Anwesenheit von TFA in Gewässern und Trinkwasser und merkte an, dass es derzeit nach der deutschen Trinkwasserverordnung keinen Grenzwert und auch keine vollständige Bewertung des Stoffes gebe. TFA sei 2016 ein Zufallsfund gewesen und das Ziel sei jetzt die Datenlage zu verbessern. Eine Gesundheitsgefährdung werde derzeit nicht gesehen, jedoch gebiete der Vorsorgegedanke die Sachlage weiter zu verfolgen.

Nach Unternehmenspräsentationen zur Analytik stark polarer und/oder ionischer Pestizide per IC-MS/MS (Dr. Detlev Jensen, Thermo Fisher Scientific), zur Trennung von nicht derivatisiertem Glyphosat und Abbauprodukten mittels LC-MS (Dr. Harald Müller, Phenomenex) und der automatisierten Anreicherung organischer Spurenstoffe in großvolumigen Wasserproben als Vorbereitung für die Chromatographie (Angelika Köpf, LCTech) und dem Einsatz von QSAR in der Bewertung von Spurenstoffen (Dr. Markus Frericks, BASF SE) stand am Nachmittag die wirkungsbezogene Analytik (WBA) im Fokus der Tagung. Prof. Dr. Gertrud Morlock, Justus-Liebig-Universität Gießen, brach in ihrem Beitrag „Perspektiven für die wirkungsbezogene Analytik als behördliches Werkzeug“ eine Lanze für die HPTCL als effektive, kostengünstige und schnelle Analytik. Morlock empfahl die „robuste Chromatographie-Technik“ mit biologischen bzw. biochemischen Assays zu kombinieren, um anschließend nur dort zu analysieren, wo eine Wirkung gemessen worden sei. Sie forderte außerdem, die HPTLC in der Ausbildung und Lehre wieder zu berücksichtigen. Nur so habe die Methode eine Chance künftig in die Normung zu kommen.

Toxizitätsprüfung: Trend hin zu in-vitro
Dr. Tamara Grummt vom Umwelt-Bundesamt erläuterte das Zustandekommen des GOW, dem gesundheitlichen Orientierungs- bzw. Vorsorgewert (und nach Grummts Angaben Platzhalter für einen zukünftigen Wert) für humantoxikologisch nur teil- oder nicht bewertbare Stoffe. Der GOW werde nur dann für einen Stoff erstellt, wenn von außen eine Anfrage komme und die Datenlage ausreichend für die Entwicklung einer In-vitro-Strategie sei, so Grummt. Sie erwähnte in dem Zusammenhang, dass es in der Toxikologie und der Ermittlung der zugehörigen biologischen Endpunkte (Gentoxizität, Neurotoxizität, endokrine Wirkungen/Keimzellschädigung) derzeit einen Paradigmenwechsel gebe: weg von In-vivo- hin zu In-vitro-Versuchen. Neu auch für das Umwelt-Bundesamt sei die Thematik „Mikroplastik-Zell-Interaktionen“. Man wisse heute noch nicht, was es heiße, wenn kleinste Kunststoffpartikel in eine Zelle aufgenommen würden. Der Nachweis sei mit Hilfe der FACS-Methodik möglich, so Grummt, doch für eine humantoxikologische Bewertung fehlten derzeit die Bewertungskriterien.

„Je besser die Analytik, desto schlechter unser Wasser“
Diese Aussage von Prof. Dr. Frieder Haakh (Technischer Geschäftsführer des Zweckverband Landeswasserversorgung) verdeutlichte die Ambivalenz in der Wasseranalytik. Haakh ging zudem auf die bestehenden Herausforderungen an die Wasserversorger ein: Neben der „Unzahl“ organischer Spurenstoffe, einem lückenhaften Monitoring und einer Zufalls-Priorisierung („Schadstoff des Monats“) kritisierte er zu lange Bewertungsverfahren, die lückenhaften gesetzlichen Regelungen und eine fehlende Gesamtstrategie. Er monierte zudem die fehlende Sensibilisierung bei bestimmten Berufsgruppen, Anwendern und der Öffentlichkeit beim Thema Wasserschutz.

Auf die Frage „Wo wollen wir in zehn Jahren stehen“ formulierte er strategische Ziele, wie z.B., dass die Emissionsminderung künftig als gesamtgesellschaftliches Problem gesehen wird und nicht als Problem nur der Abwasserentsorger bzw. Trinkwasserversorger (weitere Ziele s. unten).

Zum Ausklang des ersten Tages brachte Wissenschaftsautor und Psychologe Bas Kast die Teilnehmer in seinem Vortrag zur Kreativität auf gute Ideen, bevor sich das Wasserwerk am Abend in Restaurant und Lounge-Bar verwandelte und Raum fürs Netzwerken bot.

Der zweite Tag startete mit Beiträgen zu optischen Sensoren zur Erfassung von Spurenstoffen (Prof. Dr. Günter Gauglitz, Eberhard Karls Universität Tübingen) und zur modernen Wasser- und Abwasseranalytik mittels GC-MS/MS (Dr. Jochen Türk, Institut für Energie- und Umwelttechnik e.V.). Im Rahmen von Industriekurzvorträgen informierte Dr. Oliver Lerch (Gerstel) über die Analyse prioritärer Substanzen der EU Wasserrahmenrichtlinie in Oberflächenwasser mittels Stir Bar Sorptive Extraction-GC-MS/MS. Dr. Petra Mühlbach (Restek) beschrieb den Spurennachweis von VOCs durch HS/GC-MS und Dr. Thiemo Mennenga (MACHEREY-NAGEL) sprach über die polymerbasierte SPE und ein Vertreter von AB Sciex stellte eine Methode zur modernen Hochauflösung in Form eines LC-MS-Laufs vor.

NTS in der Routine-Analytik
Im letzten Tagungsteil berichtete Thomas Lucke (Landeswasserversorgung) über das F&E-Projekt „Double Active Drink“ und die damit einhergehenden LC-HRMS-Untersuchungen zum Verhalten organischer Spurenstoffe bei der wasserwerksinternen Verwertung beladener Aktivkohle. „Grenzübergreifend“ ging es bei dem Beitrag von Dr. Steffen Ruppe vom Amt für Umwelt und Energie Basel-Stadt. Er stellte die Frage, was im Bereich Non-Target-Screening in der Routine-Überwachung des Rheins möglich sei und beantwortete sie mit eindrucksvollen „Erfolgsstories“ aus der Vergangenheit. Eher im negativen Sinne beeindruckend war Ruppes Hinweis auf die Menge an Diclofenac, die in Basel insgesamt pro Jahr (bei täglichen Messungen) nachgewiesen wird: Es handelt sich seinen Angaben nach um eine ganze Tonne.

Um die Hot-Target-Analytik und die Frage, was als erstes gesucht und analysiert werden soll von den für die Wasserversorgung relevanten Stoffen, ging es noch einmal in dem Vortrag von Dr. Karsten Nödler (DVGW-Techno- logiezentrum Wasser), bevor die Tagung mit einem Überblick über die Suspect- und Non-Target-Analytik mittels LC-IMS-qTOF (Vanessa Hinnenkamp, IWW Zentrum Wasser) und technische Neuerungen für „die Jagd nach MS-Empfindlichkeit“ von Christoph Kuntzsch (Waters) endete. sk


Geplante Veranstaltungen zur Wasser- analytik 2018 und 2019:
7. – 9. Mai 2018: Wasser 2018, Papenburg.
12. – 13. September 2018: 3. Mülheimer Wasseranalytisches Seminar.
2019: Langenauer Wasserforum.


Zielzustand 2027
Organische Spurenstoffe - Gewasserschutz und Trinkwasserversorgung

  • Zur Eintragsminimierung ist ein PDCA-Prozess etabliert. (-> Behörden)
  • "Neue" organische Spurenstoffe werden durch "schnelle", genormte Verfahren erkannt und bewertet. (-> Analytik)
  • Die Emissionsminderung wird Stakeholder-übergreifend als Gesamtstrategie entlang der Effizienzkette umgesetzt. (-> Behörden/Stakeholder)
  • Basis für prioritäre Aktivitäten ist eine "Liste prioritärer (trinkwasserrelevanter) organischer Spurenstoffe". (-> Behörden/WVUs)
  • Es besteht ein umfassender Überblick zur Belastungssituation. (-> Behörden)
  • Für prioritäre org. Spurenstoffe besteht ein Phasing out, auffällige Befunde führen zur Zulassungsprüfung. (-> Gesetzgeber)
  • Die Umweltverträglichkeit ist zulassungsrelevant. (-> Gesetzgeber)
  • Eine umfassende Aufklärung über org. Spurenstoffe, Vorkommen und Anwendung ist etabliert. (-> Verbraucherschutzministerien, Sozialwissenschaften)
  • Wo sinnvoll, werden Spurenstoffe mit Aufbereitungstechnik entfernt. (-> VWU, KA-Betreiber)

VWU = Wasserversorgungsunternehmen / KA = Kläranlagen

Quelle: Präsentation Prof. Dr. Frieder Haakh, Langenauer Wasserforum 2017

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