Labo Online - Analytic, Labortechnik, Life Sciences
Home> Wirtschaft + Wissenschaft> Archiv>

Forschende der Vetmeduni Vienna bestätigen erstmals, dass Toltrazuril wirkungslos gegen ein holländisches Isolat des Ferkel-Durchfallparasiten Cystoisospora suis ist.

VeterinärmedizinResistenz von Ferkel-Durchfallparasit gegen primären Wirkstoff bestätigt

Junge Ferkel unter der Wärmelampe

Leiden neugeborene Ferkel an Durchfall, steckt dahinter häufig der Darmparasit Cystoisospora suis. In betroffenen Betrieben kann sich der Erreger schnell verbreiten und so zu vielen Krankheitsfällen führen. Eine Infektion mit dem Parasiten endet selten tödlich. Sie stört jedoch die Entwicklung der Saugferkel und führt zu einem geringeren Körpergewicht. Da der Infektionsverlauf nicht bei allen Ferkeln gleich ist, ergibt sich innerhalb eines Wurfs ein Ungleichgewicht bei den Tieren nach dem Absetzen, was erhebliche wirtschaftliche Verluste für betroffene Betriebe bedeuten kann. Wenn bakterielle Erreger den bereits durch die Parasiten geschädigten Darm besiedeln, kann es auch zu schweren Erkrankungen der Ferkel bis zum Verlust ganzer Würfe kommen.

sep
sep
sep
sep

Ein konstanter Behandlungsplan mit dem Wirkstoff Toltrazuril hält den Parasiten in europäischen Betrieben seit etwa zwei Jahrzehnten unter Kontrolle. Anders als bei artverwandten Parasiten in Hühnern, gegen die Toltrazuril keine durchwegs gute Wirkung mehr zeigt, waren bislang keinerlei Resistenzen des Schweineparasiten gegen den Wirkstoff bekannt. 2014 berichtete nun ein Betrieb in Holland von einer erhöhten Durchfallrate neugeborener Ferkel trotz der Behandlung. Forschende des Instituts für Parasitologie konnten mit Isolaten des Betriebs erstmals belegen, dass es sich um einen resistenten Stamm des Parasiten handelte.

Anzeige

Durchfall trotz doppelter Dosis der Toltrazuril-Behandlung

Aufgrund des Hinweises des holländischen Betriebes wurden Proben dieses Parasitenstammes, sogenannte Isolate, mit Proben aus Wien verglichen, auf die Toltrazuril die entsprechende Wirkung zeigt. „Zuvor schlossen wir Bakterien und Viren, die ebenfalls Durchfall auslösen könnten, aus. Damit konnten wir sichergehen, dass der Parasit mit hoher Wahrscheinlichkeit Auslöser war“, erklärt Studienleiterin Anja Joachim. Zur Bestätigung der Resistenz verabreichte das Forschungsteam verschiedene Dosen des Wirkstoffes, beginnend mit der vorgeschriebenen Menge von 20 mg/kg.
Alle Ferkel, die mit dem holländischen Isolat infiziert waren, hatten unabhängig von der Dosis bereits ab dem vierten Tag nach der Infektion Durchfall. „Sogar eine Behandlung mit der doppelten Menge erzielte bei diesen Isolaten keine Wirkung“, so Joachim. Neben den Krankheitssymptomen wie Durchfall sind vor allem nachweisbare Entwicklungsstadien ein direkter Hinweis auf den Parasiten. „Dass Toltrazuril wirkt zeigt sich, wenn keine Oozysten, das letzte Entwicklungsstadium des Parasiten, in Kotproben zu finden sind“, erklären Erstautorinnnen Aruna Shrestha und Barbara Freudenschuss.

Finales Entwicklungsstadium des Parasiten im Kot bestätigt Resistenz

Wenn sich der Parasit im Darm weiterentwickelt, bilden sich als Umweltstadium Oozysten, die über den Kot ausgeschieden werden. So verbreitet sich der Erreger im Wurf und auch im Bestand, denn die Oozysten sind hoch infektiös und in der Umwelt sehr lange lebensfähig. Wirkt Toltrazuril, dann sind keine Oozysten in den Ausscheidungen zu finden; der Lebenszyklus des Parasiten ist unterbrochen und eine Weiterverbreitung damit nicht mehr möglich. Der in Holland isolierte Parasit war dagegen in allen Kotproben trotz Behandlung nachweisbar. „Damit konnten wir nachhaltig belegen, dass der Wirkstoff keine Wirkung auf dieses Parasitenisolat hatte. Er ist damit der erste bekannte Cystoisospora suis-Stamm, der nachweislich eine Resistenz gegen Toltrazuril entwickelt hat“, so die Autorinnen.

Bislang wurden wegen des konstanten Behandlungsplans keine regelmäßigen Kontrollen auf eine mögliche nachlassende Wirkung des Medikaments aufgrund von Resistenzen durchgeführt. „Bisher gab es lediglich Verdachtsmomente aufgrund von Berichten aus der Praxis. Allerdings gab uns die stetige Entwicklung resistenter Stämme bei Hühnern Anlass zur Sorge. Mit dem Stamm aus dem Schweinebestand in Holland bestätigte sich unser Verdacht. Resistenzen bei Cystoisospora suis scheinen sich zwar erst langsam zu entwickeln, aber man muss davon ausgehen, dass sie künftig häufiger werden“, erklärt Joachim. Resistenzen gegen Toltrazuril beim Schwein können insofern zum Problem werden, da es derzeit keine praxistauglichen Alternativen zu diesem Wirkstoff beim Schwein gibt. Wenn resistente Parasiten einmal in einem Betrieb auftauchen, gibt es keine Möglichkeit mehr, sie dauerhaft zu eliminieren.

Erhöhte Hygienestandards und Desinfektion als derzeit einzige, schnelle Alternative

Die Empfehlung der Forschenden ist daher eine erhöhte Kontrolle seitens der betreuenden TierärztInnen bezüglich des Auftretens von Durchfall und des Nachweises von Oozysten trotz vorsorglicher Behandlung. „Das kann routinemäßig und relativ einfach durchgeführt werden. Wenn Oozysten im Kot nachgewiesen werden, obwohl Toltrazuril verabreicht wurde, sollten sofort weitere Maßnahmen getroffen werden“, so Joachim. Mit erhöhten Hygienemaßnahmen und vor allem mit chemischer Desinfektion kann die Anzahl von Oozysten in der Umgebung von Ferkeln gering gehalten werden. Das ist wichtig, damit sich resistente Parasiten nicht weiter verbreiten können. Eine konsequente Überprüfung des Behandlungserfolgs bei der Verabreichung von Toltrazuril wird in Zukunft daher für die Kontrolle der Resistenzen unverzichtbar sein.

Publikation:
Der Artikel „Experimentally confirmed toltrazuril resistance in a field isolate of Cystoisospora suis“ von Aruna Shrestha, Barbara Freudenschuss, Rutger Jansen, Barbara Hinney, Bärbel Ruttkowski und Anja Joachim wurde in Parasites & Vectors veröffentlicht.
https://parasitesandvectors.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13071-017-2257-7

Anzeige
Diesen Artikel …
sep
sep
sep
sep
sep

Weitere Beiträge zum Thema

Eichhörnchen mit Pockenvirus-Läsionen (Bild: Gudrun Wibbelt, Leibniz-IZW)

Neue VirenartPockenvirus bedroht junge Eichhörnchen

Ein bisher unbekanntes Pockenvirus verursacht schwere Erkrankungen bei Europäischen Roten Eichhörnchen in Deutschland. Molekulargenetische Untersuchungen zeigen, dass es sich dabei um eine neue Art aus der Familie der Pockenviren handelt.

…mehr
Prof. Dr. Almuth Einspanier und Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt

TiersterbenNeues Verfahren soll massenhaftes Kükentöten beenden

Mit einem neu entwickelten Verfahren zur Bestimmung des Geschlechts von Embryonen im Ei könnte die massenhafte Tötung männlicher Küken bald ein Ende haben. 

…mehr

Weitere Beiträge in dieser Rubrik

Krapfen

Belohnung fürs GehirnDie Kombi ist schuld: Fette und Kohlenhydrate aktivieren Hirnareale besonders stark

Nahrungsmittel, die sowohl reich an Fetten als auch Kohlenhydraten sind, haben einen besonders starken Einfluss auf das Belohnungssystem in unserem Gehirn.

…mehr
Röntgendiffraktogramm

Kollaborative ArbeitsplattformOptimiert für MatWerk: Plattform mit Fokus auf Forschungsdaten

Die kollaborative Arbeitsplattform ScienceDesk führt Forschungsdaten aus verschiedenen Bereichen, Gruppen und Datenbanken zusammen und ist speziell auf die Bedarfe von Materialwissenschaftlern und Werkstofftechnikern ausgerichtet.

…mehr
Jörg Standfuss am Injektor

Optogenetik verbessernBiologischer Lichtsensor in Aktion gefilmt

Mithilfe eines Röntgenlasers hat ein Team unter Leitung von Forschenden des Paul Scherrer Instituts PSI einen der schnellsten Prozesse in der Biologie aufgezeichnet. 

…mehr
Anzeige
Anzeige

Mediadaten 2018

LABO Einkaufsführer

Produktkataloge bei LABO

Produktkataloge zum Blättern


Hier finden Sie aktuelle Blätter-Kataloge von Herstellern aus der Branche. Einfach durchblättern oder gezielt nach Stichwort suchen!

Anzeige

LABO Web-Guide 2016 als E-Paper

LABO Web-Guide 2016

Web-Guide 2016


- Stichwortregister

- Firmenscreenshots

-Interessante Webadressen aus dem Labor

Anzeige

Neue Stellenanzeigen

Jetzt den LABO Newsletter abonnieren

LABO Newsletter abonnieren

Der kostenlose LABO Newsletter informiert Sie wöchentlich über neue Produkte, Lösungen, Technologietrends und Innovationen aus der Branche sowie Unternehmensnachrichten und Personalmeldungen.

LABO bei Facebook und Twitter