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40 Jahre Abwasserabgabengesetz - Wie die Flüsse wieder sauber wurden

40 Jahre AbwasserabgabengesetzWie die Flüsse wieder sauber wurden

Im Kampf gegen die Gewässerverschmutzung erwies sich das „Gesetz über Abgaben für das Einleiten von Abwasser in Gewässer“ (Abwasserabgabengesetz – AbwAG) vom 13. September 1976 als hilfreiches Mittel. Ein Rückblick und Beispiele von Konsequenzen für die heutige Wasseranalytik. 

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40 Jahre Abwasserabgabengesetz: Wie die Flüsse wieder sauber wurden

Am 19. Juni 1969 starb der Rhein. Wie das? Schließlich behaupten Basler, Ludwigshafener, Kölner und Düsseldorfer nach wie vor, ihre Stadt liege an diesem Strom, und eine Suche bei Google ergibt mehr als 68.000.000 Treffer für das Suchwort „Rhein“. „Fake news“ also? Nein, der Satz stammt aus einem Beitrag des Deutschlandfunks vom 11. Juni 2008 zur Erinnerung an das große Fischsterben im Rhein vom 19. Juni 1969. An diesem Tag bewegte sich eine Giftwelle flussabwärts, und vom Binger Loch an trieben Tonnen toter Fische den Strom hinunter, deren stinkende Kadaver massenweise die Ufer bedeckten. Spätestens jetzt wurde klar, dass die mahnenden Worte, die schon seit Jahren von Umweltschützern, aber auch von den Betreibern vieler Wasserwerke in der Nähe von Flüssen zu vernehmen waren, ihre Berechtigung hatten.

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Ein Besinnungsprozess setzte ein – denn: Ein Großteil des Trinkwassers in Deutschland wird aus Oberflächenwasser und Grundwasser, häufig auch aus Uferfiltraten der Flüsse, gewonnen. Vor allem letztere waren schon seit Jahren von bedenklicher Qualität. Man begann nun vermehrt mit dem Bau oder der Umrüstung mehrstufiger Kläranlagen mit biologischer Klärstufe, setzte engere Grenzwerte für die Schadstoffeinleitung und verschärfte die Gesetzeslage.

AOX-Säulenverfahren

Kampfansage an die Gewässerverschmutzung: Das Abwasserabgabengesetz
Als besonders wirksames Mittel im Kampf gegen die Gewässerverschmutzung erwies sich das „Gesetz über Abgaben für das Einleiten von Abwasser in Gewässer“ (Abwasserabgabengesetz – AbwAG) vom 13. September 1976. Das Abwasserabgabengesetz begründet und regelt die Pflicht zur Zahlung von Abgaben für das Einleiten von Abwasser (Schmutzwasser, Niederschlagswasser) in Gewässer. Schmutziges Abwasser kann dabei sehr teuer werden. Nach § 3 AbwAG bemisst sich die Höhe der Abgaben nach der Schädlichkeit des Abwassers. In der aktuellen Fassung des AbwAG vom 1. Juni 2016 findet sich in der Anlage zu § 3 die Auflistung und Bewertung der Analyseparameter, die als Bemessungsgrundlage dienen (Tabelle 1).

Fehlerhafte Probennahme mit Folgen
In jedem Fall steht vor der Analytik im Labor die ordnungsgemäße Probennahme vor Ort. Viele kennen es aus den US-Fernsehserien zum Thema „CSI“ (CSI = Crime Scene Investigation, hierzulande, weniger mondän, „Spurensicherung“): Wenn die TV-Helden vor etwas Angst haben, dann davor, dass Sie vor Gericht „gegrillt“ werden, weil ihnen der gegnerische Anwalt unsachgemäße Spurensicherung (Probennahme) und Probenlagerung nachweisen kann.

Abwasserabgabengesetz

Nicht anders ist es auch bei der Probennahme von Abwasser für die einzelnen Analysen. Von einer Analysenprobe verlangt man, dass sie die Zusammensetzung des gesamten Materials repräsentiert, dem sie entnommen wurde. Fehler bei der Probennahme lassen sich durch keine noch so sorgfältig ausgeführte Analyse ungeschehen machen.

So entschied z.B. das Verwaltungsgericht Aachen in einem Urteil zum Abwasserabgabengesetz vom 20. April 2001 (7 K 3927/95), dass eine fehlerhafte Probennahme einen Abgabenentscheid rechtswidrig machen kann. (Hier handelte es sich immerhin um einen Bescheid über 19,5 Millionen DM.)

Was war geschehen? Die Durchmischung (Homogenisierung) der Probe hätte in diesem Fall nach DIN DEV 38402-A30 in einem Homogenisierungsgefäß mit Hilfe eines Magnet-rührers mit vorgeschriebener Geschwindigkeit durchgeführt werden müssen. Stattdessen hatten die Probennehmer die Probe von Hand mit einem Rührstab gerührt.

Jürgen Behr

Summenparameter für die Analytik
Die DEV (Deutsche Einheitsverfahren zur Wasser-, Abwasser- und Schlammuntersuchung) sind eine seit 1960 herausgegebene Loseblattsammlung von Arbeitsvorschriften zur Wasser-analytik und haben sich zum Standardwerk dieses Fachgebiets entwickelt. Hier finden sich auch die meisten Vorschriften der Spalte „Verfahren zur Bestimmung der Schädlichkeit des Abwassers“ im Anhang zu § 3 AbwAG. So schreibt das AbwAG z.B. für die Ermittlung des Chemischen Sauerstoffbedarfs (CSB) als Analyseverfahren die DIN DEV 38409-H41 vor: Der CBS ist als Summenparameter ein Maß für die Summe aller im Wasser vorhandenen, unter bestimmten Bedingungen oxidierbaren Stoffe. Er dient allgemein als Beurteilung für Schadstoffe, die ins Abwasser abgegeben (g/kg Produktmenge) oder die in einem Zeitraum entsorgt wurden (t/a, Tonnen pro Jahr). Zulässig als Ermittlungsgrundlage im Sinne des AbwAG ist dabei also ausschließlich das sog. „Titrationsverfahren“ nach DIN DEV 38409-H41. Der „Küvettenschnelltest“, häufig gebraucht zur Eigenüberwachung des CSB auf Kläranlagen ohne geschultes Laborpersonal, ist für die Abgabenbemessung nach AbwAG rechtlich nicht zulässig.

Ein weiterer Summenparameter des AbwAG ist der AOX (Adsorbierbare organisch gebundene Halogene). Hier schreibt das Gesetz die Bestimmung nach DIN EN ISO 9562 (DEV H14) vor. Dabei werden die organisch gebundenen Halogene (Chlor-, Brom- und Iodverbindungen) in der Probe entweder durch Ausschütteln in Gegenwart von Aktivkohle (Schüttelverfahren) oder mittels Durchspülen der Probe durch ein mit Aktivkohle gefülltes Glasrohr (Säulenverfahren) an der Aktivkohle adsorbiert. Anschließend wird die Aktivkohle in einem Sauerstoffstrom bei Temperaturen von etwa 1000 °C verbrannt: Es entstehen vor allem Wasser, Kohlendioxid, Stickstoffoxid, Schwefeldioxid und die gewünschten Halogenwasserstoffe. Das im Verbrennungsprozess entstehende Wasser wird in einer Trockenfalle mit Schwefelsäure gebunden und eine Essigsäurelösung fängt die restlichen Gase auf. Die Messung erfolgt dann durch mikrocoulometrische Titration; das Ergebnis wird in µg/l Cl angegeben.

Diese beiden Summenparameter mögen als Beispiel genügen. Auch für Einzelparameter wie Nitrat, Nitrit, Ammoniumstickstoff, Phosphor und diverse Metalle schreibt das Abwasserabgabengesetz die Analysenmethode genau vor. Immer regeln diese Methoden das komplette Verfahren: von der Probennahme über die Probenvorbereitung bis zur endgültigen Analyse. Unabdingbare Voraussetzung für eine ordnungsgemäße Analytik im Sinne des Abwasserabgabengesetzes ist immer die Verwendung von Laborgeräten, die durch ihre Konstruktion und Arbeitsweise die Einhaltung der jeweiligen Norm garantieren.

Holländische Chemiker fanden 1969 übrigens den Grund für das „Rheinsterben“ vom 16. Juni: das Insektenbekämpfungsmittel Thiodan. Den Verursacher dagegen fand man nie. sk 

Jürgen Behr
behr Labor-Technik GmbH

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