Fachbeitrag

BioRegionen in Nordrhein-Westfalen

Clusterpolitik zur Stärkung und besseren Nutzung von Potenzialen
Bild 2: Verfahrensschema Greaseoline.


Richard E. Schneider*)

  1. Freier Wissenschaftsjournalist, Brunnenstr. 16, 72074 Tübingen, Tel. 07071/253015.


In insgesamt 16 Felder ist die Clusterpolitik im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen aufgeteilt. Hier bildeten sich seit den 1990er Jahren fünf große Bio-Regionen unter Schirmherrschaft der BIO.NRW heraus: Bioriver – Live Science im Rheinland e.V., BioCologne e.V., Life Tec Aachen-Jülich e.V. sowie Bionanalytik Münster. Zentrale Anlaufstelle für Informationen und Kooperationen ist das Büro der BIO.NRW in Düsseldorf.

Mit dem 14 000 m2 großen Biozentrum Dortmund, dessen 4,2 Mio. Euro teurer vierter Erweiterungsbau von fünf Biotech-Firmen bezogen wurde, verfügt das Bundesland mitten in Europa „über das erfolgreichste Technologiezentrum Deutschlands“, wie OB Dr. Gerhard Langemeyer in einer Rede hervorhob. Die im September 2008 beginnende Wirtschafts- und Finanzkrise hat der Biotechnologie in Deutschland nicht wesentlich geschadet. Kleinere Biotech-Unternehmen gerieten zwar öfter als zuvor in finanzielle Engpässe, so das BMBF in einer Stellungnahme, doch könne die Bundesregierung mit geeigneten Finanzierungsinstrumenten wie der bundeseigenen KfW dieser Gefahr begegnen sowie mit neuen Förderwettbewerben in Höhe von 150 Mio. Euro diese Tendenz abschwächen. NRW-spezifisch ist der Bio-Förder-Wettbewerb BIO.NRW, dessen Motto „Stärken stärken“ die Landesregierung im letzten Trimester 2009 ausgab. Die besten Ideen für innovative Biotechnologie an der Schnittstelle von Biotechnologie und molekularer Medizin sind gefragt und werden mit finanziellen Programmen gefördert. Eine unabhängige Jury wählt aus den eingereichten Arbeiten in Industrie, Forschungs-Instituten und Hochschulen aus.

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Mit der Feststellung „Biomedizin ist ein Feld, das sich in den nächsten Jahren enorm entwickeln wird,“ stärkt Guido Baranowski, Leiter des Dortmunder Technologiezentrums die Zukunftserwartungen an Rhein und Ruhr und weiß: „Die Branche ist im Aufwind!“ So fand erstmals auf der europaweit größten Medizin-Fachmesse „Medica“ am 19.11.09 ein Innovationsforum statt, auf dem junge Biotechnologie-Unternehmer mit Krankenkassen- und Klinikvertretern besprachen, wie wichtige, geldwerte Innovationen noch schneller aus der Forschung in die medizinischen Labors und Kliniken gelangten, wo sie zu großen Einsparungen führen können.

Der Businessplan Wettbewerb Medizinwirtschaft, den die Startbahn MedEconRuhr GmbH betreut, ging am 1.8.2009 an den Start. Ziel ist es, „den Aufwuchs wachstumsstarker Unternehmen aus der Medizinwirtschaft zu stärken und ein Netzwerk aufzubauen.“ Und das Kompetenznetz Bio Security e.V. der BioIndustry e.V., Boenen, bietet start-ups sowie jungen Firmen der Argrar- und Nahrungsmittelbranche vielfältige Unterstützung bei neuen Geschäftsideen oder Forschungsprojekten.

Industrie + Forschung

Mit 170 niedergelassenen Biotechnologie-Unternehmen ist das bevölkerungsreichste Bundesland bundesweit Spitze. Hier sind in dezidierten Biotech-Firmen 6100 Menschen tätig. Alteingesessene Chemie- und Pharmaunternehmen wie Bayer AG, Dr. Madaus, Henkel oder Rhone-Poulenc-Rorer beflügelten überdies die Phantasie ansiedlungswilliger Biotechnologen. Bayer kooperiert mit mehreren jungen Biotech-Firmen in der biomedizinischen Forschung und Entwicklung. Weiter ist in NRW ein bedeutender wissenschaftlicher Background für die Forschung gegeben: An elf Universitäten und sechs Fachhochschulen des Landes wird gelehrt und geforscht. Dazu kommen sieben Max-Planck-Institute, vier Leibniz-Institute, zwei Forschungsstätten der Helmholtz-Gesellschaft sowie CAESAR (Center of Advanced European Studies and Research). Sie alle forschen im Bereich Biotechnologie/Life Science. Die Universitäten Dortmund, Bielefeld und Düsseldorf starteten am 1.4.2009 eine gemeinsame Doktoranden-Ausbildung „Industrielle Biotechnologie.“ Die 84 Plätze sind mit einem Stipendium von 1500 Euro monatlich verbunden. Daneben werden in unmittelbarer Nähe von Unis sog. Inkubatorzentren eröffnet. Bereits 20 rheinländische BioRiverParks bieten Firmengründern und Biotech-Unternehmen über 200 000 m2 Gesamtfläche, davon 70 000 m2 für Labors.

Dazu verfügt NRW nach eigener Aussage über die dichteste und vielseitigste Forschungslandschaft Europas. Es gibt hier in unmittelbarer Nachbarschaft zu Forschungseinrichtungen rund 60 Technologiezentren, die den Technologietransfer von der Idee bis zur Vermarktung unterstützen. Sie befassen sich auch mit der Frage der Anmietung von Labor- und Büroräumen, der Kontaktvermittlung sowie der Beratung bei Fördermittel-, Existenzgründungs- und Ansiedlungsfragen.

Als NRW-eigene Hochschul-Patentvermarktungsagentur reicht PROvendis neue Spitzentechnologien an die einheimische Wirtschaft weiter.

Cluster, Wettbewerbe, Netzwerke...

Die Biotechnologie hat sich hier in den letzten Jahren stärker regional diversifiert, um Kompetenzen zu stärken, zu bündeln und um Synergieeffekte zu nutzen. Ziel ist es, so Bio NRW e.V., die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und akademischen Institutionen zu stärken. Als herausragendes Beispiel einer solchen PPP (Public Private Partnership) sei die Kooperation des erst 2003 gegründeten Unternehmens FkuR Kunststoff GmbH, Willich, mit dem Fraunhofer-Institut UMSICHT (Umwelt, Sicherheits- und Energietechnik), Oberhausen, genannt, die gemeinsam Biokunststoffe entwickeln und herstellen.

Bio-Rohkunststoffe werden erst durch Compoundieren sowie die Auswahl der passenden Additive für die jeweilige Anwendung maßgeschneidert. FkuR Kunststoff GmbH bietet sowohl wiederabbaubare Kunststofffolien für Lebensmittel-Verpackungen, Abfallsäcke, Windel- und Agrarfolien als auch langlebige thermoresistente Biokunststoffe an, die durch Spritzgießverfahren hergestellt werden. Sie finden in der Auto-, Bau-, Möbel- und Spielzeug-Industrie sowie in der Medizintechnik Eingang. Nach Aussage von FkuR steigt die Nachfrage nach wiederabbaubaren Kunststoffen ungebremst an und beschert dem jungen Unternehmen Wachstumsraten von 50 % p.a. Als zeitgemäße Vorteile der unter dem Handelsnamen „Biograde“ vertriebenen Zelluloseester-Compounds werden genannt:

  • Bis 100 % natürliche Rohstoffe.
  • Holz aus europäischen Wäldern.
  • Formbeständigkeit bis 122 °C.
  • Spritzgießfähig.
  • Thermoformbar auf Tiefziehmaschinen.

Die regionalen Kompetenz-Netzwerke BioCologne e.V., BioIndustry e.V., BioRiver e.V., Bio-Tech-Region OstWestfalenLippe e.V., LifeScienceNet Düsseldorf, LifeTecAachen-Jülich e.V. und Bioanalytik-Münster haben sich im Dachverband der Biotechnologie Industrie Organisation (BIO.NRW e.V.) organisiert. Deutschlandweit agiert das Cluster Industrielle Biotechnologie e.V. CLIB 2021 als thematisch fokussiertes Netzwerk mit Sitz in Nordrhein-Westfalen. Dazu NRW-Innovationsminister Pinkwart: „In den vergangenen Jahren ist es uns gelungen, eine Vielzahl von Spitzenforschungseinrichtungen neu in Nordrhein-Westfalen anzusiedeln. Mit den Clustern sowie den Cluster-Wettbewerben wird es für innovative Wissenschaftler und Unternehmen noch reizvoller, in NRW zu forschen“. Bisher seien 33 Cluster-Wettbewerbe durchgeführt worden, für die 1898 Projektskizzen eingereicht und 448 durch Juryentscheid zur Förderung vorgeschlagen wurden.

Vier Landesministerien (Wirtschaft, Innovation, Umwelt und Naturschutz sowie Arbeit) und die Düsseldorfer Staatskanzlei steuern die Kooperationen von Privatunternehmen, staatlichen Forschungseinrichtungen und öffentlicher Hand. Die 16 Branchen- und Technologiefelder werden demnach von Experten beaufsichtigt, die ihnen eine spezielle Dynamik und überdurchschnittliches Wachstum verleihen sollen. Sie garantieren auch ein professionelles Cluster-Management.

Führende Rolle: Bio-Gen-Tec-NRW

Das Kompetenznetz Bio-Gen-Tec-NRW, Köln, wurde Ende 1996 gegründet. Es bietet unter www.bionity.com eine Informationsplattform für die ihm angeschlossenen Firmen. Bisher wurden von Bio-Gen-Tec als zentraler Anlaufstelle 103 Mio. Euro Fördergelder vom NRW-Wirtschaftsministerium und 49 Mio. Euro vom BMBF Berlin weitergegeben an Neugründungen oder Erweiterungen bereits bestehender Biotech-Unternehmen in NRW. Eines der größten Biotech-Unternehmen Deutschlands und wohl auch Europas befindet sich am Rhein: Qiagen NV., Hilden, ein spin-off von Max-Planck-Wissenschaftlern für DNA-Diagnostik, das mit ca. 3000 Mitarbeitern in 30 Ländern Ende 2009 die Milliarden-Euro-Umsatzgrenze erreichte. Qiagen, das erneut mit zweistelligen Umsatz- und Gewinnzahlen wuchs (inkl. Firmenaquisitionen), präsentierte im letzten Trimester 2009 ein neues, selbst entwickeltes Testkit für die Schweinegrippe. Es wurde u.a. nach Saudi-Arabien verkauft. Mit dem US-Pharmahersteller Merck & Co. kooperiert Qiagen bei den neuen HPV-Impfungen, die auch Frauen in der 3. Welt vor Gebärmutterhalskrebs schützen sollen. Während Merck & Co. mit Gardasil kostenlos 5 Mio. Impfstoff-Dosen gegen HPV-Erkrankungen bereitstellt, bietet Qiagen kostenfrei 1 Mio. Testkits des digenen HC2 HPV-DNA-Tests in Drittweltländern an.

Ein anderes bedeutendes Biotech-Unternehmen ist Miltenyi Biotec, Bergisch-Gladbach, 1989 gegründet. Es beschäftigt heute 1100 Mitarbeiter in 18 Ländern. Hier wurde die MACS-Technology entwickelt, die heute den Goldstandard der magnetischen Zellteilung darstellt. Miltenyi Biotec erforscht und entwickelt neue Reagenzien und Instrumente für die Immunologie, die Zell- und Molekularbiologie, die Stammzell-Technologie und entwickelt die Bioinformatik. Rhein-Biotech GmbH, Düsseldorf, heute eine Tochter der US-Dynavax Technologies, Spezialist für die Durchführung klinischer Medikamenten-Studien, ist ein Impfstoff-Spezialist. Rhein-Biotech hält die Patentrechte an der polymorphen Hefe-Expressionstechnologie mit Hansenula, die als Basis für die Herstellung rekombinanter Impfstoffe sowie für andere rekombinante biopharmazeutische Produkte von anderen Pharmaherstellern genutzt wird.

In NRW existieren ca. 130 reine Biotech-Unternehmen, wobei in der BioRegio Rheinland fünf der zehn bundesweit größten Biotech-Unternehmen angesiedelt sind. Hier betreibt auch die alteingesessene chemische und pharmazeutische Industrie extensive Forschung, wie BAYER Pharma in Leverkusen, Bayer-Polymere in Dormagen und Bayer-Pflanzenschutz oder die Degussa in Marl. Die bekannten Pharmaunternehmen Rhône-Poulenc-Rorer GmbH und der Phytopharmaka-Hersteller Dr. Madaus sind in Köln, Grünenthal in Stolberg angesiedelt. Mit dem Waschmittelhersteller Henkel ist ebenfalls ein Weltunternehmen, fast naturgemäß, in neue biotechnologische Produkte und Herstellungsverfahren involviert. Der traditionsreiche Waschmittelhersteller publiziert seit mehreren Jahren neben Firmenergebnissen eine Nachhaltigkeitsbilanz, in der die Umweltkennzahlen pro Tonne Produkt bekannt gegeben werden. Hier werden die Reduzierung der Abwasserbelastung, des Kohlendioxid-Ausstoßes, des Energieverbrauchs, flüchtiger organischer Verbindungen sowie der Schwermetalle und des Abfallvolumens bekannt gemacht. Bei Cognis, Düsseldorf, das 1999 aus der Chemiesparte von Henkel hervorging und inzwischen einen Jahres-Umsatz von 3 Mrd. Euro erzielt, entwickelt der Geschäftsbereich Functional Products Innovationen auf Basis der „grünen Chemie“, z.B. umweltverträgliche Inhaltsstoffe, neue chemische Formeln für Beschichtungen, Schmierstoffe, Farben und Pflanzenschutzmittel.

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