Labo Online - Analytic, Labortechnik, Life Sciences

Bio-Cluster und ApplikationenPolymer-Mikrosphären in Impfstoffen

Verbesserte Immunantwort durch Formulierungen aus Antigenen und Immunstimulanzien
sep
sep
sep
sep
Bio-Cluster und Applikationen: Polymer-Mikrosphären in Impfstoffen


Dr. Barbara Brauckmann*)

  1. ETH Zürich, Departement Chemie und Angewandte Biowissenschaften, www.galenik.ethz.ch


Ein Forschungsschwerpunkt der Arbeitsgruppe „Drug Formulation and Delivery“ des Instituts für Pharmazeutische Wissenschaften (IPW) der ETH Zürich befasst sich mit Impfstoff-Formulierungen. Die von den Wissenschaftlern entwickelten bioabbaubaren Partikel können als Adjuvans die Immunantwort in Gang setzen, den Kontakt des freigesetzten Antigens mit dem Körperabwehrsystem verlängern und so möglicherweise auch die Zahl der notwendigen Wiederholungsimpfungen reduzieren. Um zu prüfen, inwieweit sich verbesserte Impfstoffe künftig auch gegen Allergien, Krebs oder degenerative Krankheiten einsetzen lassen, werden derzeit spezifisch zusammengesetzte Mikro- und Nanopartikel getestet.
Anzeige

Bei einer Impfung wird eine Infektion gegen einen Erreger nachgeahmt, um den Körper zur Produktion von Abwehrstoffen (Antikörper) zu veranlassen. Dazu wird das Immunsystem angeregt, bei einer zweiten Konfrontation mit dem Erreger diesen mit T- und B-Zellen wirkungsvoll und schnell an einer Ausbreitung zu hindern. Nach einer Aktivierung durch das (Impf)-Antigen wandern B-Zellen in die B-Zell-Follikel, wo sie mit Hilfe von Antigen-spezifischen CD4+-Helfer-T-Zellen ihre Bindungseigenschaften durch Affinitätsreifung optimieren, zunächst IgM- und dann IgG-Immunglobuline (Antikörper) produzieren und zu langlebigen Gedächtnis-B-Zellen und Plasmazellen werden. Die Aktivierung von T-Zellen erfolgt nach Erkennung des Impf-Antigens auf Antigen-präsentierenden Zellen in den T-Zell-Arealen von Milz und Lymphknoten. Am Ende einer akuten Immunantwort sterben die meisten aktivierten T-Zellen ab. Ein geringer Teil überlebt jedoch und bildet Gedächtnis-T-Zellen, die bei erneutem Kontakt mit dem Erreger wieder aktiviert werden können. Dieser aktive Impf-Prozess dauert in der Regel mindestens ein bis zwei Wochen und hinterlässt Antikörper, die über Jahre oder sogar lebenslang wirksam sind.

Bereits in der Gebärmutter werden mütterliche Antikörper auf das ungeborene Kind übertragen. Neugeborene sind daher schon vor der Geburt in der Lage, Erreger-spezifische T-Zell-Antworten und T-Zell-abhängige B-Zell-Antworten gegen Proteinantigene zu generieren. Die Fähigkeit, Antikörper gegen T-Zell-unabhängige B-Zell-Antigene zu bilden, entwickelt sich hingegen erst im Verlauf des zweiten Lebensjahrs. Sie ist abhängig von einer bestimmten Population von B-Zellen (Marginal-Zonen-B-Zellen, IgM-Memory-B-Zellen), die in der Milz heranreifen.

Je nach Erregerspektrum werden unterschiedliche Impfstoffarten eingesetzt, die den Erreger wirksam neutralisieren. Vereinfacht beschrieben sind Lebend-Impfstoffe mit lebenden, abgeschwächten Mikroorganismen versetzt, Tot-Impfstoffe mit inaktivierten, kompletten Mikroorganismen und sogenannte Subunit-Vakzine mit gereinigten Bestandteilen aus Infektionserregern. Lebendimpfstoffe enthalten meist nur wenige, vermehrungsfähige Erreger, die durch verschiedene Verfahren attenuiert (abgeschwächt, nicht mehr krank machend) wurden. Lebendimpfstoffe werden beispielsweise gegen Masern, Mumps, Röteln und Tuberkulose eingesetzt. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie die echte Krankheit zufriedenstellend nachahmen und dadurch eine wirksame, lang anhaltende Immunität aufbauen. Jedoch kann es in seltenen Fällen zu unangenehmen bis ernsthaften Nebenwirkungen kommen.

Als historisches Datum für die Einführung der Impfung gilt das Jahr 1796, als sich Edward Jenner entschloss, die Pustel einer an Kuhpocken erkrankten Milchmagd zu öffnen und die austretende Flüssigkeit in den Arm eines gesunden Schuljungen zu ritzen. Der englische Landarzt hatte beobachtet, dass Bauern, die mit der Pustel-Lösung kuhpockeninfizierter Kühe (vacca = die Kuh) in Berührung kamen, bei auftretenden Pocken-Epidemien nicht erkrankten. Der Impfschutz war bestätigt, als der Knabe auch nach einer Injektion mit menschlichem Pockenvirus (Variola) gegen den Ausbruch der Krankheit immun blieb.

Derartige Erkenntnisse ließen sich für „passive“ Impfungen ausnutzen, bei der Antikörper gegen spezifische Erreger gespritzt werden, die von zuvor aktiv geimpften Menschen oder Tieren stammen. Solche sofort wirksamen Immunglobuline werden meistens dann verabreicht, wenn sich der Körper bereits mit dem krank machenden Erreger infiziert hat und für eine eigene aktive Immunisierung nicht mehr genügend Zeit bleibt. Allerdings werden die Immunglobuline vom Körper abgebaut, so dass der Impfschutz einer passiven Impfung nur maximal drei Monate andauert.
Bei einer Simultanimpfung wird versucht, einen schnell einsetzenden Sofortschutz durch eine passive Impfung und die lang anhaltende Dauerimmunität durch eine aktive Impfung zu erreichen. Booster-Impfungen sind immer dann nötig, wenn der Pool an Gedächtniszellen vergrössert und deren Aktivierungsstatus aufrecht erhalten werden muss.

Sichere Impfstoffe

Durch Inaktivierungen von Bakterien und Viren gelang es, sicherere Impfstoffe herzustellen. Totimpfstoffe bestehen aus nicht mehr vermehrungsfähigen Erregern, die durch Behandlung mit Chemikalien wie Formalin oder Glutaraldehyd oder aber durch Hitze inaktiviert wurden. Totimpfstoffe kommen bei der Impfung gegen Keuchhusten, Grippe, Hepatitis A, Tollwut oder Zecken-Hirnhautentzündung zum Einsatz.

Oft genügt es bereits, dem Immunsystem nur einen oder wenige charakteristische Bestandteile eines Krankheitserregers (Subunits) zu präsentieren, um die Produktion von Antikörpern anzuregen. Typische Bestandteile sind toxische Stoffwechselprodukte von Bakterien und Oberflächenmoleküle von Viren oder Bakterien. Toxine finden als Impfstoffe Verwendung, wenn nicht der Erreger, sondern sein Gift die Krankheitserscheinungen hervorruft. Dabei handelt es sich um aus Bakterienkulturen gewonnene, chemisch inaktivierte Eiweiße, die als Toxoide in Impfstoffen beispielsweise gegen Diphtherie, Tetanus oder Keuchhusten verwendet werden. Für Impfstoffe geeignete Oberflächenmoleküle bestehen aus Eiweißen oder Mehrfachzuckern.

Bakterielle Kapselpolysaccharide müssen an Trägerproteine gekoppelt werden (Konjugat-Vakzine), da die T-Helferzellen des menschlichen Immunsystems Polysaccharide nur schlecht oder gar nicht erkennen und daher nur eine vorübergehende und unvollständige Immunantwort hervorrufen. Typische Trägermoleküle von Konjugat-Vakzinen sind beispielsweise Diphtherie- oder Tetanus-Toxoide. Schwach immunogene Proteine und Peptide können aber auch in Nano- und Mikropartikel oder Membranvesikel eingebettet werden, um ausreichende Immunreaktionen hervorzurufen.

Ist ein immunologisch wirksames Proteinantigen von der Oberfläche eines Erregers identifiziert und sein genetischer Bauplan aufgeklärt, so kann die entsprechende DNA biotechnologisch in Hefe- oder Bakterienkulturen kloniert und zum Aufbau des Antigen-Eiweißmoleküls genutzt werden. In bestimmten Fällen werden die Gene auch durch die Ausschaltung oder Modifizierung weiter abgeschwächt.

Vorteile solcher rekombinanten Impfstoffe wie gegen Hepatitis B oder das humane Papilloma-Virus sind niedrige Produktionskosten, lang anhaltende und breite Immunität, Hitzestabilität, sowie eine voraussichtliche Verträglichkeit auch bei immungeschwächten Patienten und Schwangeren. Doch muss bei diesen Impfstoffen ebenfalls sichergestellt sein, dass keine Autoimmun- oder Entzündungsreaktionen auftreten.

Hilfsstoffe

Wenn inaktivierte Mikroorganismen und Subunit-Antigene (Proteine, Peptide, Nukleinsäuren) keine effizienten Immunantworten auslösen, wird ein Zusatz von Hilfsstoffen notwendig. Seit über 80 Jahren werden Tot- und Subunit-Impfstoffen wasserunlösliche Aluminiumsalze wie Al-Hydroxid oder -Phosphat als Adjuvans zugesetzt. Dabei adsorbieren die abgetöteten Organismen wie Hepatitis-A-Virus oder aufgereinigte Proteine wie Tetanus- und Diphtherie-Toxoide an das unlösliche Aluminiumsalz. Warum Aluminiumsalze die Immunantwort verbessern, wird vor allem darauf zurückgeführt, dass die als Phagozyten bezeichneten Fresszellen vermehrt angelockt und aktiviert werden, was die nachfolgende Antigenpräsentation an T-Zellen bewirkt. Außerdem bilden die Aluminiumsalze an der Einstichstelle eine Art Depot, aus dem das Impf-Antigen über einen längeren Zeitraum in kleinen Mengen freigesetzt wird und so den Kontakt des Antigens zum Immunsystem verlängert.

Das „Komplette Freunds-Adjuvans“ (KFA) enthält drei Hauptbestandteile, die eine starke Immunstimulierung, aber auch Nebenwirkungen auslösen. Die Stimulierung ist teilweise auf die darin enthaltenen hitzeinaktivierten Mykobakterien zurückzuführen. Die weiteren Komponenten sind nicht-metabolisierbares Paraffinöl und der Emulgator Arlacel A, der eine stabile Wasser-in-Öl-Emulsionsbildung zwischen wässriger Antigenlösung und Paraffinöl ermöglicht. Wie die unlöslichen Aluminiumsalze lockt diese Emulsion Fresszellen an und vermittelt den Depoteffekt. KFA löst Entzündungsherde, Abszesse und Granulome aus, sowie manchmal auch Fieber, so dass es nicht am Menschen, sondern nur in bestimmten Tierexperimenten angewendet werden darf. Geringere Nebenwirkungen ruft das Inkomplette Freunds-Adjuvans (IFA) hervor, dem die Mykobakterien fehlen.
Inzwischen enthalten Adjuvantien auch Substanzen wie Saponine und daraus hergestellte immunstimulierende Komplexe, nichtionische Block-Copolymere oder rekombinante Zytokine wie Interleukine oder Gamma-Interferon. Dabei dokumentieren Versuchsergebnisse, dass Interleukin-12 als Adjuvans gezielt eine Immunantwort der T1-Helferzellen stimuliert, während Aluminiumverbindungen Th2-Antworten fördern.

Ein gereinigtes Derivat von Lipopolysacchariden aus Bakterienzellwänden, das Monophosphoryl-Lipid A (MPL-A), wird als Adjuvans in einem speziellen Impfstoff gegen Hepatitis B mit einem Aluminiumsalz zu einem Komplex kombiniert. Der Impfstoff induziert höhere Antikörpertiter, setzt jedoch auch eine zellvermittelte Immunantwort in Gang, die nicht nur mehr, sondern auch spezifischere Antikörper bildet, die zu einer länger anhaltenden Virus-Neutralisations-Kapazität führen. Eine ähnlich wirksame Kombination besteht aus einer Öl-in-Wasser-Emulsion, Monophosphoryl-Lipid (MPL) und einem aus der Rinde des südamerikanischen Baumes Quillaria saponaria gewonnenen Saponin.

Inzwischen werden neue Träger- und Applikationssysteme für Impfstoffe entwickelt, die an mukosalen Oberflächen (Nase, Verdauungstrakt) oder über die Haut verabreicht werden und so zu einer effizienten Immunantwort führen können. Entscheidend für die Anwendung aller neuen Adjuvantien und Träger- oder Applikationssysteme ist wiederum, dass keine Nebenwirkungen wie Schwellungen an der Einstichstelle, Unwohlsein, Fieber oder andere unerwünschte Effekte auftreten.

Mikro- und Nanopartikel

Zu den innovativen Impfstoffträgern gehören bioabbaubare Mikro- und Nanopartikel, die Antigene in einer Matrix aus polymeren oder anorganischen Materialien enthalten. Diese Partikel (Bild 1) weisen Durchmesser von einigen Nanometern bis wenigen Mikrometern auf. Mit der Auswahl geeigneter Matrixmaterialien lassen sich die physikalischen und chemischen Eigenschaften gezielt beeinflussen und so Wirksubstanzen wie Arzneistoffe oder Antigene langsam und zeitlich kontrolliert durch Diffusion und Bioabbau der Matrix freisetzen. Dabei dürfen die Partikel und ihre Abbauprodukte nicht toxisch sein. Die Matrix kann außerdem die Lagerstabilität von Wirkstoffen erhöhen und unerwünschte Wechselwirkungen zwischen mehreren Komponenten vermindern oder ganz ausschalten. Daher konzentriert sich die Forschungsgruppe „Drug Formulation and Delivery“ der ETH auf solche Trägersysteme. Die bioabbaubaren Mikro- und Nanopartikel werden aus unterschiedlichen, oft kombinierten Materialien wie Poly (D,L-Lactid-co-Glykolid), Chitosan oder Protamin hergestellt. Die Matrix wird nach subkutaner oder intramuskulärer Injektion in wenigen Wochen durch Hydrolyse abgebaut und gibt den Impfstoff kontinuierlich oder in Schüben frei (Bild 2). Damit lässt sich wahrscheinlich nicht nur die Zahl der notwendigen Wiederholungsimpfungen reduzieren, sondern auch eine nachhaltige Aktivierung des Immunsystems erreichen. Solche Partikel könnten sich für die präventive und therapeutische Immunisierung bei viralen, bakteriellen und parasitischen Infektionen sowie zur spezifischen Immunotherapie von Krebserkrankungen und Allergien eignen. Da für die Herstellung von Mikro- und Nanosphären hohe GMP(Good Manufacturing Practice)-Anforderungen gelten, arbeiten die Wissenschaftler ebenfalls an neuartigen Herstellungstechnologien, um im Industriemaßstab eine kontrollierte und keimfreie Herstellung zu ermöglichen.

Um Mehrfachinjektionen über „Booster“-Mischungen zu simulieren, verkapselten sie in Zusammenarbeit mit Immunologen der Universität Lausanne und dem Nationalen Englischen Impfinstitut beispielsweise bakterielle Tetanus- und Diphtherie-Toxoide in bioabbaubare Mikrosphären aus unterschiedlichen Polymeren. Mit einer Mischung aus kleinen, 1...10 µm großen, schnell abbaubaren Mikropartikeln als Antigenträger und 20...120 µm messenden, langsamer abbaubaren Teilchen kam eine zufriedenstellende, pulsatile (stoßweise) Freigabe der Impfstoffdosen über mehrere Wochen zustande. Die mit Antigenen beladenen kleineren Mikrosphären wurden nach der Injektion von Makrophagen aufgenommen und in Lymphorgane wie Lymphknoten oder Milz transportiert (Bild 3).

Das aus den Partikeln freigesetzte Antigen wurde wie gewünscht in den Phagozyten verdaut und den T-Lymphozyten in den Lymphknoten antigene Bruchstücke auf der Zelloberfläche präsentiert. Dies setzte die spezifische Immunantwort in Gang, die im Falle der verwendeten Tetanus- und Diphtherie-Antigene vorwiegend auf neutralisierenden Antikörpern beruht. Dadurch wirken die Mikropartikel als Adjuvans. Nicht phagozytierte Mikropartikel bauen sich an der lnjektionsstelle ab und setzen das eingebettete Antigen über mehrere Wochen oder Monate lokal frei.

Inzwischen beschäftigt sich die ETH-Gruppe mit stark wirksamen Immunstimulanzien. Dabei handelt es sich um Moleküle, die an spezifische Rezeptoren von Phagozyten andocken und diese dadurch anregen. In Zusammenarbeit mit Immunologen der Universität Konstanz konnten durch die Kombination von Antigen und Immunstimulans in Mikropartikeln potente antivirale Immunantworten an Versuchstieren erzielt werden (Bild 4).

Ein weiteres gemeinsames Projekt betrifft therapeutische Vakzine gegen Tumore. Diese Impfstoffe basieren auf unterschiedlichen Wirkprinzipien, die zurzeit am Tier oder in der Klinik am Menschen näher untersucht werden. Ein Ansatz für die Entwicklung von Tumorvakzinen zielt darauf ab, dem Patienten eine bestimmte Gruppe von Blutkörperchen wie Monozyten oder den sich aus diesen entwickelnden verzweigten dendritischen Zellen zu entnehmen, diese im Labor mit einer bekannten antigenen Struktur des Tumors zu versehen und diese so beladenen Zellen wieder in die Blutbahn zu injizieren. Durch die sogenannte zelluläre Immunotherapie werden spezifische T-Zellen aktiviert, die die Tumorzellen dann als Fremdzellen erkennen und mit der zellulären Immunabwehr eliminieren können.

Die ETH-Forscher dokumentierten den Vorteil von Mikropartikeln für diese Anwendung anhand eines Modellantigens. Wurden Versuchstieren entnommene dendritische Zellen mit reiner Antigenlösung inkubiert, konnten die Zellen das in die Zelle aufgenommene Antigen nur während ungefähr drei bis vier Tagen an ihrer Oberfläche präsentieren und so die T-Zellen aktivieren. Wurde den dendritischen Zellen hingegen mikroverkapseltes Antigen hinzugefügt, vermochten die Zellen das Antigen mehr als neun Tage an ihrer Oberfläche vorzuweisen (Bild 5). Diese verlängerte Antigenpräsentation auf dendritischen Zellen könnte von klinischer Relevanz sein und die zelluläre Immuntherapie gegen Tumore praktikabler und effizienter machen.

Auch bei Allergien

Allergien äußern sich als übersteigerte Reaktionen des Immunsystems gegenüber einem oder mehreren Fremdstoffen nach wiederholtem Kontakt mit diesen. Sie werden nach den Aufnahmemöglichkeiten der einzelnen Allergene ( = Allergien auslösende Antigene) sowie nach den zugrunde liegenden Reaktionen des Immunsystems unterschieden. Die Allergie vom Typ I ist eine durch IgE-Antikörper vermittelte, umgehend eintretende allergische Reaktion. Durch Allergenkontakt werden bei der Allergie vom Typ I spezifische IgE-Antikörper gebildet, die sich an die Mastzellen des Immunsystems binden und die Freisetzung von Entzündungsmediatoren wie Histamin bewirken. Es entstehen akute Entzündungsreaktionen wie beim Heuschnupfen.

Bei der innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden eintretenden Allergie vom Typ II sind IgG- oder IgM-Antikörper beteiligt, die der Körper gegen Antigene auf der Oberfläche von körpereigenen Zellen oder Geweben bildet. Ein Beispiel für eine Typ-II-Reaktion ist die Zerstörung von roten Blutkörperchen (Erythrozyten) nach einer Bluttransfusion mit einer falschen Blutgruppe. Die Allergie vom Typ III gehört ebenfalls zu den antikörpervermittelten allergischen Reaktionen, bei denen IgG- und IgM-Antikörper beteiligt sind. Charakteristisch ist die Bildung von Immunkomplexen aus frei löslichen Antigenen, die sich nicht fest auf einer Zelloberfläche befinden, sowie aus Antikörpern. Solche Immunkomplexe werden normalerweise durch die Zellen der Immunabwehr beseitigt. Ist dies nicht der Fall, entstehen durch die Ablagerung der Komplexe Krankheiten.
Die verzögert ablaufende Allergie vom Typ IV nimmt eine Sonderstellung ein, da sie nicht durch Antikörper, sondern durch T-Lymphozyten, eine Untergruppe der weissen Blutkörperchen, vermittelt wird. Ein Beispiel ist die Kontaktallergie der Haut, etwa auf Chrom- oder Nickelverbindungen.

Allergien können durch wiederholte Verabreichung geringer Mengen Allergen eingedämmt werden. Diese Art von Immuntherapie wird als Desensibilisierung bezeichnet und will die Immunantworten auf Allergene kontrolliert verändern, so dass weniger IgE-Antikörper gebildet und damit die allergischen Entzündungsreaktionen gemildert werden. Doch lassen sich Allergene nicht gezielt an den ausgewählten Bereich in den Immunzellen transportieren. Herkömmliche Desensibilisierungen dauern daher mehrere Jahre, benötigen insgesamt bis zu 80 Impfstoffinjektionen und ergeben dennoch häufig unbefriedigende Resultate. Aus diesem Grund müssen hohe Dosen des Allergens über einen langen Zeitraum verabreicht werden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Bioabbaubare Mikro- und Nanopartikel, die verkapselte Allergene über mehrere Wochen oder Monate kontrolliert freisetzen, scheinen deshalb für Desensibilisierungen die geeignete Formulierungsart zu sein.

In Kooperation mit der Dermatologischen Klinik des Universitäts-Spitals untersuchen die ETH-Wissenschaftler derzeit das Potential derartiger Formulierungen. Um immunologische Fehl- und Überreaktionen von sensibilisierten Organismen zu vermeiden, müssen die Allergen-Mikro- und Nano-Partikel so zusammengesetzt sein, dass die Immunzellen von ihnen ein Signal erhalten, welche Art von Immunantwort erfolgen soll. Während die heute verfügbaren Allergievakzine Aluminiumsalze als Adjuvans enthalten und somit vorwiegend eine T-Helfer2-Zellen(Th2)-Antwort auslösen (Typ-I-Reaktion), können Mikro- und Nanopartikel mit geeigneten Immunstimulanzien T-Helfer1-Zellen (Th1) stimulieren und damit die typischen allergischen Symptome vermindern oder gar verhindern. Erste Tests mit dem Bienengiftallergen PLA2 (Phospholipase 2) an Tieren zeigen, dass die Verwendung von speziell aufgebauten nano- und mikropartikulären Allergievakzinen dort tatsächlich zu einem Schutz vor allergischen Reaktionen führen kann (Bild 6).

Anzeige
Diesen Artikel …
sep
sep
sep
sep
sep

Weitere Beiträge in dieser Rubrik

Mit Viren gegen Bakterien: Wie Bakteriophagen die bakterielle Zellwand angreifen

Mit Viren gegen BakterienWie Bakteriophagen die bakterielle Zellwand angreifen

Eine Untersuchung an DESYs Röntgenring PETRA III zeigt, wie spezielle Viren den lebensbedrohlichen Durchfallkeim Clostridium difficile abtöten. Die Studie von Forschern der Hamburger Niederlassung des EMBL enthüllt, wie bestimmte Enzyme dieser Viren ausgeschüttet werden, um die Zellwand der Bakterien aufzulösen.

…mehr
Bio-Cluster und Applikationen: In der BioRegion Nord gehen Groß und Klein zusammen

Bio-Cluster und ApplikationenIn der BioRegion Nord gehen Groß und Klein zusammen

Lebensart und Wissenschaft gehen Hand in Hand im Life Science-Cluster Nord, sagt Dr. Karin Adlkofer von der Life Science-Agentur Norgenta. Sie fungiert als Anlaufstelle für alle, die sich nördlich der Elbe im Gebiet zwischen Nord- und Ostsee mit einem Biotech-Unternehmen niederlassen wollen. In diesem Raum entwickelt sich weit über Deutschlands Grenzen hinaus einer der bedeutendsten Standorte für moderne Medizintechnik und Biotechnologie.…mehr
Fachbeitrag: BioRegionen  in Nordrhein-Westfalen

FachbeitragBioRegionen in Nordrhein-Westfalen

In insgesamt 16 Felder ist die Clusterpolitik im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen aufgeteilt. Hier bildeten sich seit den 1990er Jahren fünf große Bio-Regionen unter Schirmherrschaft der BIO.NRW heraus: Bioriver – Live Science im Rheinland e.V., BioCologne e.V., Life Tec Aachen-Jülich e.V. sowie Bionanalytik Münster.…mehr
Fachbeitrag: Stabilität der Quartärstruktur eines Proteins

FachbeitragStabilität der Quartärstruktur eines Proteins

Zum Verständnis der Aktivität und Regulation von Enzymen kann die Kenntnis ihrer Quartärstruktur eine Menge beitragen. Vor allem bei Enzymkomplexen, die aus mehreren Untereinheiten bestehen, findet man in Bezug auf ihre Aktivität deutliche Verstärkungs- oder aber Abschwächungseffekte.
…mehr
Fachbeitrag: BioRegion STERN

FachbeitragBioRegion STERN

Mit der 1999 neu gegründeten BioRegion STERN strahlt der Großraum Stuttgart mit Tübingen, Esslingen, Reutlingen sowie dem Neckar-Alb-Kreis weit über die Landesgrenzen von Baden-Württemberg hinaus. Hier überwiegen die biomedizinischen und Medizintechnik-Unternehmen die biotechnologischen Projekte.…mehr
Anzeige
Anzeige

Bildergalerien bei LABO online

Anzeige

Nichts mehr verpassen!

LABO Newsletter abonnieren

Der kostenlose LABO Newsletter informiert Sie über neue Produkte, Lösungen, Technologietrends und Innovationen aus der Branche sowie Unternehmensnachrichten und Personalmeldungen.

Anzeige
Anzeige

Mediaberatung