Tagungsbericht

"Nutrition, Santé, Longévité" Tagung vom 19. bis 21.6.2013 - Pasteur-Institut Lille

In Lille, Frankreich wird eifrig an der Umsetzung des Clusters Ernährung, Gesundheit und Langlebigkeit in die Alltagspraxis gearbeitet. Dies zeigte eindrucksvoll die Tagung "Nutrition, Santé, Longévité" vom 19.-21.6.2013 in Lille.

Bild 1: Eine steinerne Erinnerungstafel erinnert an Louis Pasteur (1822-1899), der ab 1854 an der Uni Lille den ersten Lehrstuhl für Naturwissenschaften innehatte. (Foto: Photothèque Lille)

Biotechnologie spielt in Frankreich eine immer größer werdende Rolle. Besonders der Cluster Ernährung, Gesundheit und Langlebigkeit nahm eine beeindruckende Entwicklung in den letzten beiden Jahren. Ein Besuch des Bio-Business-Parks in Lille zeigte, dass der Park inzwischen über 350 ha bebautes Land umfasst und über 13 000 Menschen hier Arbeit finden. Mehr als 120 Firmen haben sich hier niedergelassen, es gibt 50 Forschungslabors, sieben Kliniken, vier Universitäten sowie fünf spezialisierte Trainings-Institute, an denen spezielle technische Fähigkeiten vorab erprobt und getestet werden können.

Doch der Großraum Lille weist noch mehr Forschungsanstrengungen auf: Die Aktivitäten von nicht weniger als 85 privaten Forschungszentren befinden sich im Großraum des Départements Nord-Pas de Calais, zu dem Lille, die Metropole des Nordens, gehört. Über 6500 Wissenschaftler sind in der Forschung bzw. in der Lehre und der Forschung tätig. Und es gibt hier sieben spezialisierte Clusters, von denen eines sich mit Ernährung, Gesundheit und Langlebigkeit befasst. Und dieses steht heute im Mittelpunkt.

Neue Strukturen für Erkrankungen des Menschen

Besondere Aufmerksamkeit finden in Lille typische Zivilisationserkrankungen wie Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf- sowie Stoffwechsel-Erkrankungen und Entzündungs- sowie neurodegenerative Erkrankungen. Der Fokus liegt dabei generell auf einer besseren, an die modernen Bedürfnisse des Menschen angepassteren Ernährung. Speziell geht es um Functional Food, neue Zutaten und Nahrungsergänzungsstoffe sowie eine verbesserte Qualität der Ernährung.

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Im Bereich Diagnose und Behandlung von Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und neurodegenerativen Erkrankungen gibt es zahlreiche Projekte, mit denen neue Gesundheits-Ziele und Behandlungen erforscht oder vorhandene Zielvorgaben präziser bestimmt werden. Schließlich spielen auch das Design neuer Medikamente sowie präklinische und klinische Studien eine herausragende Rolle. Insgesamt umfasst das Netzwerk 76 Mitglieder, davon sind 51 % kleine und mittlere Unternehmen, 19 % große Firmen sowie 30 % Forschungs- und Trainingsverbünde. Hinsichtlich der Aktivitäten lassen sich vier verschiedene Gruppen unterscheiden:

  • Landwirtschaftliche Erzeugnisse mit einem Anteil von 22 % an der Gesamtproduktion.
  • Inhaltsstoffe zu solchen landwirtschaftlichen Erzeugnissen: 14 %.
  • Biotechnologien und Gesundheitsforschung: 39 % und
  • Trainings- und Forschungs-Organisatione

Namentlich vertreten in und um Lille sind beispielsweise Weltunternehmen wie McCain, Bonduelle, Heinz oder rein französische Unternehmen mit Weltgeltung wie Lesaffre und Roquette. An bedeutenden Pharma- und Biotech-Unternehmen haben sich u.a. Bayer Healthcare, Genfit und Alzprotect angesiedelt.

Ein Wort zu den Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten: Gegenwärtig werden 177 Kooperationsprojekte mit einem Umsatz für Forschung und Entwicklung in Höhe von 344 Mio. Euro sowie Beihilfen aus öffentlichen Fördertöpfen von 70 Mio. Euro vorangetrieben. Flagschiff-Projekte sind das Programm Distalz, das innovative Strategien für eine transdisziplinäre Herangehensweise an die Alzheimer-Erkrankung herausfinden möchte, das Programm Oxychic, das in einem vierjährigen Projekt die gesundheitlichen Vorteile von Chicoree-Kaffee als Antioxidans erforscht und schließlich noch das Projekt Mikroalgen-Entwicklung, das derzeit 14 Unternehmen umfasst und Expertisen einbringt in den Bereichen Pharmakologie, Kosmetikwissenschaften, marine Biotechnologien, Aquakulturen, humane und tierische Ernährung sowie Extraktion von biologisch aktiven Bestandteilen. Der Pool Ernährung, Gesundheit und Langlebigkeit in Lille kooperiert mit zahlreichen anderen europäischen Clustern wie Food Valley, NL, NieKe Deutschland, oder dem IFR-Institute for Food Research in England.

Ein längst nicht mehr nebensächlicher Erwerbszweig

In wirtschaftlicher Hinsicht hat sich der Pool Ernährung, Gesundheit und Langlebigkeit zu einem ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Insgesamt überschreitet der kumulierte Jahresumsatz des Pools bereits die 14 Mrd.-Euro-Grenze. Davon gehen 46 % in den Export. Gegenwärtig werden jedes Jahr neu 25 ... 30 Projekte in das Förderprogramm aufgenommen. Jedes Projekt ist im Durchschnitt mit einem Budget von 2,5 Mio. Euro ausgestattet. Konkret gehen 34 % der Projekte in den Bereich Biotechnologie, 42 % in den Bereich Agro bzw. Ernährung und 24 % betreffen beide Sektoren gleichzeitig.

Herauszuheben ist, dass 95 % der vom Pool Ernährung, Gesundheit und Langlebigkeit unterstützten Projekte eine Finanzierung durch den FUI (Fond Unique Interministériel) erhalten, während bei anderen staatlichen Projekten lediglich eine öffentliche Finanzierungsquote von 45 % erzielt wird. Bemerkenswert ist weiter, dass die akademische Forschung an Diabetes und der Alzheimer-Erkrankung von einem Exzellenz-Labor (Labex) sowie einer Exzellenz-Ausstattung (Equipex) für eine personalisierte Seqenzierung des menschlichen Genoms durchgeführt werden.

Weiter sind zahlreiche Labors und Unternehmen damit befasst, für die Zell- und Gentherapie in größeren Einheiten zusammenzuarbeiten. Vorhanden sind auch Infrastrukturen für die klinische Forschung, Biobanken sowie ein Zentrum für Bio-Bildgebung. Überdies wurden und werden permanent neue Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für die Landwirtschaft und die Ernährung angestoßen durch die biotechnologischen Forschungsprojekte Erbsen und Zuckerrübe. Das Exzellenz-Unternehmen Equipex wird für den Einsatz in der Biokatalyse vorgesehen, um damit die Entdeckung und Herstellung von funktionsbestimmten Nahrungsmittel-Zusätzen voranzubringen. Schließlich werden noch große Anstrengungen unternommen, um Laser-Fibern sowie nano-basierte Anwendungen in Lille zu realisieren.

Blick auf das Institut Pasteur in Lille

Dem Besuch verschiedener wissenschaftlicher Veranstaltungen in Lille folgte ein Besuch des Pasteur-Instituts Lille. Es wurde im Jahr 1894, ein Jahr vor Pasteurs Tod, gegründet. Von Anfang an bildete es eine selbständige Einheit und war wirtschaftlich wie finanziell völlig unabhängig vom Pasteur-Institut Paris. Ein Ausschuss von Gesundheitsexperten und Politikern reiste damals nach Paris, um von dem berühmten Gelehrten zu erfahren, wie am effizientesten gegen die damals grassierende Diphtherie vorzugehen sei. Pasteur empfahl die Gründung eines neuen Instituts. Es wurde 1899 eingeweiht, nur vier Jahre nach Pasteurs Tod. Dieser arbeitete zwar nie am Pasteur-Institut in Lille, war jedoch bereits im Jahr 1854 Dekan der damals gegründeten Naturwissenschaftlichen Fakultät Lille. Hier verbrachte er ereignisreiche Forschungsjahre. Sein damaliges Forschungsgebiet betraf die Zuckerrübe. Doch auf Bitten der Bierbrauer in der Region befasste er sich bald auch mit den Gärungsprozessen von Alkohol und wurde dieserarts einer der Gründungsväter des neuen Wissenschaftszweigs Mikrobiologie. Nach drei Jahren ging Louis Pasteur nach Paris und gründete dort das weltweit erste Institut Pasteur, das binnen weniger Jahre Ableger u.a. in Vietnam und Algerien erhielt.

Erster Direktor und Präsident des Pasteur-Instituts Lille wurde 1895 der Arzt und Medizinwissenschaftler Albert Calmette (1863-1933). Er entdeckte gemeinsam mit dem Apotheker C. Guerin den ersten vielfältig einsetzbaren Wirkstoff gegen Tuberkulose. Dieser Wirkstoff ist bis heute in Gebrauch, auch wenn die Max-Planck-Gesellschaft in Deutschland derzeit einen ersten Ersatzstoff klinisch prüft, der diesen eines Tages ersetzen könnte. Daneben entwickelte Calmette auch wirksame Impfstoffe gegen zahlreiche Schlangengifte.

Ein bislang unbesiegtes Bakterium

Mycobakterium tuberculosis ist verantwortlich für die Mehrheit der Fälle von Tbc. Schätzungsweise ist ca. ein Drittel der Weltbevölkerung mit diesem Keim infiziert. Im Jahr 2011 verursachte der Tbc-Erreger rund 1,4 Mio. Todesfälle. Diese Zahl könnte in den kommenden Jahren stark ansteigen, weil immer häufiger Resistenzen gegenüber dem Einsatz von Antibiotika auftreten. Auch schlägt die Impfung gegen Tbc nur in einem von zwei Fällen bei Erwachsenen an. Jedes Jahr erkranken in Frankreich rund 5000 Menschen an Tbc und rund 650 Menschen versterben daran.

Zwei Wissenschaftler-Teams von den Pasteur-Instituten Lille und Paris klärten vor wenigen Monaten gemeinsam mit dem Institut CEA-Grenoble und dem Sanger Institute, London, auf, weshalb dieses Mykobakterium in der Geschichte solch einen Aufschwung nehmen konnte. Es zeigte sich, dass die M. tuberculosis-Stämme, die genetisch sehr gut erhalten sind, aus einem gemeinsamen Bakterium, dem Mykobacterium canetti, stammen. Dieses löst ebenfalls Tuberkulose aus, besitzt jedoch genetisch eine große Vielfalt und mehrere Indizes deuten darauf hin, dass es evolutionsgeschichtlich noch viel älter ist als der Tuberkel-Bazillus. Die Wissenschaftler um Philip Supply und Roland Brosch lieferten in ihrer wissenschaftlichen Arbeit wertvolle Hinweise darauf, wie sich Mykobacterium tuberculosis zu einer weltweiten Pandemie entwickelte, während Mykobacterium canetti auf seinen ursprünglichen Verbreitungsgebieten in Westafrika beschränkt blieb. Die beiden Teams gehen davon aus, dass das Tuberkel-Bazillus seine Virulenz und seine Persistenz durch eine Kombination mehrerer Genmechanismen erhielt: Funktionsverlust einiger Gene des Bakteriums sowie Neuerwerb von Genen durch Horizontal-Transfer. Da mehrere Gene identifiziert werden konnten, die bei Entstehung und Ausbruch von Tbc eine Rolle spielen, besitzen die Forscherteams nun neue Ansätze zur Bekämpfung von Tbc.

Junge und ältere Menschen für das Gehirn interessieren

Das Institut Pasteur Lille beteiligt sich auch an laufenden öffentlichen Diskussionen. Mit bestimmten Themen versucht man, das Institut Pasteur den Menschen in und um Lille näherzubringen. Dazu dienen bestimmte Ereignisse und Veranstaltungen. So stand im Frühjahr das menschliche Gehirn im Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion. Zwar wiegt das Gehirn des Menschen nicht mehr als 1500 g, jedoch ist es in die vielfältigsten Aufgaben des Körpers wie des Geistes involviert. So stellte das Pasteur-Institut Lille im März in einem Kino in Lille den bekannten Hitchcock-Film "Vertigo" vor, in dem es u.a. um eine Phobie geht. Phobien sind meist im Lebensverlauf wieder vorübergehende geistige Fehlleistungen, die oft jedoch auch medikamentös behandelt werden müssen. Es diskutierten unter Moderation des Journalisten Paul Becquart der Psychiater Dominique Servant, Leiter der Abteilung Stress und Angststörungen der Universitätsklinik Lille, mit Amélie Rousseau, Dozentin für Psychologie an der Uni Lille-3, sowie Elisabeth Brissieux, Ernährungswissenschaftlerin vom Institut Pasteur Lille. Im Rahmen dieses Gesprächs wurden einige Phobien vorgestellt wie Angst vor bestimmten Nahrungsmitteln, Platzangst, etc. Doch vor allem ging es um die Frage, ab wann von Phobien zu sprechen ist, denn Aversionen gegen ein bestimmtes Verhalten stellen noch längst keine Phobie dar.

Ein weiteres wichtiges Standbein der Öffentlichkeitsarbeit des Pasteur-Instituts Lille ist das Thema Sport. Im Mai tat sich Pasteur Lille zum siebten Mal mit der Vereinigung AG2R La Mondiale zusammen, um die Bedeutung der Prävention im Gesundheitswesen und vor allem die Bedeutung des Sports hervorzuheben. Am 12. Mai fanden in Loos bei Lille eine Reihe von Laufwettbewerben für Läufer, Geher und sogar Spaziergänger statt, wobei medizinisch-sportliche Betreuer mit Diätexperten wetteiferten, um die beste Ernährungsweise für den einzelnen untersuchten Sportler zu eruieren. Dass man besser fährt, wenn man täglich mehrere kleinere Mahlzeiten anstatt nur zwei große zu sich zu nimmt, hat sich nicht nur in Lille herumgesprochen.

Zuletzt werden noch die Beteiligungen von Wissenschaftlern des Pasteur-Instituts Lille an nationalen wie internationalen Forschungsarbeiten aufgeführt: Im ersten Bereich geht es um den Einfluss von Umweltbedingungen auf die Entwicklung von Pathologien, d.h. Krankheitsprozessen. Das zweite Forscherteam arbeitet am Einfluss der chemischen und Partikel-Umwelt auf die Gesundheit des Menschen. Im Projekt Margeen (2009 bis 2013) soll das gentoxische Potential einer Flüssigkeit aus Abfällen, Kompost sowie anderen Entsorgungsarten eruiert werden.

Im Verfahren Megatox (2009 bis 2012) wurden die Aerosol-Konzentrationen sowie ihre jeweilige Toxizität in den Städten Paris, Xián (China) sowie Ouagadougou (Burkina Faso) gemessen.

Schließlich eruiert das Forschungsinstitut IRENI, das mit fünf Forschungsinstituten sowie dem CNRS gegründet wurde, wie sich die Luftqualität im Hafen sowie in der Industriezone von Dunquerque entwickelt. Das Pasteur-Institut Lille untersucht die genetische Toxizität der Nanopartikel.

Richard E. Schneider

Wissenschaftsjournalist,
Brunnenstr. 16,
72074 Tübingen,
Tel./Fax: 070771/253015

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