Algentechnikum eröffnet

Produktion von Biokerosin und chemischen Wertstoffen

Ein weltweit einmaliges Technikum für die Algenzucht hat die Technische Universität München (TUM) in Kooperation mit der Airbus Group auf dem Ludwig Bölkow Campus in Ottobrunn südlich von München aufgebaut.

Prof. Thomas Brück im neuen Algentechnikum. (Bild / Fotograf: Andreas Heddergott / TUM)

Hier sollen effiziente Verfahren zur Produktion von Biokerosin und chemischen Wertstoffen aus Algen erforscht werden. Am 13. Oktober wurde das Technikum im Beisein des Bayerischen Wissenschaftsministers, Dr. Ludwig Spaenle, des Chief Technical Officer der Airbus Group, Dr. Jean Botti, und des Präsidenten der TU München, Prof. Wolfgang A. Herrmann, feierlich eröffnet.

150000 Algenarten gibt es, so schätzen Wissenschaftler. Rund 5000 davon sind bisher ansatzweise charakterisiert. Doch nur etwa 10 Arten haben es bisher bis zu einer kommerziellen Nutzung gebracht. Das wollen die Forscher mit dem neuen Algentechnikum ändern. Hier sollen effiziente Verfahren zur Produktion von Biokerosin und chemischen Wertstoffen entwickelt werden.

Dipl.-Ing. Andreas Apel vom Lehrstuhl für Bioverfahrenstechnik betrachtet Algen unter dem Mikroskop. (Bild / Fotograf: Andreas Heddergott / TUM)

Das 1500 m² große Gebäude beherbergt drei Räume zur Algenkultivierung sowie Labor- und Büroräume. Die Besonderheit des Ottobrunner Algentechnikums besteht darin, dass die lichttechnischen und klimatischen Bedingungen für praktisch jeden Ort auf der Welt simuliert werden können. Die Kosten von etwas mehr als 10 Mio. Euro teilen sich die Airbus Group und das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst.

Anzeige

Simulation der Wachstumsbedingungen jedes Ortes weltweit
Die Fassade besteht aus Spezialglas, das auch UV-Strahlung passieren lässt. Eine ausgefeilte Klimatechnik sorgt dafür, dass sowohl tropische als auch sehr trockene Klimabedingungen erzeugt werden können. In den beiden äußeren Hallen können dabei unterschiedliche Klimazonen simuliert werden. Die mittlere Halle dient Anzucht- und Vorbereitungsexperimenten.

Dank einer speziellen LED-Beleuchtung können die Lichtverhältnisse jedes Ortes auf der Erde simuliert werden. (Bild / Fotograf: Andreas Heddergott / TUM)

Eine zusätzliche LED-Beleuchtung ermöglicht es, dass die Licht- und Klimabedingungen jedes Ortes auf der Welt erzeugt werden können. Die hoch effizienten LEDs liefern Licht im Wellenlängenbereich zwischen 300 und 800 nm und einer dem Sonnenlicht sehr nahekommenden Intensitätsverteilung. Da die verschiedenen LED-Typen einzeln ansteuerbar sind, können die Wissenschaftler zusätzlich auch von der Sonne abweichende, individuelle Spektren einstellen.

„Niemand kann voraussagen, ob eine Alge aus der Südsee unter den Lichtbedingungen in Deutschland genauso produktiv ist wie in ihrer Heimat“, sagt Thomas Brück. „Genauso wenig weiß man, ob hier in Bayern erfolgreiche Kandidaten unter den Lichtbedingungen der Sahara noch genauso erfolgreich wären. All dies können wir jetzt in unserem Technikum testen.“

Dipl.-Ing. Andreas Apel im neuen Algentechnikum. (Bild / Fotograf: Andreas Heddergott / TUM)

Die Kultivierung ist dabei nicht auf einen Typ Photo-Bioreaktor beschränkt. In den Hallen können verschiedene offene und geschlossene Systeme parallel bei gleichen oder unterschiedlichen Klimabedingungen getestet werden. Dank der ausgefeilten Gebäudeautomation arbeitet das Algentechnikum höchst energieeffizient.

Keine Konkurrenz zwischen Teller und Tank
„Während bei der Produktion von Biokraftstoff aus Mais eine problematische Konkurrenz zwischen Teller und Tank besteht“, sagt Prof. Thomas Brück, Leiter des Fachgebiets Industrielle Biokatalyse der Technischen Universität München, „wachsen Algen auch in Salzwasser; sie brauchen keinen fruchtbaren Boden und keine Pestizide. Trotzdem können sie einen bis zu zehn Mal höheren Ertrag pro Hektar und Jahr liefern.“

„Mit dem Algentechnikum stellen wir der Wissenschaft eine weltweit einmalige Forschungseinrichtung zur Verfügung“, sagt Wissenschaftsminister Dr. Ludwig Spaenle. „Gleichzeitig ist das eine strategische Investition auch in den Wirtschaftsstandort Bayern, denn nur durch permanente Innovation können wir im weltweiten Wettbewerb bestehen.“

Das neue Algentechnikum auf dem Ludwig Bölkow Campus in Ottobrunn. (Bild / Fotograf: Andreas Heddergott / TUM)

„Die Investition in das Algentechnikum auf dem Ludwig Bölkow Campus unterstreicht einmal mehr das starke Interesse und das Engagement der Airbus Group an der Entwicklung regenerativer Treibstofftechnologien“, sagt Dr. Jean Botti, Chief Technical Officer der Airbus Group.

Das Technikum ist ein wesentlicher Baustein des vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie geförderten Projekts „AlgenFlugKraft“. Weitere Partner des Projekts sind die Lehrstühle für Technische Chemie II (katalytische Konversion der Biomasse) und für Bioverfahrenstechnik (technische Skalierung der Kultivierung) der TUM, die Airbus Group, die Clariant Produkte Deutschland GmbH (Algenaufarbeitung, Fettseparation) und die conys GmbH (Wasserstoff-/Biogasproduktion).

Kontakt:
Prof. Dr. Thomas Brück
Technische Universität München
Professur für Industrielle Biokatalyse
Lichtenbergstr. 4, 85748 Garching, Germany
E-Mail: brueck@tum.de
Internet: http://www.ibc.ch.tum.de

Alexander Mager
Geschäftsführer
Ludwig Bölkow Campus GmbH
81663 München, Germany
E-Mail: alexander.mager@airbus.com
Internet: 
http://www.lb-campus.com/

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige

Photobiotechnologie

Wasserstoff aus Grünalgen

Wie Grünalgen komplexe Bestandteile eines Wasserstoff produzierenden Enzyms herstellen, haben Forscher der Ruhr-Universität Bochum untersucht. Die Enzyme, auch Hydrogenasen genannt, sind für die biotechnologische Erzeugung des potenziellen...

mehr...

Diatomeen-Forschung

Kleine Wesen, große Wirkung

Kieselalgen sind zwar winzig klein. Sie prägen jedoch die Verteilung von Nährstoffen und Spurenelementen in allen Weltmeeren. Das zeigen Forschende in einer Studie auf, die in der Fachzeitschrift „Nature Geoscience“ erschienen ist.

mehr...