IFAT Munich 2026

Melanie Steinbeck,

Wie Start-ups mit KI und Biotech die Kreislaufwirtschaft neu denken

Wer wissen will, wohin sich die Umwelttechnik bewegt, sollte nicht zuerst auf die großen Anlagenbauer schauen, sondern dorthin, wo ausprobiert, verworfen und neu gedacht wird. In der Startup Area der IFAT Munich 2026 in Halle C4 zeigen rund 50 junge Unternehmen, wie sich Lösungen für einige der hartnäckigsten Probleme der Branche bauen lassen.

Die Startup Area der IFAT Munich zeigt, wie Start-ups die Kreislaufwirtschaft neu denken. © Messe München GmbH

Die Aufgaben sind bekannt. Mikroplastik im Wasser. Lithiumbatterien im Restmüll. Organische Abfälle, die bislang eher entsorgt als genutzt werden. Neu ist die Art, wie diese Probleme angegangen werden: mit künstlicher Intelligenz, Sensorik und biotechnologischen Verfahren – oft kombiniert, oft radikal pragmatisch.

Mikroplastik sichtbar machen – in Echtzeit

Mit strengeren regulatorischen Vorgaben, etwa durch die Chemikalienverordnung "REACH" oder die Kommunalabwasserrichtlinie (KARL), wächst der Druck, Mikroplastik zuverlässig zu erfassen und zu vermeiden.

Hier setzt das 2024 gegründete Start-up Zaitrus aus Bayreuth an: Ein sensorgestütztes Durchfluss-System identifiziert Kunststoffpartikel in Flüssigkeiten in Echtzeit – von Abwasser bis hin zu Getränken. Die Lösung identifiziert, kategorisiert, charakterisiert und quantifiziert die Stoffe frühzeitig direkt an der Quelle.

„Für kommunale Kläranlagen oder Lebensmittelhersteller bietet sich so ein effektiver Mechanismus zur Prävention und Qualitätssicherung, der vor Schäden schützen kann“, sagt ZAITRUS-Geschäftsführer Till Zwede. Das Verfahren befindet sich derzeit in der Pilotphase. Auf der IFAT Munich möchte das Unternehmen neue Partner für weitere Pilotprojekte gewinnen. Ab dem Jahreswechsel 2026/27 ist ein vollwertiges „Monitoring as a Service“ geplant.

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Mit Bakterien gegen chemische Schadstoffe

Zur Beseitigung von Mikroplastik und anderen Kontaminationen wie PFAS, Pestiziden oder Arzneimitteln setzt das Unternehmen CellX Biosolutions auf bakterienbasierte Produkte. Die entwickelte Technologie fängt an belasteten Orten – etwa in Kläranlagen, Flüssen, Seen, Böden oder im Grundwasser von Industriestandorten – gezielt seltene Bakterien ein, die von bestimmten chemischen Schadstoffen angezogen werden.

„Im Labor isoliert und kultiviert lassen sich daraus einzigartige Bakterienkonsortien herstellen, die chemische Verunreinigungen direkt in industriellen Prozessen – zum Beispiel in Abwasserbehandlungsanlagen – abbauen“, schildert Estelle Clerc.

Nach den Worten der Geschäftsführerin des 2024 an der ETH Zürich gegründeten Start-ups werden derzeit Partner für Labor- und Industriepilotprojekte gesucht. Dazu zählen etwa Chemieunternehmen, PFAS-Anwender oder Eigentümer kontaminierter Standorte. Mit ihnen soll die Technologie unter realen Bedingungen getestet und skaliert werden.

„Unser längerfristiges Ziel ist, dass Anbieter von Abwasser- und Bodenaufbereitungstechnologien unsere bakteriellen Produkte kaufen und an den Standorten der Endnutzer einsetzen. Die vollständige Kommerzialisierung soll im Jahr 2028 beginnen”, so die Mitgründerin.

KI-gestützte Sensortechnologie findet Batterien und Gaskartuschen

Versteckte Lithiumbatterien verursachen weltweit täglich Brände in Abfallsortier- und Recyclinganlagen – mit steigender Tendenz. Das norwegische Start-up Litech AS hat daher eine KI-gestützte Sensortechnologie entwickelt, die gefährliche Objekte wie Batterien oder Lachgas-Kartuschen im Abfallstrom erkennt und ausschleust.

Das kompakte und nachrüstbare System basiert auf Magnetischer Induktionsspektroskopie (MIS) und nutzt elektromagnetische Felder mit mehreren Frequenzen, um metallische Objekte anhand ihrer charakteristischen Signaturen zu identifizieren. In Kombination mit KI kann das Verfahren Lithiumbatterien und Druckgasbehälter von ungefährlichen Metallobjekten auf einem laufenden Förderband unterscheiden – auch dann, wenn diese verdeckt oder in Plastiktüten verpackt sind.

„Wir haben die reine Pilotphase bereits hinter uns gelassen“, berichtet Geschäftsführerin Synne Sauar. Ein Sensor der ersten Generation ist ihren Angaben zufolge bereits seit 2024 in einer kommunalen Abfallanlage in Oslo im Einsatz. „Auf der IFAT Munich sind wir sowohl offen für neue Pilotpartnerschaften als auch für kommerzielle Gespräche“, so Sauar.

Zielgruppen sind Betreiber von Sortier- und Recyclinganlagen, kommunale Entsorgungsunternehmen sowie OEMs und Systemintegratoren. Schwerpunktmärkte sind derzeit Nordeuropa, die DACH-Region und Frankreich.

Intelligenter Greifer optimiert E-Schrott-Recycling

Auch das schwedische Start-up Enodo Robotics setzt auf Künstliche Intelligenz – kombiniert mit einem zum Patent angemeldeten robotischen Greifsystem, das unterschiedlich geformte und strukturierte Objekte flexibel erfassen kann. Das System soll die bislang überwiegend manuelle Sortierung von Elektronikschrott und Nichteisenmetallen ersetzen.

„Dieser Abfallstrom ist eine wertvolle Quelle kritischer Rohstoffe. Unsere KI- und Robotiklösungen helfen dabei, die Wertschöpfung aus diesen Materialien zu maximieren und den Personaleinsatz in oft gefährlichen Arbeitsumgebungen zu vermeiden“, sagt Mitgründer Klas Kronander.

Darüber hinaus ermöglicht die mit Millionen von Bildern aus realen Recyclingprozessen trainierte KI-Visionsplattform Materialflussanalysen in Echtzeit und liefert Einblicke in Zusammensetzung und Qualität der Stoffströme. Das System ist als Nachrüstlösung für bestehende Recyclinglinien verfügbar und bereits im industriellen Einsatz.

Bioabfälle in Plattformchemikalie umwandeln

Das Biotech-Start-up EveryCarbon aus Tübingen nutzt organische Abfälle – etwa aus Haushalten, der Landwirtschaft oder der Lebensmittelindustrie – gemeinsam mit Abwasser und genmodifizierten Bakterien zur Herstellung von 2,3-Butandiol, einem Ausgangsstoff für Hochleistungspolymere.

„Unsere Vision ist eine Zero-Waste-Produktion, bei der Abfallstoffe zum Ausgangspunkt neuer Materialien werden“, erläutert Geschäftsführer Dr. Sebastian Beblawy.

Aktuell betreibt das 2024 aus der Technischen Universität Hamburg ausgegründete Unternehmen eine erste Pilotanlage auf dem Gelände einer Kläranlage nahe Stuttgart. Dort wird der kontinuierliche Fermentationsprozess unter realen Bedingungen hochgefahren und ein erstes Produkt validiert – ein Hartschaum für strukturell und thermisch anspruchsvolle Bauanwendungen.

„Die IFAT Munich ist für uns eine strategisch wichtige Plattform, weil sie genau den Schnittpunkt abbildet, an dem wir arbeiten: organischer Abfall-Kohlenstoff aus Haushalten, Industrie und Abwasser trifft auf industrielle Materialwirtschaft“, betont Beblawy und fährt fort: „Unsere Zielgruppen sind zum einen Bioenergiebetriebe, kommunale Ver- und Entsorgungsbetriebe sowie Kläranlagen, die organischen Kohlenstoff bislang unzureichend verwerten und nach neuen Wertschöpfungswegen streben. Zum anderen wollen wir mit Materialherstellern in Kontakt treten, die nach leistungsstarken Alternativen zu petrochemischen Materialsystemen suchen. Und schließlich freuen wir uns auf einen Austausch mit Technologieunternehmen, die Lösungen im Bereich Material- und Prozesstechnik anbieten.“

Startup Area als Innovationsmotor der Branche

Was all diese Ansätze verbindet, ist weniger die Technologie als die Haltung dahinter: Probleme werden nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als Teil eines Systems. Digitalisierung trifft Biologie, Abfallwirtschaft trifft Materialindustrie. Die IFAT Munich bringt diese Perspektiven zusammen und macht sichtbar, dass die entscheidenden Impulse der Branche immer öfter von denen kommen, die noch keine langen Traditionen verteidigen müssen.

Quelle: Ifat Munich, Messe München GmbH

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