Spektroskopie
Der schnelle Weg zur massenspektrometrischen Analyse
Volker Kruft*) und Nils Helge Schebb**)
Die Flüssigkeitschromatographie-Elektrospray-Massenspektrometrie (LC-ESI-MS) mit vorgeschalteter Online-Festphasenextraktion (Online-SPE) reduziert den Vorbereitungsaufwand bei der Quantifizierung aus komplexen biologischen Proben.
Für die sensitive und spezifische Quantifizierung von Chemikalien und pharmazeutischen Wirkstoffen ist die Flüssigkeitschromatographie, gekoppelt mit der Massenspektrometrie (LC-MS), die Methode der Wahl. Ein Nadelöhr - besonders bei der Analyse komplexer Proben wie Blut oder Urin - bilden dabei die zahlreichen manuellen Probenvorbereitungsschritte, die üblicherweise "offline" (d.h. in separaten manuellen Arbeitsschritten) durchgeführt werden, bevor die Proben instrumentell analysiert und die Daten Software-gestützt ausgewertet werden können. Um auch mit komplexen Proben schneller zu einem genauen und zuverlässigen Analyseergebnis zu gelangen, entwickelte Dr. Nils Helge Schebb vom Institut für Lebensmitteltoxikologie und Chemische Analytik der Tierärztlichen Hochschule Hannover eine Methode, die den manuellen Probenvorbereitungsaufwand auf ein Minimum reduziert. Diese basiert auf klassischer LC-ESI-MS, der eine Festphasenextraktion (SPE) online vorgeschaltet ist. Für die Arbeiten zur Untersuchung der humanen Exposition und biologischen Wirkung des antibakteriellen Wirkstoffs Triclocarban wurde Dr. Schebb mit einem auf 3000 Euro dotierten Award der Firma AB SCIEX ausgezeichnet. Der Nachwuchswissenschaftler erhielt den Preis auf dem 9. LC-MS-Diskussionstreffen der Deutschen Gesellschaft für Massenspektrometrie (DGMS e.V.) am 17./18. September 2012 in Wuppertal.
Methodenentwicklung und -evaluierung
Im ersten Schritt der Online-SPE-LC-MS-Methode wird die Probe mit hoher Flussrate auf eine Umkehrphasen-Extraktionssäule engen Durchmessers gepumpt (Partikeldurchmesser: 50 µm). Hierbei werden die Analyten zurückgehalten, während störende Matrixbestandteile, vor allem Salze und Proteine, abgetrennt werden. Die Extraktion über Online-SPE dauert nur wenige Sekunden. Ein 6-Wege-Ventil sorgt dafür, dass die Analyten anschließend in umgekehrter Richtung wieder eluiert und im sogenannten "Backflush-Modus" direkt auf die Trennsäule transportiert werden (Bild 1). Dafür wird ein C18-Reversed-Phase-Material mit nicht vollständig porösen (solid core/fused core) Partikeln geringer Größe ( 2 µm) eingesetzt.
Es ist insbesondere die Kombination der großen Partikel der SPE-Säule, betrieben bei hoher Flussrate, die mit modernen Hochleistungstrennsäulen zu einer außerordentlichen Trennleistung des Systems führt.
Die anschließende sensitive und spezifische Detektion erfolgt auf einem hochempfindlichen Triple-Quadrupol-Massenspektrometer im Selected Reaction Monitoring-(SRM-)Modus. Die Methoden zeichnen sich nicht nur durch eine hohe Geschwindigkeit mit einer Analysezeit von 2 min und weniger aus. Vielmehr weisen sie unter anderem durch den hohen Automatisierungsgrad eine große Präzision und Genauigkeitbei der Quantifizierung in biologischen Proben auf.
Einsatz in pharmakokinetischen Untersuchungen
Die Entwicklung von pharmakologischen Wirkstoffen erfordert die kontinuierliche Konzentrationsmessung der Testsubstanz im Organismus. Nur die Korrelation dieser Daten mit biologischen Effekten (bzw. toxikologischen Endpunkten) ermöglicht ein Verständnis der Wirkung der Testsubstanz. Im Rahmen der Entwicklung neuer schmerzlindernder Wirkstoff(kombinationen) entwickelten Schebb und Kollegen eine Methode zur Untersuchung von Inhibitoren der löslichen Epoxidhydrolase (sEHi) sowie Hemmern des Enzyms Cyclooxygenase, z.B. Diclofenac und Rofecoxib (VIOX). Neben der Geschwindigkeit, welche die Untersuchung von mehr als 400 Proben pro Tag ermöglicht, ist der geringe Probenbedarf eine besondere Stärke der Methode. Nur 10 µl Vollblut sind zur Analyse notwendig, was auch die sequenzielle Blutentnahme im kleinen Nager erlaubt. Auf eine Probenvorbereitung kann aufgrund des Online-SPE-Schrittes weitgehend verzichtet werden: Das Blut wird nach Mischen mit Wasser und internem Standard direkt injiziert. Manuelles Abtrennen von Plasma oder Serum oder Aufbringen auf Papier und Herauslösen der Analyten (Dried Blood Spot Analysis) sind nicht erforderlich [1].
Die Methode zeigte eine außergewöhnliche chromatographische Auflösung. Durch Kombination von biologischen Daten mit den Analysenergebnissen war es möglich, in vivo eine Dosis-Wirkungs-Beziehung der analgetischen Wirkung von Inhibitoren der löslichen Epoxidhydrolase zu ermitteln (Bild 2), [1, 2].
Untersuchung der Triclocarban-Exposition
Die Online-SPE-LC-MS kann für zahlreiche unterschiedliche Anwendungen genutzt werden. So untersuchten Schebb und seine Kollegen damit die Humanexposition durch Triclocarban (TCC) beim Duschen mit antibakterieller Seife. Diese enthielt TCC als antibakterielle Substanz, welches Kosmetika, die wieder abgewaschen werden, in Konzentration von bis zu 1,5 % zugesetzt werden darf. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass TCC sich in der Umwelt anreichert, was Fragen über die humane Exposition aufwirft [3].
Für den Versuch duschten sechs Probanden mit einer Seife, die TCC als antibakteriellen Wirkstoff enthielt. Anschließend wurden Urinproben gesammelt und die TCC-Konzentration sowie der Anteil der wichtigsten TCC-Metaboliten darin bestimmt. Die massenspektrometrische Analyse der Proben ergab, dass die Probanden durchschnittlich etwa 0,6 % des mit der Seife verwendeten TCC absorbierten. 10 bis 18 h nach einer einzigen Verwendung wurden maximale Konzentrationen an TCC und Metaboliten von bis zu 1 µM im Urin erreicht. Die Konzentrationen im Urin variierten allerdings deutlich innerhalb der Probanden ( Bild 3).
Trotz der belegten Aufnahme im menschlichen Körper lassen diese Expositionsdaten keine Beurteilung zu, ob TCC die Gesundheit beeinträchtigen kann oder nicht. Um mögliche Wirkungen von TCC auf dem Menschen zu erfassen, analysierten die Wissenschaftler den hemmenden Effekt der Substanz auf sechs wichtige Enzymfamilien des Menschen in vitro. Es stellte sich heraus, dass der Seifenzusatz ein potenter Hemmstoff der löslichen Epoxidhydrolase (sEH) ist.
Charakterisierung von Enzyminhibitoren
Die lösliche Epoxidhydrolase (sEH) ist ein vielversprechendes therapeutisches Target zur Behandlung von Bluthochdruck, Schmerz und Entzündung. Derzeit befinden sich verschiedene Inhibitoren der sEH in der pharmazeutischen Entwicklung. Um potenzielle Hemmstoffe auf ihre Eignung zum pharmazeutischen Wirkstoff testen zu können, sind zuverlässige Messmethoden zur Bestimmung ihrer Wirkungsstärke notwendig. Der SPE-LC-MS-Ansatz eignet sich besonders zu diesem Zweck, da er es im Gegensatz zu Hochdurchsatzmethoden erlaubt, ein endogenes Substrat des Enzyms einzusetzen [4].
Im optimierten Online-SPE-LC-System eluieren das Substrat 14(15)-EpETrE (ein Epoxid der Arachidonsäure) und seine Hydrolyseprodukte stabil mit distinkten Retentionszeiten und engen Peaks. Weiterhin kommt es, trotz der für eine Trennung mit vollständigem Lösungsmittelgradienten kurzen Trennzeit (108 s), ebenfalls zur Basislinientrennung mit dem als internen Standard verwendetem Analogon (Bild 4). Da der Enzymassay im 96-Well-Plattenformat durchgeführt wird, lassen sich schnell Dosis-Wirkungs-Kurve und somit die Wirkstärke von sEH-Inhibitoren (sEHi) über ihre IC50-Werte bestimmen (Bild 4). Die so erzielten Werte zeigen, dass eine gute Korrelation mit den üblichen Fluoreszenz-HTS-Methoden bestand (Bild 3). Jedoch überschätzt oder unterschätzt die HTS-Methode für einige sEHi substanzspezifisch die Wirkstärke der Substanzen. Für TCC ergab beispielsweise eine Fluoreszenz-basierte HTS-Methode einen IC50-Wert von 40 nM, während ein auf Radiometrie basierendes Verfahren eine geringe Wirkstärke mit einem IC50-Wert von nur 400 nM anzeigte. Die Online-SPE-LC-MS-Methode belegte unter Verwendung eines natürlichen Substrates des Enzyms, dass TCC ein potenter Inhibitor der löslichen Epoxidhydrolase ist (Bild 4).
Dieses Beispiel zeigt, dass nur mit LC-MS-basierten Methoden, die das endogene Substrat des Enzyms verwenden, verlässliche Daten über die Wirkstärke von Enzyminhibitoren gewonnen werden können. Weiterhin war der SPE-LC-MS-Ansatz wesentlich sensitiver als die HTS-Verfahren: Eine Quantifizierung der Wirkstärke für sEHi war für IC50 bis in den Picomol-Bereich möglich. Somit war der Online-LC-MS-Assay in der Lage, auch potente Inhibitoren anhand ihrer Wirkungsstärke zu differenzieren.
Mit einer Analysezeit von rund 20 min für einen Inhibitor (zwölf Verdünnungen) kann die Online-LC-MS-Methode natürlich nicht mit HTS-Verfahren mithalten, bietet aber Ergebnisse höherer Qualität (High Content Screening vs. High Throughput Screening).
Fazit
LC-ESI-MS gekoppelt mit Online-SPE ist ein vielversprechendes, einfach zu etablierendes Analysenverfahren, das eine schnelle, direkte Probenvorbereitung ermöglicht, somit Zeit spart und darüber hinaus vielseitig einsetzbar ist.
Ein besonderer Vorteil des Systems ist, dass es sich direkt auf Standard-LC-Geräten (max. Druck
Literatur
[1] N. H. Schebb, B. Inceoglu, T. Rose, K. Wagner, B. D. Hammock, Anal Methods 2010, 3, 420.
[2] B. Inceoglu, K. M. Wagner, J. Yang, A. Bettaieb, N. H. Schebb, S. H. Hwang, C. Morisseau, F. G. Haj, B. D. Hammock, Proc Natl Acad Sci U S A 2012, 109, 11390.
[3] Schebb, N. H.; Inceoglu, B.; Morisseau, C.; Ahn, K. C.; Gee, S. J.; Hammock, B. D. Environ Sci Technol 2011, 45, 3109-3115..
[4] N. H. Schebb, M. Huby, C. Morisseau, S. H. Hwang, B. D. Hammock, Anal Bioanal Chem 2011, 400, 1359.
*) AB SCIEX Darmstadt
**) Tierärztliche Hochschule Hannover, Institut für Lebensmitteltoxikologie und Chemische Analytik.















