InterviewAnette Schönbrod

Interview mit Anette Schönbrod über steigende Qualitätsansprüche, E-Business und die Internationalisierung des Marktes. Sie begann bei Air Products 1999 als Außendienstmitarbeiterin für Spezialgase. Seit Januar 2010 arbeitet die heute 45-Jährige als Major Account-Managerin für Spezialgase, Reinstgasequipment sowie den CryoEase Lieferservice und betreut derzeit für Air Products internationale Großkunden.

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Interview: Anette Schönbrod

LABO: Worin liegt der Hauptunterschied zwischen Industrie- und Spezialgasen?
Schönbrod: Unsere Kunden benötigen ultrareine Spezialgase mit höchsten Qualitätsanforderungen, z.B. für hochempfindliche analytische Anwendungen, um täglich einen störungsfreien Arbeitsablauf im Labor gewährleisten zu können. Dies sind z.B. Laboratorien für Auftragsanalytik oder Betriebslabore der Chemie-, Pharma- oder Lebensmittelindustrie. Industriegase für technische Anwendungen, z.B. zum Schweißen und Schneiden, weisen zwar ebenfalls eine gleichbleibende Qualität auf, jedoch sind die Fremdgasbestandteile oder Analysenzertifikate nicht von großer Bedeutung.

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Im analytischen Bereich bei Emissionsschutzmessungen, Kalibrierungen oder Prozessanwendungen hingegen, sind äußerste Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Rückverfolgbarkeit das A und O, im Zweifelsfall ist das sogar lebenswichtig. Unsere Experis-Kalibriermischungen sorgen beispielsweise dafür, dass Gaswarngeräte einwandfrei funktionieren und zuverlässig vor Kontaminationen in der Luft warnen. Es können jedoch auch finanzielle Aspekte eine Rolle spielen, etwa bei der Bestimmung des Brennwertes von Erdgas oder bei Emissionsmessungen, schließlich sind diese Messungen die Grundlage für den Emissionshandel.

LABO: Wie bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die Genauigkeit, können Sie ein Beispiel nennen?
Schönbrod: Nehmen wir an, ein Unternehmen emittiert jährlich 100000 Tonnen CO2 und misst dies mit einem Analysegerät, das mit einer mangelhaften Gasmischung kalibriert wurde. Bei einer Messunsicherheit von ±2 % könnten sich die so ermittelten CO2-Emissionen dann auf bis zu 102000 Tonnen pro Jahr belaufen. Wenn die Emissionsrechte beispielsweise mit 81 € pro Tonne CO2 gehandelt werden, müsste das Unternehmen weitere rund 160000 € zahlen, um eine Erlaubnis für die Emission dieses eigentlich gar nicht vorhandenen CO2 zu erwerben. Da ist es klar, dass sich eine Minimierung der Messunsicherheit durch die Verwendung von Kalibriergasen mit geringst möglichen Messunsicherheitswerten bezahlt macht.
LABO: Welche Gase und Leistungen bietet Air Products seinen Kunden an, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen?
Schönbrod: Das sind zunächst die bereits genannten ultrahochreinen Experis-Gase für alle analytischen Anwendungen, dazu gehören Helium, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Argon, synthetische Luft ebenso wie Acetylen und Kohlendioxid in verschiedenen Reinheitsgraden und Flaschengrößen. Ebenso liefern wir Kalibrier- und Prozessgasgemische sowie dazu passendes Reinstgas-Equipment wie Druckminderer oder Entspannungsstationen.
LABO: Wie garantiert Air Products die Reinheit der Gase?
Schönbrod: Sämtliche ultrahochreinen Gase werden gemäß Spezifikation geliefert, die genau die maximalen Fremdgasanteile garantiert. Alle Kalibrier- und Prozessgasgemische werden mit einem Zertifikat geliefert, das die maximalen Verunreinigungen dokumentiert. Die Gase sind nach ISO 9000 zertifiziert. Unsere Kalibriergasgemische weisen ein Analysenzertifikat nach ISO-Norm 6141 auf, das alle erforderlichen Rückverfolgbarkeitsdaten enthält. Auf Wunsch liefern wir auch Kalibrierzertifikate nach ISO-Norm 17025 von unseren entsprechend akkreditierten Laboratorien.
LABO: Die Kundenansprüche können ja sehr unterschiedlich sein. Wie hat man sich den Beratungsprozess mit Ihren Kunden vorzustellen?
Schönbrod: Die Bedürfnisse sind oftmals getrieben von Aspekten wie dem steigenden Kostendruck, notwendiger Prozessoptimierung, höheren Umweltauflagen, dem Bedarf an besten Analyseergebnissen und einer sehr gezielten Kontrolle des Herstellungsprozesses von Produkten. Wichtig ist also zu Beginn eine Bestandsaufnahme, um die Ziele zu definieren.

Es hat sich bewährt, zunächst mit den Anwendern im Labor oder der Produktion zu sprechen, d.h.: Welche Geräte kommen standardmäßig zum Einsatz, welche Gasreinheit wird momentan eingesetzt und wie ist die Anlage aufgebaut? Im nächsten Schritt stimmen wir uns mit dem Einkauf ab, wobei eine Kosten-Nutzen-Optimierung meist im Vordergrund steht. Auch ist entscheidend, wie hoch der Flaschenverbrauch für die einzelnen Gase ist. Abhängig von der Anzahl verbrauchter Flaschen pro Monat macht dann beispielsweise unsere vor Ort fest installierte Minitanklösung des „CryoEase Lieferservice“ Sinn.

LABO: In welchem Fall lohnt sich denn ein solcher Tank ganz konkret?
Schönbrod: Beim CryoEase Lieferservice zahlt man nur die tatsächlich genutzte Gasmenge, denn die im Fall von Flaschen übliche Restmenge entfällt. Der Kosten-Nutzen-Faktor lässt sich dabei exakt ausrechnen. Dieses Versorgungssystem lohnt sich bereits ab einem Verbrauch von 10 großen Flaschen eines Produkts pro Monat. Der CryoEase Lieferservice stellt insofern eine rentable Alternative für Großabnehmer dar, denn er schließt die Lücke zwischen der Lieferung von Flüssiggasen für Großtanks und der Versorgung über Gasflaschen. Typische Anwendungsfälle sind die ICP-Spektroskopie mit Argon, kryogene Prozesse, für die große Mengen an Stickstoff benötigt werden, oder Sauerstoff für die Metallherstellung.
LABO: Wie genau funktioniert die Versorgung über den CryoEase Lieferservice und welcher Aufwand entsteht durch die Umstellung für Unternehmen?
Schönbrod: Beim CryoEase-System erfolgt die Versorgung über Tanks mit einer Kapazität zwischen 200 und 2000 Litern. Die Installation eines CryoEase-Tanks benötigt dabei nur wenige Stunden. Mit diesem Versorgungsprinzip entfällt zudem das Handling mit Gasflaschen, der zeitraubende Austausch sowie der mit Bestellungen verbundene Verwaltungsaufwand. Zusätzlich verhindert die Versorgung über Rohrleitungen eine Verunreinigung der Gase, wie sie beim Wechsel von Gasflaschen vorkommen kann. Die Auffüllung erfolgt dabei ganz automatisch ohne gesonderte Bestellung, sobald der Grundbedarf ermittelt wurde. Gleichzeitig sinkt der Platzbedarf an Lagerfläche, da ein CryoEase Tank bis zu 125 Gasflaschen zu ersetzen vermag.
LABO: Gibt es noch weiteres Equipment, das Sie im Hinblick auf die Reinheit von Gasen empfehlen?
Schönbrod: Ja, beispielsweise bei der Messung von Kohlenwasserstoffen in Abgasen per Flammen-Ionisations-Detektion (FID). Hier kommt es auf Gase höchster Reinheit an, die selbst keinerlei Kohlenwasserstoffe enthalten dürfen, um die Messung nicht zu verfälschen. Die patentierte BIP-Technologie (BIP = built in purifier) von Air Products reduziert die Menge an Kohlenwasserstoff, Sauerstoff und Feuchte. Mit weniger als 10 ppb Sauerstoff und 20 ppb Feuchte bieten Experis-Gase in Verbindung mit der BIP-Technologie den höchsten Reinheitsgrad, der am Markt erhältlich ist. Die Umstellung auf die BIP-Gasflaschen ist unkompliziert, da das aktuelle System des Kunden nicht angepasst werden muss.
LABO: Bieten Ihre Gasgemische besondere Vorteile im Vergleich zu denen des Wettbewerbs?
Schönbrod: Wir garantieren z.B. für zahlreiche Kalibriergasgemische eine Haltbarkeit von 10 Jahren. Dazu zählen Mischungen mit Argon, Helium, Kohlendioxid, Sauerstoff, Edelgasen sowie vielen Kohlenwasserstoffen und Halogenkohlenwasserstoffen. Von der verlängerten Haltbarkeit profitieren besonders Unternehmen, die nur geringe Volumina verbrauchen. Die verlängerte Haltbarkeit resultiert aus technologischen Verbesserungen in unserer Gasgemischproduktion und unserer Flaschenvorbehandlung. Mit 200 bar abgefüllt, beinhalten unsere Flaschen für Mischungen zudem mehr Gas. Denn eine mit 200 bar abgefüllte Gasflasche der Größe 50-Liter enthält 33 % mehr Gas als eine Gasflasche derselben Größe, die nur mit 150 bar gefüllt wurde. Der Großteil der Flaschen am Markt sind 150-bar-Flaschen. Bei Air Products bekommt der Kunde also nicht nur mehr Gas pro Flasche, sondern kann auch durch weniger häufige Flaschenwechsel und reduzierte Flaschen-Mietkosten Einsparungen erzielen.
LABO: Wie hat sich der Markt für Spezialgase in den letzten Jahren entwickelt?
Schönbrod: Die Entwicklung in Richtung „E-Business“ schreitet natürlich stetig voran. Kunden fragen aktiv nach papierlosen Bestell- und Abwicklungsprozessen. Dieser Entwicklung begegnen wir beispielsweise mit papierfreien Rechnungen, unserem Online-Bestellservice „AP-Direct“ oder dem „Online Gas-Selector“, mit dem Kunden eine Vorauswahl treffen können, welche Gasgemische für ihre Anwendung jeweils am besten geeignet sind. Während es früher Verantwortliche für spezielle Bereiche und Tätigkeiten gab, sind heute zunehmend Generalisten gefragt. So hat aber jeder einzelne Mitarbeiter weniger Zeit, sich einzelnen Dingen und Prozessen zu widmen. Dies kann teilweise durch unsere Leistungen im E-Business und unsere Beratungsleistungen aufgefangen werden.
LABO: Wie sieht es mit globalen Entwicklungen aus?
Schönbrod: Die Internationalisierung hat zugenommen, d.h. es geht vermehrt um international geltende Zertifizierungen und ISO-Normen. Wir werden außerdem immer öfter für internationale Ausschreibungen angefragt, d.h. wir erstellen länderübergreifende Angebote und realisieren entsprechende Aufträge. Gleichzeitig tendieren Unternehmen zur Anschaffung teurerer und präziserer Instrumente. Dabei sinkt der Gasverbrauch, aber die Kosten und Reinheitsanforderungen für die einzelnen Gase sind höher. Dies hängt mit den steigenden Ansprüchen an die Qualität, Stabilität und Verlässlichkeit zusammen, was sich auch an den gestiegenen Zertifikatsanforderungen zeigt.
LABO: Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und Umweltschutz?
Schönbrod: Nachhaltigkeit spielt mittlerweile überall mit rein. Air Products punktet z.B. bei den Kalibriergasgemischen mit weit überdurchschnittlichen Stabilitätsgarantien d.h. Gemische mit niedrigem Umschlag können länger am Gerät angeschlossen bleiben – auch eine positive Auswirkung um Bestellaufwand, Neubefüllung, Transportbelastung etc. zu vermeiden. Die genannte Entwicklung zum papierlosen E-Business trägt diesem Umstand ebenfalls Rechnung. Air Products engagiert sich auch bei den alternativen Energien – Wasserstoff als Energielieferant der Zukunft oder Gasrückgewinnung sind im Unternehmen ein interessantes Thema.
LABO: Welche Entwicklungen erwarten Sie für die nächsten Jahre im Bereich der Spezialgase?
Schönbrod: Durch die immer strenger werdenden Vorgaben der Umweltbehörden sowie die noch höhere Präzision von Analysengeräten werden die Qualitätsanforderungen an Gase und Gemischen weiter steigen. Sicherlich werde auch ich mich zukünftig mehr mit B2B-Plattformen, Video-Konferenzen oder virtuellen Messeauftritten beschäftigen.

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